Page 1Page 1 CopyGroupGroupPage 1Combined ShapePage 1Combined ShapePage 1Triangle Page 1 VNVorarlberger Nachrichten Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1 Rectangle 9 Combined ShapeCombined ShapePage 1Page 1Page 1Page 1Page 1AAAAPage 1 Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1

Glück der Grenze

Behaglich hingebreitet: Offen zur Landschaft, dem Dorf zugewandt.
Behaglich hingebreitet: Offen zur Landschaft, dem Dorf zugewandt. ©Albrecht Schnabel
Lienz/ Altstätten - Grenzbereiche haben ihre ganz eigene Spannung; einerseits abweisend und starr, können sie andererseits ganz anziehend und dynamisch werden.
Leben & Wohnen in Lienz

So ist es in vielerlei Hinsicht beim Haus Kopp. Man könnte mit den Bauherrn, geübte Grenzgänger, beginnen: sie Vorarlbergerin, er Schweizer. Beide dem städtischen Kulturleben verbunden und begeisterte Sportler unter freiem Himmel. Man könnte fortfahren mit der Landesgrenze in Blickweite. Man könnte den Zusammenstoß zweier Landschaften – hier das flache, bäuerlich geprägte Tal, dort der steile, kaum zugängliche Berg – ins Feld führen. Man könnte das grenzwertige Grundstück anführen – so steil, dass es sich lange nicht verkaufen ließ. Man könnte die Grenzen im Haus selbst nennen.

Aus dem Dorf steigt der Weg den Berg entlang an, der knappe Giebel mit präzis eingeschnittenen Öffnungen kommt in Sicht, dann steht man traufseitig vor dem zum Tal dreigeschoßigen Haus. Hangbegleitende Betonwände leiten zur zurückgesetzten Garageneinfahrt, in dieser metallverkleideten Nische der witterungsgeschützte Eingang. Man betritt eine „felsige“ Gruft, Garderobe mit einläufiger Treppe senkrecht zum Hang – wie die beiden flankierenden Wände Sichtbeton in perfekter Schweizer Schalungskunst.

Mit dem Austritt der Treppe ist die hangseitige Längsseite des Gebäudes erreicht. Der Weg wendet sich nochmals, entlang der Außenwand geht es ins dritte Geschoß, seitlich versetzt im zweiten der Flur, der die Schlafräume mit zwei kleinen Bädern auf dieser Ebene erschließt. An Decke und Wänden überwiegt Weißtanne, wenige Trennwände Gipskarton, die Wand zur Treppe in Sichtbeton. Der Boden Eichendielen massiv, hell lasiert.

Auf massiven Eichenstufen geht es dann – mit höchster Präzision eingepasst – zwischen hohen Wänden aus Weißtanne hinauf unters Dach – das Wohngeschoß. Ein ineinander fließender Raum unter dem First mit kleinem Büro, Küche, Essraum, Wohnraum und Loggia. Dazu seitlich angegliedert eine offene Terrasse, mit einem kleinen Gemüsegarten am Hang und einigen Obstbäumen in die steile Bergwelt übergehend.

Hier oben schlägt das Herz des Hauses. Die Hanglage wird nochmals überhöht, der Raum ist großzügig zum Berg über die Terrasse geöffnet und zum Dorf über die Loggia vermittelt – nun wird die große Öffnung im Giebel verständlich. Die eigentliche Sensation – der Rundblick übers Rheintal von Vorarlberg bis Graubünden, direkt gegenüber Feldkirch – wird jedoch wohldosiert verabreicht: Zwei kurze Fensterbänder mit üblicher Brüstung sind genug. „Jetzt haben wir unglaubliche Bilder, von Wänden gefasst“, berichtet der Hausherr. Balance gehalten zwischen Berg und Tal, Rundblick und Aufblick.

