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Gore: Gletscherschwund und Waldbrände sind Klima-Alarmzeichen

Al Gore, ehemaliger US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger 2007, schreckt vor drastischen Formulierungen nicht zurück, wenn es darum geht, den Klimaschutz ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.  

“Wir stehen vor einer planetaren Notfallsituation!”, warnte Gore am Mittwochabend als Gastredner des „mobile.futuretalk“ in Wien. Als Beispiele nannte er die massiv schrumpfenden Gletscher, nicht zuletzt auch in Österreich, und die steigende Häufigkeit von Trockenheiten sowie von Busch- und Waldbränden, zuletzt in Griechenland, Australien und Kalifornien.

Die Klimasituation sei jüngsten Studien zufolge noch prekärer als bisher angenommen. In Südkaliforien habe es heuer weniger als drei Zentimeter Regen gegeben. Die Temperaturen seien in den vergangenen Tagen um zehn Grad höher gelegen als im früheren Durchschnitt. Die starken Winde hätten die Situation zusätzlich verschlechtert, schilderte Gore.

„Wir müssen daher handeln, und zwar jetzt!“, forderte Gore vor über 900 Gästen, die auf Einladung von Mobilkom-Chef Boris Nemsic ins Wiener Arsenal gekommen waren. Wie schon in seinem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) führte Gore zahlreiche Beispiele an, die den gefährlichen Klimawandel veranschaulichen sollten.

Er verwende den Ausdruck der „planetaren Notfallsituation“ (planetary emercency) gerne, bewusst, oft und extensiv, um auf die brisante Lage der Welt hinzuweisen und um wachzurütteln, unterstrich Gore. Eine solche Notfallsituation gebe es auf der nördlichen Polarkappe: Neuesten Berechnungen zufolge schmelze dort das Eis wesentlich schneller als bisher angenommen. „Nachdem das nördliche Polarmeer in den letzten drei Millionen Jahren ständig zugefroren war, droht nun ein komplettes Verschwinden der Eiskappe innerhalb der nächsten 23 Jahre! Das heißt, dass wir eine dramatische Veränderung in nur einer einzigen Generation erleben werden, nachdem dieses Phänomen zuvor länger als die gesamte Menschheitsgeschichte bestanden hat“, warnte der Nobelpreisträger.

Gore zitierte zur Umschreibung seiner Klima-Strategie ein altes afrikanisches Sprichwort: „Wenn du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn du weit gehen willst, geh gemeinsam mit anderen.“ Gore fügte hinzu: „Das reicht aber nicht: Wir müssen weit gehen, und wir müssen schnell gehen!“ Den Leugnern des Klimawandels empfahl er, das Evidente nicht länger zu leugnen. „Wir vertrauen doch auch unserem Hausarzt, wenn unser Kind Fieber hat. Wir antworten nicht einfach: ’Ich habe einen Science-Fiction-Roman gelesen, und da stehen andere Dinge drin. Daher haben Sie unrecht!’ Es ist arrogant zu glauben, dass wir das Recht haben, nichts gegen den Klimawandel zu tun, unter dem folgende Generationen leiden werden. Wir haben die moralische Verpflichtung, etwas zu verändern. Die Wahrheit ist eben unbequem!“

Bliebe die Welt untätig im Kampf gegen den Klimawandel, würden die Eismassen weiter schmelzen. Das allein würde innerhalb kurzer Zeit zu einem Ansteigen des Meeresspiegels um einen Meter führen. Damit würde nicht nur viel Landmasse verloren gehen, sondern es würde auch einen immensen Flüchtlingsstrom nach sich ziehen. Gore rechnete mit über 100 Millionen „Klima-Flüchtlingen“, die aus Küstenregionen fliehen müssten. Stiege der Meeresspiegel gar um sechs Meter an, so erhöhe sich die Zahl der Klima-Flüchtlinge auf fast eine halbe Milliarde Menschen, ein Zwölftel der gesamten Menschheit. Als Folge könnte es auch zu politischen Konflikten und gar Kriegen kommen, denn dorthin, wohin diese Menschen flüchten würden, leben bereits andere Menschen. In diesem Zusammenhang nannte Gore auch den Darfur-Konflikt. Nicht zuletzt wegen regionalem Wassermangels in den vergangenen 40 Jahren kam es zu massiven Flüchtlingsbewegungen dorthin und damit zur politischen und humanitären Krise.

„Zwar sind wir noch Bürger von Nationalstaaten, aber wir sind auch globale Bürger. Die Probleme, die wir heute haben, sind von planetarischem Ausmaß, deshalb müssen wir über alle Grenzen hinweg gemeinsam handeln“, forderte Gore. „Wir müssen eine freie Kommunikation über die Wahrheit der Situation unserer Welt führen. Vielleicht haben wir wirklich nur noch zehn Jahre, um zu reagieren! Wir müssen Angst haben vor der Frage der nächsten Generationen: ’Warum habt Ihr nicht gehandelt? Warum habt ihr nicht auf die Wissenschaftler gehört?’ Wäre es nicht viel besser, die kommenden Generationen würden uns fragen: ’Wie konntet Ihr nur den moralischen Mut und die Weitsicht aufbringen und dementsprechend handeln?’ Ich will, dass die kommenden Generationen uns diese zweite Frage stellen werden!“ Die Veränderung sei machbar: „Wir brauchen nur den politischen Willen, und dieser ist in einer Demokratie wie Österreich oder den USA eine erneuerbare Energiequelle!“

Der ehemalige US-Vizepräsident, der in seinem Staatsamt wegen seiner zurückhaltenden und oft hölzernen Art oft als „Schlaftablette“ verspottet wurde, entfachte bei seinem souverän und gänzlich frei gehaltenen Vortrag Begeisterung im Publikum. Mobilkom-Chef Nemsic zollte dem einzigen Menschen, der bisher sowohl einen Oscar als auch einen Nobelpreis erhalten hat, augenzwinkernd große Anerkennung: „Das war ganz einfach A1!“

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