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Bilder des Grauens, tiefer Schock: Vor 40 Jahren verloren die USA in Vietnam

Vietnam erinnerte am 30. April 2015 an Ende des Krieges vor 40 Jahren
Vietnam erinnerte am 30. April 2015 an Ende des Krieges vor 40 Jahren ©AP/ Horst Faas
Der Vietnamkrieg markiert einen Wendepunkt in der US-Geschichte. Von der Niederlage hat sich das Land nie wirklich erholt. Die Spätfolgen spürt auch Barack Obama.

Es waren die Bilder, die schockierten. Die Fotos der letzten Hubschrauber, die vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhoben. Die Menschen, die sich in irrer Verzweiflung an die Kufen der Helikopter klammerten.

Es war die Schmach einer Weltmacht, die vor aller Augen offenbar wurde. Vietnam besiegt Amerika, David bezwingt Goliath. Es war fast surreal, was sich an diesem 30. April 1975 in Saigon abspielte. Der Schock sollte Jahrzehnte andauern – bis heute noch.

Nordvietnamesische Panzer rollen am 30. April 1975 durch die Tore des Präsidentenpalastes in Saigon. Archiv/ AP
Nordvietnamesische Panzer rollen am 30. April 1975 durch die Tore des Präsidentenpalastes in Saigon. Archiv/ AP ©Nordvietnamesische Panzer rollen am 30. April 1975 durch die Tore des Präsidentenpalastes in Saigon. Archiv/ AP

40 Jahre nach Ende des Vietnamkrieges: Schwarz wie die Nacht und schwarz wie die Trauer erhebt sich das Vietnam Denkmal in Washington in den Himmel. Eine dunkle Wand, die drohend über die Köpfe der Besucher wächst. Die Namen aller 58 000 toten amerikanischen Soldaten sind hier eingraviert. “Boys” wurden die blutjungen Kerle damals genannt, oft waren sie gerade mal 20 Jahre alt, als sie in den Krieg geschickt wurden.

“Wir dachten, die Kugeln könnten uns nichts anhaben”

Richard Crisci ist heute 73, ein kleiner, rundlicher Mann. Im Rückblick kann er sich nur wundern, wie unwissend und unbedarft viele seiner Generation damals in den Krieg zogen. “Wir waren junge Männer, die aus der High School kamen und wir fühlten uns, als seien wir drei Meter groß und die Kugeln könnten uns nichts anhaben.” Dann fügt er hinzu: “Wir wussten es einfach nicht besser.” Heute weiß er, dass er damals einfach Glück hatte – die Namen der toten Kameraden findet er in der schwarzen Mauer wieder.

Auch eine fast 70-jährige Frau aus einem Vorort von Washington erinnert sich an die Bilder, die in den letzten Kriegstagen über die TV-Bildschirme flimmerten. “Der Krieg endete wie er begonnen hatte – ohne Kriegserklärung am Anfang und ohne offizielle Erklärung am Ende”, meint sie. Und ihre Gefühle, als sie die Bilder der überstürzten Flucht aus Saigon sah? “Ich weiß nur, dass ich irgendwie gar nicht sonderlich überrascht war.”

Südvietnamesische Zivilisten versuchen die Botschaft von Saigon zu stürmen. Archiv/ AP (1975)
Südvietnamesische Zivilisten versuchen die Botschaft von Saigon zu stürmen. Archiv/ AP (1975) ©Südvietnamesische Zivilisten versuchen die US-Botschaft von Saigon zu stürmen. Ein verzweifelter Versuch, die letzten Evakuierungshubschrauber zu erreichen, bevor die Amerikaner Vietnam verließen. Archiv/ AP (1975)

Ratlosigkeit auch nach 40 Jahren

Eine schlüssige und umfassende Erklärung, warum die Weltmacht USA damals im Sumpf des Krieges versank, warum die stärkste Armee der Welt von “Barfußkriegern” in die Knie gezwungen wurde, gibt es bis heute nicht. “Ich weigere mich zu glauben, dass eine viertklassige Macht wie Nordvietnam nicht an irgendeinem Punkt aufgeben muss”, meinte der damalige US-Außenminister Henry Kissinger damals. Seine Worte sollten stark und überzeugend klingen – im Grunde belegten sie nur seine Ratlosigkeit.

