Germanwings-Absturz: "Co-Pilot war wegen Selbstmordgefahr in Behandlung"

Die Suche im alpinen Gelände gestaltet sich mühselig.
Die Suche im alpinen Gelände gestaltet sich mühselig. ©EPA
Fast eine Woche nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs in Frankreich bleibt der zweite Flugschreiber der Maschine unauffindbar. - Der Co-Pilot der Germanwings-Maschine war vor seiner Karriere als Berufspilot als selbstmordgefährdet eingestuft und in psychotherapeutischer Behandlung.

Das hat die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Montag mitgeteilt: “Der Co-Pilot war vor mehreren Jahren, vor Erlangung seines Pilotenscheines, über einen längeren Zeitraum mit vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischer Behandlung. Im Folgezeitraum und bis zuletzt haben weitere Arztbesuche mit Krankschreibungen stattgefunden, ohne dass Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden ist.”

Keine Auskunft gab es dazu, ob sich dies mit jenem sechsmonatigen Zeitraum deckt, in welchem der Co-Pilot seine Ausbildung unterbrochen und als Flugbegleiter gearbeitet hatte. Die Staatsanwaltschaft gab weiter bekannt, dass die Krankenakten bislang nicht auf eine organische Erkrankung hindeuteten.

Staatsanwalt: “Tat nicht angekündigt”

Mehrere Zeugen aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld seien von den deutschen Ermittlern vernommen sowie Dokumente und Dateien sichergestellt worden. Es fehle jedoch weiterhin “sowohl an der belegbaren Ankündigung einer solchen Tat” als auch ein Abschiedsbrief. Ebenso wenig seien im unmittelbaren privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz Umstände bekannt geworden, die tragfähige Hinweise über ein mögliches Motiv geben könnten.

Lufthansa: “Keine Kenntnis von medizinischer Vorgeschichte”

Die Konzernmutter Lufthansa äußerte sich nach der Pressekonferenz nicht zu den neuen Erkenntnissen, sondern blieb bei ihrem bisherigen Standpunkt: “Über die medizinische Vorgeschichte des Co-Piloten liegen uns keine Erkenntnisse vor”, so Lufthansa-Sprecherin Lara Kittler zur deutschen “Bild”.

“Die Entscheidung, ob jemand flugtauglich ist, ist Sache der vom Luftfahrtbundesamt zertifizierten Fliegerärzte. Wenn diese den Test des Kandidaten als ‘bestanden’ einstufen, dann gilt derjenige als flugtauglich.”

Ein Vertreter der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit sprach sich gegen eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht aus, “denn dann geht gar niemand mehr zum Arzt. Dunkle Lebensphasen in der Jugend dürfen nicht zu einer Stigmatisierung im späteren Leben führen.”

Schlechtes Wetter behindert Bergungsarbeiten

Die Ermittler am Absturzort des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen haben am Montag zunächst auf die Hilfe von Hubschraubern verzichten müssen. “Wir haben etwas schwierige Wetterbedingungen”, sagte ein Sprecher der Gendarmerie. In der Region herrschte heftiger Wind.

Die Helfer wurden stattdessen über eine provisorische Straße in die Nähe des Absturzortes gebracht und legten den Rest des Wegs zu Fuß zurück. Die Teams seien dazu etwa eine Dreiviertelstunde unterwegs, sagte ein Gendarm.

Der Flugdatenschreiber sendet kein Peilsignal

Die Ermittler suchten weiter nach Opfern und dem zweiten Flugdatenschreiber, von dessen Daten sie sich weitere Erkenntnisse über den Absturz erhoffen. Lufthansa-Manager Kay Kratky äußerte sich jedoch zurückhaltend und verwies am Sonntagabend auf eine mögliche Beschädigung des Geräts, weswegen es kein Funksignal geben könne.

Das Flugzeug sei mit beinahe Tempo 800 und damit mit unvorstellbarer Wucht an dem Bergmassiv nordöstlich von Marseille zerschellt, sagte Kratky in der ARD-Talkshow “Günther Jauch”.

Crash-Test: Flugzeug schlägt mit 800 km/h auf

Ein Sprecher der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) widersprach dem Lufthansa-Manager und stellte fest, die Bergungsmannschaften könnten nur auf akribische Suche statt auf Funksignale setzen: “Die Geräte senden nur bei Kontakt mit Wasser”, erläuterte Jens Friedemann. In den Alpen sende der Datenschreiber also gar keine Funksignale. Die BFU ist mit fünf Personen am Absturzort im Einsatz.

Suche nach einer gepanzerten Konservenbüchse

Zwar hatte Frankreichs Präsident François Hollande den Fund der “Hülle” bekanntgegeben – doch damit kann nach Ansicht der Ermittler auch nur das Chassis gemeint sein. Der Chip selbst mit mehreren Hundert gespeicherten Daten steckt in einem gepanzerten Zylinder von der Größe einer Konservendose und ist in den Trümmern entsprechend schwer zu finden.

Airbus will abwerfbare Datenrekorder einbauen

Hersteller Airbus gab indes bekannt, in Zukunft auswerfbare Datenrekorder einzuführen – also Flugschreiber, die vor einem Aufprall abgeworfen werden und so der starken Beschleunigung beim Aufprall entgehen sollen. In der Militärluftfahrt wird bereits mit solchen Vorrichtungen experimentiert. Details gab man keine bekannt, aber voraussichtlich sollen sie in die Außenhaut des Flugzeugs eingebaut werden. Vorläufig aber nur in den beiden größten Airbus-Modellen A350 und A380.

Letzte Gewissheit über Absturzursache fehlt

Die Ermittler erhoffen sich von den auf dem Flugschreiber gespeicherten Daten Aufschluss darüber, was an Bord des Airbus geschah, bevor er vergangenen Dienstag mit 150 Menschen an Bord abstürzte. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der 27 Jahre alte Kopilot Andreas L. die Maschine mutwillig zum Absturz gebracht. Warum – darauf haben die Ermittler noch keine Antwort geben können.

Krankenakte von Andreas L. an Behörden übergeben

Die Behörden hoffen, dass die Bergung der Leichen bis zum Ende der kommenden Woche abgeschlossen ist. Nach Angaben der Ermittler wurde DNA von vorläufig 78 Personen gesichert. Meldungen, wonach Leichenteile des Kopiloten identifiziert wurden, dementierte Robin am Sonntag. “Wir haben noch keine Opfer identifiziert, sondern DNA-Spuren”, sagte Robin.

Das Uniklinikum Düsseldorf hat inzwischen der Staatsanwaltschaft seine Krankenakten des Copiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine übermittelt. Der 27-Jährige, der nach bisherigen Erkenntnissen den Airbus mit 150 Menschen an Bord absichtlich abstürzen ließ, war vor einigen Wochen als Patient an das Uniklinikum gekommen.

Dabei ging es den Angaben zufolge um “diagnostische Abklärungen”, die aber nicht näher erläutert wurden. Auch blieb unklar, in welcher der vielen Abteilungen der Copilot untersucht wurde. Zwischen Februar 2015 und dem 10. März war der Mann mindestens drei Male vorstellig geworden. (red/APA/dpa/AFP)

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