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Gerard Van Swieten, kaiserlicher Vampirjäger

Gastbeitrag: Den Niederländer Gerard Van Swieten kennt man bei uns vor allem als Leibarzt und Berater Maria Theresias. Dem Aufklärer und Universalgelehrten sind in Wien zahlreiche Statuen, eine Straße und eine Kaserne gewidmet. Weitaus weniger bekannt ist, dass er als Vorbild für Bram Stokers Vampirjäger Abraham Van Helsing gedient hat.

Und das mit gutem Grund: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts brach in den östlichen Teilen des Habsburgreichs eine wahre Vampirhysterie aus und grausige Geschichten von geöffneten Gräbern und posthumen Verbrennungen unter Zustimmung und sogar aktiver Beteiligung lokaler Geistlicher und Amtspersonen reichten bis an den kaiserlichen Hof in Wien. Maria Theresia selbst war von diesen Schilderungen hinreichend irritiert, dass sie eine Kommission einiger ihrer besten Gelehrten der Medizin und Anatomie unter der Leitung Van Swietens mit der Klärung der Situation beauftragte.

Van Swieten war ein typisches Kind der Aufklärung und seine in seinem Abschlussbericht erhaltene Herangehensweise bietet einen faszinierenden Einblick in diese frühe Zeit der Wissenschaftlichkeit, in der Aberglauben zugleich durch Vernunft widerlegt und stellenweise in anderer Form zementiert werden.

„Der Aberglauben vom Vampyrismus wird lateinisch Magia Posthuma, oder Zauberey der Abgestorbenen, genennet. Die Vampyren aber sind verstorbene Menschen, welche zuweilen später, zuweilen eher aus dem Grabe aufstehen, den Menschen erscheinen, das Blut aussaugen, an die Hausthüren ungestümm anklopfen, Getöse im Hause erwecken, und öfters gar den Tod verursachen sollen.“ – Gerard Von Swieten in Vampyrismus

Wenn also im Dorf irgendjemandem etwas zustieß oder jemand Angstzustände hatte oder manchmal auch einfach, weil die Leute Hass auf die Person hatten, kam es vor, dass ein/e Verstorbene/r des Vampirismus bezichtigt wurde. Diese Person wurde dann exhumiert und auf „Zeichen“ kontrolliert. Das gängigste dafür war, wenn sich der Körper noch in relativ gutem Zustand befand. Das ist durchaus nachvollziehbar, auch Twilight hätte mit einem großteils verwesten Edward wahrscheinlich wesentlich weniger Erfolg gehabt. Wenn also eine Leiche hinreichend gut erhalten war, dass die Dorfbewohner Übernatürliches gewittert haben, wurde sie – in der Regel von den nähesten Angehörigen, die man dazu zwang – vor den Scharfrichter gezerrt und von diesem gepfählt, geköpft und verbrannt. Da man davon ausging, dass Vampirismus auf alle Leichen, die nach dem „Vampir“ begraben wurden überspringen konnte, wurden all diese oft auch gleich ausgegraben und auf dieselbe Art „getestet“. All diese später begrabenen Leichen waren logischerweise oftmals in ähnlich gutem Zustand und so kam es mitunter zu richtigen „Vampirmassenmorden“ bei denen halbe Friedhöfe umgegraben wurden. Das nahm solche Ausmaße an, dass Leute, die fürchten mussten, nach ihrem Tod angeklagt zu werden, lieber gleich das Weite suchten und auswanderten.

Schnell identifizierte Van Swieten also unvollkommene Verwesung als das Kriterium, das alle vermeintlichen Vampire gemeinsam hatten und erkannte aus Vergleichen mit persönlichen Erfahrungen mit Grab- und Sargöffnungen gut 20 Jahre vor der Entdeckung des Sauerstoffs, dass solche Phänomene besonders dann auftreten, wenn die Leiche unter besonders starkem Luftabschluss bestattet war. Das deckt sich mit vielen heutigen Thesen zum Zustandekommen von Untotenmythen, die speziell die Effekte solcher Vorgänge als Auslöser sehen. Unter Ausschluss von Sauerstoff kann es zu Gärvorgängen kommen, die den Körper aufblähen und gegebenenfalls sogar Körperflüssigkeiten aus den Gesichtsöffnungen drücken. Man kann es Menschen ohne unseren heutigen Wissensstand kaum übelnehmen, dass sie ein/e Verstorbene/r, der/die „wohlgenährter“ als vor der Bestattung wirkt und dem/der vielleicht noch Blut aus dem Mund quillt, beunruhigt.

Van Swieten kontert aber sogleich mit all den Funden gut erhaltener Körper, bei denen es zu keinerlei unerklärlichen Vorkommnissen in der Umgebung gekommen ist. Handle es sich hierbei etwa um arbeitsscheue Vampire? Insbesondere den Fall eines perfekt erhaltenen Engländers führt er ins Feld:

„Durch das Pfarrprotocoll wurde erwiesen, daß seit dem Jahre 1669. kein Mensch in diese Begräbniß gebracht worden. Hier haben wir also einen englischen Vampyre, welcher über 80. Jahre in seinem Grabe ruhig geblieben ist, und keinen Menschen belästiget hat.“ – Gerard Van Swieten in Vampyrismus

Nachdem er diesen Aspekt des Vampirglaubens als natürliche Vorgänge identifizierte, nahm er sich der angeblichen übernatürlichen Geschehnisse an, die die Exhumierungen ausgelöst haben. Während er den Großteil davon als puren Zufall und Humbug abtut, kommt es hier zu einem spannenden Punkt, der die klaren Grenzen der Wissenschaftlichkeit zu dieser Zeit aufzeigt: Der Teufel ist zentraler Angelpunkt seines Dementis. Etwa die häufig angeführten Tiererscheinungen am Friedhof:

„Andere haben geglaubt, sie sehen oder hören einen Hund, ein Kalb, ein Schwein, ein Kalbskopf &c. Hatte denn der Teufel nöthig, einen menschlichen todten Körper lebendig zu machen, in einer solchen Hundes- oder Kalbesgestalt zu erscheinen? Es ist ja zwischen der Ursache, und der vorgegebenen Wirkung nicht die geringste Verbindung.“ – Gerard Van Swieten in Vampyrismus

Er leugnet also nicht, dass es sich um übernatürliche Erscheinungen handeln könnte, er schließt nur aus, dass es Vampire seien: „Keine Angst, das sind keine Vampire. Eventuell ist es der Teufel. Aber sicher keine Vampire!“. Inwieweit das die Betroffenen beruhigt hat, sei dahingestellt.

Jedenfalls erreichte er mit seinem Abschlussbericht, dass die Praxis der Vampirprozesse und Bestattungen in allen Habsburgländern gesetzlich verboten wurde. Damit wurde eine extreme Form der sozialen Stigmatisierung beendet, da die Verbrennung des Körpers im damaligen christlichen Denken eine Auferstehung und damit den Weg ins Paradies unmöglich machte. Das war natürlich nicht nur ein furchtbarer Schlag für die Hinterbliebenen, sie waren damit auch auf alle Zeit die Familie, die einen Vampir hervorgebracht hat. Alles in Allem also ein Sieg der Vernunft. Bis auf die satanischen Tiererscheinungen.

Text zur Verfügung gestellt von: www.dasgrad.com

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