Der Friedensvertrag vor dem schmachvollen Ende

Ironie der Geschichte: Es war ausgerechnet Kissinger, der zwei Jahre vor dem schmachvollen Ende eine Art Friedensvertrag mit Vietnam unterschrieb – und dafür gefeiert wurde. Kissinger und der nordvietnamesische Unterhändler Le Duc Tho bekamen dafür den Friedensnobelpreis zugesprochen. Kissinger nahm ihn an, sein Gegenüber lehnte ab – schließlich sei Friede noch nicht erreicht.

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viet ©Es ist eines der bekanntesten Fotos aus dem Vietnam-Krieg, unter anderem zeigt es Kim Phuc (Mitte). Das Mädchen war neun, als ihr Dorf von südvietnamesischen Kampfflugzeugen angegriffen wurde. Das Foto des flüchtenden nackten Mädchen, dessen Haut von Napalm weggeschmolzen war, wurde zu einem Symbol der Gräuel des Vietnamkriegs. Anlässlich des 40. Jahrestages dankte Kim Phuc ihren Rettern. AP/ Nick Ut/ Archiv

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Die “Orthodoxen” und die “Revisionisten”

“Unter Historikern herrscht allgemein die Meinung, dass der Krieg ein Fehler war”, sagte Prof. Philip Catton von der Ohio University der Deutschen Presse-Agentur. Zwei Lager beherrschten die gegenwärtige Debatte. Einerseits die “Orthodoxen”: Sie meinen, dass der Krieg für die USA im Kern nicht zu gewinnen war, ein Krieg gegen Guerillakämpfer, die nichts zu verlieren hatten, gegen ein “bewaffnetes Volk”, das mit dem Willen der Verzweifelten gegen die Invasoren kämpften.

Washington habe damals den Krieg allzu sehr als Teil der globalen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus gesehen. Doch der legendäre nordvietnamischer Führer “Ho Chi Minh war mehr ein Nationalist als ein Kommunist gewesen”, so Catton.

Anderseits meldeten sich heute die “Revisionisten” zu Wort, die meinen, der Krieg wäre sehr wohl zu gewinnen gewesen. Die USA hätten Nordvietnam nur sehr viel mehr bombardieren, mehr Truppen in die Nachbarländer Kambodscha und Laos schicken müssen.

Das “Vietnam-Syndrom”…

Was bleibt, ist das “Vietnam Syndrom”, das Zögern, sich abermals schlecht vorbereitet in militärische Abenteuer zu stürzen. “Wir haben das Vietnam-Syndrom ein für alle Mal verscheucht”, jubelte Präsident George Bush Senior nach der Befreiung Kuwaits im Februar 1991 – doch er jubelte zu früh.

…und die Furcht vor dem “Mission Creep”

Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben die Furcht vor dem “Mission Creep”, dem schleichende Abgleiten in einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist, wieder lebendig werden lassen. Zumindest für Präsident Barack Obama ist die Furcht vor militärischen Verwicklungen zur bestimmenden Konstante seiner Amtszeit geworden – und er war nicht einmal 14 Jahre alt, als die Schockbilder der startenden Hubschrauber in Saigon um die Welt gingen.

Vietnamesen feiern am Donnerstag Ende des Vietnamkrieges. AP
Vietnamesen feiern am Donnerstag Ende des Vietnamkrieges. AP ©Vietnamesen feiern am Donnerstag Ende des Vietnamkrieges. AP

Vietnamkrieg: Kommunistische Guerilla-Taktik macht USA mürbe

Vietnam ist heute eine der Wachstumsmaschinen in Südostasien. Die “Preußen Asiens” nennt man die Vietnamesen wegen ihrer Arbeitsmoral. Im Vietnamkrieg lehrten sie die Amerikaner das Fürchten. Und siegten.

Vietnams Kampf um die Selbstbestimmung war blutig. Er endete am 30. April 1975 mit dem Einzug der nordvietnamesischen Kommunisten in Saigon, heute Ho-Chi-Minh-Stadt.