So ist es ein Haus „auf der Grenze“, Mittler zwischen zwei Welten. „Nie hätt’ ich gedacht, dass ich von meiner Terrasse Adler und Gämse beobachten kann. Beide Seiten – das find’ ich spannend. Und ich habe gelernt: Die Adler halten sich nicht an die Grenze. Mit dem Fernglas verfolge ich sie bis Feldkirch hin-
über, bevor sie wieder zu ihrem Horst am Hohen Kasten zurückkehren.“

Eine Gratwanderung haben Bauherren und Architekt miteinander gemacht. Aufgrund seiner gebauten Referenzen beauftragt, war der Architekt zunächst von der Situation wie berauscht, legte einen spektakulären Entwurf vor, musste sich dann mit dem felsigen Grund, mit den Wünschen der Bauherrn auseinandersetzen – „die wollten nicht in einer Auslage wohnen, und der Wunsch nach Holz war ebenfalls sehr deutlich“, erinnert sich der Architekt: „Es war ein Weg der Integration.“

Also bewegte sich der Baukörper zur Straße, wurde konzentrierter, kompakter, ein Raumprogramm auf 140 m2. Die klare Grenze von Beton für Erdgeschoß und Aufgang zum Wohngeschoß und den Wohnräumen als hölzerner Schatulle gewann Gestalt, der Baukörper erhielt eine selbstverständliche, doch entschiedene, schnörkellos klare Silhouette, die einen präzisen Ort in der Landschaft markiert und deren Dramatik den Vortritt lässt.

Ist diese Zurückhaltung, der die Präzision der Ausführung bestens bekommt, die besondere Qualität des Hauses? Das geht nur bei einem hohen Standard des Bauhandwerks und gutem Zusammenspiel mit dem Architekten. „Hilfreich ist die Detailklärung schon vor der Ausschreibung. Und dann muss der Architekt die Bauleitung mitmachen. Oft, teilweise täglich auf die Baustelle, dabei sein, mit den Handwerkern reden.“ Präsenz – dann klappt’s auch mit dem Kostenrahmen. Zu aller Freude und des Bauherrn Glück. Das – so der Dichter Romain Rolland – heißt, „seine Grenzen zu kennen und sie lieben.“

Daten & Fakten

Objekt: Wohnhaus Kopp in Lienz/ Altstätten (Schweiz)

Bauherr: Matthias Kopp

Nutzfläche: 140 m²

Grundstück: 1000 m² am Hang (Fels)

Planung: 2011

Bauzeit: September 2011-Juni 2012

Kosten: ca. 500.000 Euro

Architektur: Stemmer Architekten, Götzis

Örtliche Bauaufsicht: Architekt Roland Stemmer

Statik: Erich Huster, Bregenz

Energieberatung: Paul Heule + Partner, Widnau (Schweiz)

Farbkonzept: Roomservice, Martina Hladik, Dornbirn

Bauweise: Beton im Hangbereich, Holzständerbauweise außerhalb des Hanges, Fassade und Täferung innen in Weißtanne, Fußböden Eiche massiv geölt, Heizung: Luftwärmepumpe kombiniert mit einer Photovoltaikanlage, Fenster: Holzfenster dreifach- verglast in Weißtanne; Niedrigenergiestandard

Ausführung:

Baumeister: Heeb, Altstätten (Schweiz)
Holzbau: Greber, Bezau
Fenster: Schwarzmann, Schoppernau
Parkett: Bechtold, Weiler
Heizung, Sanitär: Hörburger, Altach
Elektro: Öhler, Balgach (Schweiz)
Photovoltaik: S.S.T, Schlins

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut

Architektur vorORT
Aktuell fertig gestellte Bauobjekte von hoher Qualität stellt das vai monatlich in der Reihe Architektur vorORT vor. Nächsten Freitag gibt es die Gelegenheit, den islamischen Friedhof in Altach in Begleitung des Architekten Bernardo Bader zu besichtigen; Freitag, 9. 11. 2012, Treffpunkt: 15 Uhr, Schotterried 1, Altach (an der Bundesstraße zwischen Hohenems und Götzis) Info: v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Schöner Wohnen
  • Glück der Grenze
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen