Grund genug zu bleiben

"Es sollte mehr um die Wünsche und Ambitionen gehen, die hinter einem Projekt stehen." (Elmar Nägele, Architekt)
"Es sollte mehr um die Wünsche und Ambitionen gehen, die hinter einem Projekt stehen." (Elmar Nägele, Architekt) ©Benno Hagleitner
Rankweil - Altenteil, Ausgedinge, Auszugshaus – in der bäuerlichen Tradition gibt es für den Rückzug der Elterngeneration aus dem Haupthaus eigene Formen und Begriffe. Für die Siedlungslandschaft des verstädterten Zeitalters können diese Typologien durchaus inspirieren.
Wohnhaus Abbrederis

Eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung, die Frage altersgerechter Räumlichkeit, wird bislang mit technischen Einzellösungen und institutionellen Versorgungsbauten beantwortet, von Treppenlift bis Pflegeheim. Überzeugende architektonische Modelle fürs eigenständige Wohnen im Alter sind rar. Eine solche räumliche „Altersvorsorge“ müsste im Sozialen beginnen, mit der Überlegung, wie sich Menschen in unterschiedlichen Lebensstadien miteinander in eine erfreuliche Beziehung bringen lassen und wie das architektonisch übersetzt werden kann. Das Sprechen und Verhandeln darüber ist nicht direkt sichtbar und dennoch entscheidender Bestandteil der Gestaltung. Das Haus Abbrederis in Rankweil zeichnet sich durch die hohe Qualität dieses „unsichtbaren“ Designs aus – eine Behauptung, die sich mit dem entstandenen Gebäude sichtlich belegen lässt.

Das Ehepaar Abbrederis lebte seit einigen Jahren allein im Wohnhaus aus den 1970er-Jahren. Die drei Kinder waren längst ausgezogen und nur mehr besuchsweise daheim. Als vor knapp zwei Jahren einer der Söhne für sich und seine Familie ein Eigenheim zu bauen überlegte, entstand die Idee, ihm das bestehende Haus zu überlassen. Es war für zwei Personen ohnehin zu groß geworden. Stattdessen begannen die Eltern über eine neue Bleibe nachzudenken, passend in der Größe und für die Zukunft bis in ein möglichst hohes Alter. Ein Wohnungskauf wurde bald verworfen. Abgesehen von den hohen Kosten konnten sich die beiden nicht so richtig damit anfreunden, künftig ohne Gemüsebeet und Wiese vor dem Haus zu sein. Was damit fast schon in der Luft lag, sprach der Bruder der Bauherrin aus: Warum nicht den eigenen Garten nutzen für ein kleines Haus? Weil Elmar Nägele nicht nur ein aufmerksamer Verwandter, sondern auch Architekt ist, konnte die Idee in kurzer Zeit in die Tat umgesetzt werden.

„Die Frage war, wie wir ein zweites Haus auf dieses Grundstück mitten im Wohngebiet stellen, ohne den Garten zu schmälern“, erzählt Nägele vom Beginn der Planungen. Die Antwort lag zum Einen in der geschickten Positionierung des Bungalows entlang der nördlichen Grundgrenze, zum Zweiten spielte die überlegte Organisation von gemeinsamen und individuellen Nutzflächen eine wichtige Rolle. Es wurde nicht einfach durch zwei geteilt, sondern über gemeinschaftliche Nutzwerte nachgedacht. So heizt die Erdwärmesonde des alten Hauses das neue mit. Die Zufahrt mit Autoabstellplatz und selbstverständlich der Garten, der nun die verbindende grüne Mitte bildet, werden gemeinsam genutzt. Weil die Lust auf Nähe aber bekanntlich von der Möglichkeit gelegentlicher Distanz belebt wird (gerade wenn es um die eigene Familie geht), wurden Rückzugsräume mitbedacht, auch außen. Ein überdeckter Sitzplatz am westlichen Ende des Baukörpers bietet wind- und sichtgeschützte Atmosphäre im Freien und holt zugleich ein Stück Garten ins Volumen des Gebäudes. Das daran anschließende Wohnzimmer hält mit einer vollflächigen Verglasung bis auf Sitzhöhe ebenfalls enge Verbindung zum Außenraum. Hier spielt sich das Leben ab, werden Gäste empfangen, gibt es Platz für Kinder und Enkel. Die großzügige Dimensionierung des Raums wurde möglich, indem die Zimmer rundherum als „dienende Zellen“ interpretiert wurden, die zweckmäßig und angenehm, aber deshalb noch lange nicht groß sein müssen.

Die Intelligenz, das Vorhandene wahrzunehmen und ökonomisch damit umzugehen, bestimmt das Projekt auf allen Ebenen. Die Entscheidungen für heimisches Holz als Baumaterial, für regionale Betriebe und möglichst einfache Bautechniken sind der gleichen Denkart geschuldet, genauso das begrünte Dach: „Wir nehmen ja grünen Grund weg und sind das der Erde sozusagen schuldig“, sagt Franz Abbrederis als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.


Daten & Fakten

Objekt: Wohnhaus Abbrederis, Rankweil

Architektur: Architekten Nägele Waibel, Dornbirn

Fachplaner/ Ingenieure: Statik: Frick & Schöch, Rankweil; Bauphysik: Günter Meusburger, Schwarzenberg

Planung: 2013

Ausführung: 4–7/2014

Grundstücksgröße ursprünglich: 1650 m², geteilt 767 m²

Nutzfläche: 119 m²

Bauweise: Bodenplatte: Stahlbeton; Wand und Decke: vorgefertigte Massivholzelemente aus Weißtanne, Innenseite unverkleidet, außen Zellulosedämmung und hinterlüftete Fassade sägerau; Spenglerarbeiten in Kupfer; Heizung: Geothermie über Nahwärmeleitung vom Bestandshaus verteilt über Fußboden, zusätzlich Speicherofen lehmverputzt

Besonderheiten: Nachverdichtung im Wohngebiet, Flachdach begrünt, Statik für weiteres Geschoß ausgelegt

Ausführung: Generalunternehmer: Holzbau Sohm, Alberschwende; Baumeister: Nägelebau, Röthis; Fenster: Böhler Fenster, Wolfurt; Heizung, Sanitär: Engel Installationen, Dornbirn; Elektro: Elektro Willi, Andelsbuch; Innentüren: Tischlerei Martin Steurer, Krumbach; Massivholzmöbel: Tischlerei Gerold Matt, Laterns; Speicherofen: Peter Henn, Nüziders

Energiekennwert: 50 kWh/m² im Jahr

Kosten: 1200 Euro/m² netto


Quelle: VN/ Leben & Wohnen

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut

Architektur begreifen
Eine Kernaufgabe des vai ist Architekturvermittlung. Die interaktive Ausstellung Unit Architektur bringt Themen, an denen ein Schuljahr lang geforscht und entdeckt wurde, transformiert ins vai zurück. Eröffnung, 7. November, 19 Uhr, Info: v-a-i.at

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