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Guantanamo: Wärterinnen zwangen Häftlinge zum Sex

Tagebuch mit schockierendem Inhalt.
Tagebuch mit schockierendem Inhalt. ©EPA
Das US-Gefangenenlager Guantanamo ist für Folter bekannt. Wie ein Insasse nun aber berichtet, soll auch sexueller Missbrauch zu den Foltermethoden gehören: Der Häftling Ould Slahi schildert in seinem Tagebuch, wei er von Wärterinnen zu Sex gezwungen wurde.

Seit nunmehr über 13 Jahren sitzt Ould Slahi im US-Gefangenenlager Guantanamo. 2001 wurde er in seinem Heimatland Mauretanien festgenommen. Nach wenigen Tagen wurde er an US-Behörden übergeben, wie der “spiegel” berichtet. Bis heute wurde gegen den Mauretanier keine Anklage erhoben, 2010 urteilte ein Richter, dass dem 44-Jährigen keine Unterstützung der Anschläge vom 11. September nachgewiesen werden könne. Doch für Slahi bedeutete der Richterspruch keineswegs die Freiheit, er sitzt weiterhin ein.

“Absolut entwürdigend”

2005 Schrieb Slahi ein Tagebuch. Es verdeutlicht das Grauen hinter den Zäunen, welches die Häftlinge zu durchleben haben. Unter anderem erzählt der Mann, wie er von US-Beamtinnen sexuell missbraucht wurde. “Okay, dann geben wir dir heute eine Lektion in tollem amerikanischem Sex”, habe eine Frau zu ihm gesagt. Dann hätten ihn zwei Frauen gezwungen, “in absolut entwürdigender Weise bei einem Dreier mitzumachen”, schreibt Slahi.

“Gleichzeitig gaben sie obszönes Zeug von sich und machten an meinem Intimbereich rum”, berichtet der Mann weiter. “Ich erspare Ihnen die Wiedergabe des widerwärtigen, entwürdigenden Geredes, das ich mir von mittags bis abends um zehn anhören musste.” Seine Kleidung hätten ihm die Peinigerinnen dabei nicht abgenommen, wie “spiegel.de” weiters berichtet. “Alles passierte so, dass ich meine Uniform anbehielt”, erinnert sich der Gefangene.

Während des Missbrauchs habe er gebetet. Dafür sei er bestraft worden. Man habe ihm schließlich angeboten, dass die Übergriffe aufhören würden, wenn er “kooperiere”. Slahi ist nicht der einzige Insasse, der von sexuellem Missbrauch berichtet. Auch ein britischer Häftling erhebt Vorwürfe. Er sei auf den Boden gedrückt und intensiv durchsucht worden. “Wir nennen es Guantanamo-Massage”, so der Mann. Murat Kurnaz, ein deutscher Häftling, schildert, dass einmal drei Frauen in Spitzenunterwäsche in seinen Verhörraum gekommen seien. Sie setzten sich auf seinen Schoß und rieben ihre Brüste an seinem Rücken. “Wir könnten ein bisschen Spaß haben”, habe eine der Frauen gesagt. Nachdem er einer der Frauen eine Kopfnuss verpasst habe, hätten Soldaten den Raum gestürmt und ihn verprügelt. Es dürfte sich bei den Sex-Attacken um keine Einzelfälle handeln: Bereits 2005 kam ein vertraulicher Untersuchungsbericht laut “spiegel.de” zu dem Schluss, dass Verhörbeamtinnen übergriffig wurden.

Kampf um Veröffentlichung

Allein das juristische Gezerre um Slahis “Guantanamo-Tagebuch” zeigt, wie brisant das 466 Seiten zählende, handgeschriebene Manuskript ist. Mehr als sechs Jahre kämpften seine Verteidiger für die redigierte Freigabe unter den strengen Protokollen des US-Militärs. Es wurde an einem sicheren Ort nahe Washington gelagert und war nur denjenigen mit vollen Sicherheitsbefugnissen zugänglich.

