Griechen-Krise: Die Angst wächst

Referendum könnte Tsipras zu Fall bringen - oder das Land.
Referendum könnte Tsipras zu Fall bringen - oder das Land. ©EPA
Der Staat bankrott, das Volk verzweifelt, aber das Pokern geht weiter: Mit neuen Zugeständnissen gepaart mit neuen Forderungen hat Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras am Mittwoch um ein Einlenken der Gläubiger geworben - wenige Tage vor dem für Sonntag geplanten Referendum.

Tsipras fürchtet offenbar, die wachsende Wut seiner Landsleute könnte bei der Abstimmung zu einer gewaltigen Ohrfeige für ihn werden.

Merkel: “Können in Ruhe abwarten”

Genau das wird in Berlin möglicherweise herbeigesehnt. “Vor dem Referendum kann über kein neues Programm verhandelt werden”, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestag. “Wir können das auch in Ruhe abwarten.”

Totale Implosion für Kabinett Tsipras?

In Berlin ja, in Athen nicht. Dort pilgerten am Mittwoch Rentner in Pantoffeln zu den für einen Tag geöffneten Banken, um nach stundenlangem Warten mit gesenkten Köpfen ihre 120 Euro für die Woche abzuholen. Wegen der schlimmen Lage steht Tsipras Regierung inzwischen vor der Zerreißprobe. Während einige Syriza-Politiker partout zur Drachme zurück wollen, sagte Vize-Regierungschef Giannis Dragasakis im staatlichen Fernsehsender ERT, das Referendum müsse keineswegs abgehalten werden. Das hört sich nach dem Versuch an, die totale Implosion abzuwenden.

Angst vor dem Referendum

Dass Tsipras noch ein neues Angebot nach Brüssel geschickt hat, ist für Charis Theocharis der Beweis dafür, dass der Regierungschef trotz aller Schimpftiraden über die Gläubiger eigentlich im Euro bleiben will. “Er hat die strategische Entscheidung getroffen, er kann jetzt sein Volk nicht nochmal darüber abstimmen lassen”, sagt der Politiker der pro-europäischen Partei Potami in seinem kühlen Büro. Das Referendum müsse ausfallen.

Theocharis war in der Vorgängerregierung der oberste Steuereintreiber – bis er als “Staatsfeind Nummer 1”, wie er sich selbst mit bitterer Ironie bezeichnet, vom damaligen Regierungschef Antonis Samaras geopfert wurde. Theocharis hat Angst vor dem Referendum. Und auch wenn er Tsipras billigen Populismus vorwirft und die Schuld an dem Elend gibt, würde er mit ihm in einer Regierung der nationalen Einheit zusammenarbeiten. “Das wäre der einzige Ausweg.”

Ex-Ministerpräsident Samaras scharrt in den Startlöchern

Auch Ex-Ministerpräsident Samaras gibt sich staatstragend. Der Chef der konservativen Nea Demokratia hält täglich Fernsehansprachen; die griechische Flagge rechts im Rücken, die EU-Flagge auf der linken Seite. Er scharrt als möglicher Retter aus der Opposition mit den Hufen. Im “Café Public” vor dem Parlamentsgebäude erhebt sich ein verdrießliches Gestöhne, als er auf dem TV-Schirm erscheint und das Wort erhebt. Der Kellner dreht den Ton ab.

Es gebe keinen Oppositionspolitiker, der auch nur annähernd Vertrauen in der Bevölkerung genieße, sagt der Politologe Giorgos Tzogopoulos. Das gehöre zu den vielen unüberwindbar scheinenden Hürden in der Griechenland-Tragödie. Tsipras bleibe der starke Mann. Und Tsipras werde eine weitere Blockadehaltung in Berlin gnadenlos ausnutzen, um die Stimmung bis zum Referendum weiter anzuheizen.

Countdown läuft

Offizielle Signale, dass die Volksbefragung doch noch abgeblasen werden könnte, gab es bis zum Mittwochnachmittag nicht, im Gegenteil: Die Regierung legte eine Homepage an, auf der der Countdown abgezählt wird – in Tagen, Stunden und Minuten.

Wie stimmen die Griechen ab?

Über den Ausgang des Referendums wagt derzeit niemand eine klare Prognose. Politologe Tzogopoulos schätzte die Lager auf 50-50. Die Zeitung “Ephimerida ton syndakton” veröffentlichte am Mittwoch eine Umfrage. 51 Prozent der Griechen wollen demnach Nein ankreuzen, 34 Prozent Ja. Seit Beginn der Kapitalverkehrskontrollen am Montag ist das Ja-Lager schon deutlich größer geworden.

Doch wer meint, das Elend bringe alle Griechen gegen Tsipras auf, der irrt. Maria steht seit den frühen Morgenstunden vor der Filiale der Alpha-Bank im Stadtzentrum. Die Bankangestellte kümmert sich rührend um die Rentner, die mit ihren Gehstöcken in der Schlange stehen. Die Menschen täten ihr unendlich Leid, sagte sie. Doch dafür sei auch die EU verantwortlich. “Ich mache am Sonntag mein Häkchen beim Nein.”

(APA)

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