Was war die Ausgangslage?
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts machen sich die französischen Kolonialherren in Vietnam breit. In den 1940er Jahren formiert sich Befreiungsbewegung Vietminh aus Kommunisten und Nationalisten unter Anführer Ho Chi Minh. Die Franzosen ziehen 1954 nach der Niederlage in der Schlacht von Dien Bien Phu ab. Das Land wird entlang des 17. Breitengrades geteilt. Die Kommunisten herrschen nur im Norden.

Vertragen sich die Bruderstaaten?
Nein, Vietnam wird zum Schauplatz des Kalten Krieges. Der Norden wird von der Sowjetunion und China unterstützt, der Süden von den USA. 1960 startet die kommunistische Guerilla-Bewegung Vietcong den bewaffneten Widerstand im Süden. 1961 schreibt US-Vize-Präsident Lyndon B. Johnson: “Der Kampf gegen den Kommunismus in Südostasien muss resolut und bestimmt unterstützt werden.”

Wann bricht der Vietnamkrieg aus?
Es gibt keine Kriegserklärung. 1961 schickt US-Präsident John F. Kennedy 2000 Militärberater nach Südvietnam. 1965 startet Johnson die Operation “Rollender Donner”. Die USA setzen mehr Bomben ein, als im Zweiten Weltkrieg über Deutschland, Italien und Japan abgeworfen wurden. 1968 sind 500 000 US-Soldaten im Land.

Sind die USA den Nordvietnamesen nicht haushoch überlegen?
Waffentechnisch ja, aber sie sind der Guerilla-Taktik der Vietcong nicht gewachsen. Die Vietcong nutzen nachts Dschungelpfade. Sie transportieren Material durch kilometerlange Tunnel. Sie überfallen südvietnamesische Soldaten mit aus Holz geschnitzten Waffenattrappen. Sie tragen Sandalen aus Autoreifen mit “falscher” Sohle. Der Abdruck legte nahe, dass sie in die entgegengesetzte Richtung gelaufen waren.

Wer erleidet höhere Verluste?
Auf US-Seite werden 58 000 Soldaten getötet, ebenso 500 australische Soldaten. Die Schätzungen über vietnamesische Opfer unter Kämpfern und Zivilisten liegen zwischen einer und drei Millionen.

Was bewegt die Amerikaner zur Aufgabe?
Der Vietnamkrieg ist der erste Krieg, der durch das neue Medium Fernsehen bis in die Wohnstuben dringt. Gegen den Horror des Krieges gehen bald Millionen Menschen weltweit auf die Straßen. 1969 wird das Massaker von My Lai bekannt, wo US-Soldaten 1968 Hunderte Dorfbewohner getötet haben. 1972 geht das Foto eines weinenden Mädchens um die Welt, das bei einem US-Angriff schwere Napalm-Verbrennungen erlitten hat.

Wann ist der Krieg zu Ende?
1973 unterzeichnen Nord- und Südvietnam sowie die USA die Pariser Friedensverträge. Der Norden rückt weiter Richtung Süden vor. Am 30. April 1975 fällt die Hauptstadt des Südens, Saigon.

Was sind die Kriegsfolgen?
In Vietnam leiden drei Millionen Menschen an den Spätfolgen, darunter Krebserkrankungen durch Vergiftung mit Entlaubungsmitteln wie Agent Orange. Bis in die 3. Generation kommen Kinder mit Missbildungen auf die Welt. Eineinhalb Millionen Amerikaner waren im Vietnam-Einsatz. Sie werden zu Hause nicht als Helden gefeiert. Ein Drittel leidet unter Stress-Traumata. “Der Krieg hat den Mythos der Unverwundbarkeit durchbohrt”, formuliert der TV-Kanal History Channel.

Wie stehen die USA und Vietnam heute zueinander?
Bestens. 1995 haben sie diplomatische Beziehungen aufgenommen. Für junge Vietnamesen sind die USA das gelobte Land, Zehntausende studieren dort. US-Firmen haben in Vietnam Milliarden investiert.(dpa/red)

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