Folterkammer Guantanamo

Herausgekommen ist ein detaillierter und nüchterner Einblick in eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des amerikanischen Militärs. Erst vergangenen Monat schilderte ein Senatsbericht die CIA-Verhörmethoden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als weit brutaler als bisher bekannt. Slahis Schilderung reihen sich in das verstörende Bild ein und zeichnen die Folterkammer Guantanamo als ein Gruselkabinett. Mit Schlafentzug, Endlos-Verhören, Verlegung in eine Kältekammer mit rund zehn Grad Celsius, durch Schläge, Beleidigung und Demütigung soll er eingeschüchtert, gedemütigt, zermürbt und so zum Geständnis gezwungen werden.

“Plötzlich brach ein Kommandoteam, bestehend aus drei Soldaten und einem Schäferhund, in unseren Vernehmungsraum ein”, schreibt Slahi. Zwei komplett Vermummte hätten ihm brutal ins Gesicht und in die Rippen geschlagen. “Verbindet dem Motherfucker die Augen, wenn er sich umschaut”, habe einer gerufen, dann habe ihm jemand kräftig ins Gesicht geboxt und ihm dann die Augen verdeckt, Ohren gestopft, ihm einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn gefesselt.

“War überzeugt, dass sie mich hinrichten”

“Ich sagte kein Wort, ich war von der Überraschung total überwältigt und überzeugt, dass sie mich jetzt gleich hinrichten würden”, schreibt Slahi. Er sei nach draußen geschleift und in einen Truck geworfen worden, dann folgte eine Bootsfahrt durch die Karibik, auf der die Tortur weiterging. “Der Schlägertrupp machte noch drei oder vier Stunden weiter, dann übergaben sie mich an ein anderes Team, das mit anderen Foltermethoden arbeitete.” Dann musste er Salzwasser trinken, später wurde seine Kleidung von Hals bis zu den Knöcheln mit Eiswürfeln gefüllt, um ihn zu quälen und zugleich Prügelspuren von zuvor zu beseitigen.

Prügelkommando handelte mit Befehl von ganz oben

Das Sturmkommando handelte auf Beschluss von ganz oben: Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister unter dem ehemaligen Präsident George W. Bush, war mit der Akte vertraut und ordnete an, den Druck auf den mutmaßlichen Al-Kaida-Verschwörer mit intensiven Verhören zu erhöhen. Ein Jahr sei er an einem geheimen Ort von “Camp Echo” festgehalten worden, und selbst Vertretern des Roten Kreuzes, die sonst Zugang zu Guantanamo-Insassen haben und für bessere Haftbedingungen kämpfen, wurde der Zutritt “aus militärischer Notwendigkeit” verwehrt.

“Zeigt keine Gnade”

“Zeigt ihm keine Gnade. Erhöht den Druck. Treibt ihn zum Wahnsinn”, zitiert Slahi einen Aufseher. Er selbst habe in der Haft seine eigenen Strategien entwickelt: “Ich gab mich immer ängstlicher, als ich in Wirklichkeit war.” Denn sonst hätte man ihn noch schlimmer behandelt. Immer wieder habe er an seine Familie gedacht. Nach Jahren der Isolation habe er erstmals wieder Kontakt zu ihnen aufnehmen dürfen.

Buch als letzte Rettung für Familie

“Er weiß, dass er unschuldig ist, deswegen hat er durchgehalten”, ist sein Bruder Yahdih Ould Slahi überzeugt. “Wenn ich über alles sprechen würde, was meine Familie erlitten hat, würden wir hier bis morgen sitzen”, sagt er anlässlich der Buchvorstellung in London. Yahdih Ould Slahi, der in Düsseldorf lebt, hat aus dem “Spiegel” erfahren, dass sein Bruder in Guantanamo ist. Erst wollte die Familie in Mauretanien ihm gar nicht glauben. Dann kam der erste Brief aus dem Gefängnis. Das Buch sei die letzte Rettung für die Familie, sie seien stolz auf den Bruder. “Unsere Kinder und Frauen haben aufgehört zu weinen.”

Der Wahrheitsgehalt von Mohamedou Ould Slahis Bericht lässt sich nicht überprüfen, klingt mit Blick auf Details aus dem CIA-Bericht und anderen Berichten aus “Gitmo” aber authentisch. Der Verdacht, er sei in die Planung eines Anschlags auf den Flughafen in Los Angeles oder vom 11. September 2001 in New York verwickelt gewesen, hat sich nach wie vor nicht bestätigt. Bis heute, nach mehr als 13 Jahren Haft, ist Slahi keines Verbrechens angeklagt worden.

(APA/Red.)

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