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Finanzkrise gibt Obama Oberwasser

Wochenlang stand US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama im Schatten einer Frau. Sein Wahlkampflager gab es zwar nicht zu, aber es war unübersehbar: Die Ernennung von Sarah Palin zum Vize des Republikaners John McCain hatte den Demokraten kräftig aus dem Tritt gebracht.

Nun hat die gewaltige Krise der Finanzbranche dem Senator aus Illinois wieder Aufwind beschert.

Das spiegelt sich nicht nur darin wider, dass die US-Zeitungen ihm erstmals seit Palins Auftritt auf der nationalen Bühne wieder mehr Raum widmen als der Konkurrenz. Nach dem Verlust seines Vorsprungs in den meisten Umfragen aufgrund des “Palin-Faktors” hat Obama jetzt erneut – wenn auch nur knapp – die Nase vorn und vermittelt bei seinen Wahlkampfauftritten wieder jenen Offensivgeist, jene Aufbruchstimmung, die ihn zu einem politischen Phänomen gemacht haben.

Die Finanzkrise hat Obama einen wichtigen strategischen Vorteil zurückgegeben. War es McCain mit seinem kühnen Palin-Schachzug gelungen, seinem Rivalen das Reformer-Etikett zu stehlen, kann Obama nun wieder genüsslich auf einem seiner Hauptargumente herumreiten: dass der Republikaner nach einem Vierteljahrhundert im Kongress und acht Jahren als Gefolgsmann von Präsident George W. Bush Teil des Problems ist. Nicht ein Tag vergeht, in dem sich Obama nicht öffentlich darüber mokiert, dass sich McCain nun als flammender Bannerträger der Finanzmarkt-Regulierung präsentiert – als hätte er bei einer ganzen Reihe von Gesetzesinitiativen nicht das Gegenteil bewiesen.

“Wir können es uns bei der Lösung einer Finanzkrise nicht leisten, immer zwischen Positionen hin- und herzuspringen, je nachdem was die jüngsten Nachrichten des Tages sind”, spottete Obama beispielsweise am Wochenende. Und er verpasst auch keine Gelegenheit, McCain unter die Nase zu reiben, dass er selbst vor nicht allzu langer Zeit zugab, von Wirtschaft nicht sehr viel Ahnung zu haben: “Und nun will er (McCain) uns auf demselben katastrophalen Pfad weiterführen.” Republikaner, so Obama weiter, hätten die Wirtschaft ruiniert, “und nun müssen wir sicherstellen, dass das nicht noch einmal geschieht”.

Patzer McCains kamen dem Demokraten zu Hilfe. Von einer “fundamental” starken Wirtschaft hatte der 72-Jährige noch nach dem Absturz der Investmentbank Lehman Brothers gesprochen und sein Wirtschaftsberater Phil Gramm den Amerikanern noch unlängst bescheinigt, sie seien Jammerlappen. Und war Obama selbst noch vor kurzem vorgeworfen worden, dass er in Sachen Wirtschaft zwar eine große Lippe riskiert, aber kein konkretes Programm hat, haben ihn hochkarätige Berater aus der wirtschaftlich blühenden Clinton-Zeit – darunter die früheren Finanzminister Robert Rubin und Lawrence Summers – Nachhilfeunterricht gegeben. Er zeige sich zunehmend selbstsicher und “detailorientiert”, kommentierte kürzlich die “Los Angeles Times”. Und: Die Finanzkrise gibt dem als “Elitisten” angeprangerten Obama eine willkommene Gelegenheit, sich populistisch zu geben, als Kämpfer für den “kleinen Mann”, der nur dann die Wall Street entlasten will, wenn auch der “Main Street” geholfen wird, der Hauptstraße – ein Synonym für den Mittelstand.

Kein Wunder, dass Obama in seinen Wahlkampfauftritten die Finanzkrise politisch so ausschlachtet wie es nur geht – und Mccain bemüht ist, das Augenmerk wieder auf das zu lenken, was er als seine “Domäne” betrachtet: die Außen- und Sicherheitspolitik. Seit Sonntag tischt der Republikaner ihn wieder ständig auf, den Vorwurf, dass Obama die Truppenaufstockung im Irak abgelehnt hat und mit einem raschen Abzug allen Fortschritten den Garaus machen würde. Es ist zugleich das Vorspiel für das mit Höchstspannung erwartete erste Fernsehduell der Präsidentschaftsbewerber am kommenden Freitag mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Die konservative “Washington Times” nannte die bevorstehende Debatte am Montag die wohl “entscheidendsten 90 Minuten” im bisherigen politischen Leben des Barack Obama.

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