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Farbenblind: Zwerg auf Vaters Grab

Riedmann über Ritsch's Zwerge: Geniale Idee, aber wo sind die Inhalte?
Riedmann über Ritsch's Zwerge: Geniale Idee, aber wo sind die Inhalte? ©VOL.AT
Im Meinungsblog „Farbenblind“ analysiert Gerold Riedmann auf VOL.AT kleine und große Begebenheiten im Vorfeld der Landtagswahl am 21. September 2014.

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Ich weiß nicht, wie’s Sie sehen – aber mir geht’s mit den SPÖ-Zwergen wie mit der IceBucketChallenge. Eine grandiose Idee, die unglaubliche Aufmerksamkeit erreicht. Aber irgendwann wird man des Vergnügens überdrüssig.

Letzte Woche für Journalisten ein Traum-Thema. Da sind Sozialdemokraten, die sich selbstironisch als Zwerge bezeichnen, dann werden 400 Zwerge über Nacht geklaut. Herrlich! Zeit-im-Bild-2-Gag bei Armin Wolf, BBC, Washington Post! Das darf man sich als Politik-Vertreter der Vorarlberger Landesliga normalerweise nicht mal erträumen.

Diese Woche mühen sich die tapferen Wahlkämpfer der Roten, keine Polizeistation, kein Rathaus – ja, ich sage – keinen Ort in Vorarlberg unfotografiert zu lassen und den Fotobeweis auf Facebook zu posten. Jeweils mit Zwerg im Bild, versteht sich. Es sind sehr viele Zwerge.

Es ist gekippt

Anfangs lustig, ist’s jetzt nervig. Ich kann Ihnen ganz genau sagen, wann mir das mit den Zwergen zu viel geworden ist. Am Sonntagnachmittag, 31. August 2014. Da ist es gekippt. Da hat Michael Ritsch auf Facebook ein Foto eines Zwergs auf einem Grab veröffentlicht. Ich war zunächst irritiert und habe genauer auf das kleine Handydisplay geschaut. Okay, nicht auf irgendeinem Grab, sondern auf dem seines Vaters. Genauer gesagt, dem Familiengrab der Familie Ritsch. Eine hochpersönliche Geste, die – was der verwirrte Facebook-Benutzer lernen durfte – darin ihren Grund hat, dass es Ritschs Vater war, der die SPÖ-Zwerge organisierte (und dann leider im März verstarb, wie die Grabinschrift zeigt).

Mehr, als mich angeht

Ich bin ehrlich: bin mir nicht ganz sicher, wie ich mit dem am Sonntagnachmittag Gelernten umgehen soll. Michael Ritsch hat das Foto nicht auf einem persönlichen Profil, sondern auf seiner „Politiker-Seite“ gepostet, da präsentiert er sich als „Person des öffentlichen Lebens“, wie Facebook vermerkt. 5.689 Leuten gefällt die Seite – das ist seine Reichweite. Als Begleittext zum Foto, das 218 Leute geliked haben, schreibt Michael Ritsch:

DANKE Papa für den “COOLMAN”
…dass du ihn gleich weltberühmt machst, war so nicht besprochen, aber du hattest recht, dass es einzigartig wird… 

Was für enge Freunde ein sehr persönliches Dankeschön zwischen Vater und Sohn ist, ist in meinen Augen viel mehr, als mich als Außenstehenden überhaupt angeht. Mich hat das Facebook-Foto des Wahlwerbungs-Zwerg auf dem Grab des Vaters ratlos zurückgelassen, mich ein bisschen traurig gemacht.

Aufmerksamkeit mit Inhalten füllen

Klar ist: die Zwerge waren die Überraschung des Wahlkampfauftakts, sind die kreativste und social-media-tauglichste Kampagne, die eine Vorarlberger Partei in diesem Wahlkampf bislang auf die Beine gebracht hat. Das weltweite Presseecho ist unbezahlbar.

Aber jetzt wär’s hoch an der Zeit, die Aufmerksamkeit nicht dazu zu nutzen noch mehr Zwerge an allen möglichen und unmöglichen Orten zu fotografieren, sondern über die eigentlichen SPÖ-Kernthemen zu sprechen: Leistbares Wohnen, Armut bekämpfen, Pflege sichern, Kostenfreie Kinderbetreuung.

Alles Themen, bei denen Michael Ritsch die ÖVP ohne allzu große Anstrengung auf dünnes Eis führen kann.

Wahl-Blog „Farbenblind”

Gerold Riedmann (Twitter: @geroldriedmann) ist Vorarlberger Journalist und kommentiert als Geschäftsführer von Russmedia Digital für VOL.AT kleine und größere Episoden aus dem Vorarlberger Landtagswahlkampf. Riedmann war bis 2011 stv. Chefredakteur der VN und arbeitete zuvor in München, unter anderem für den Bayerischen Rundfunk und elektronische Medien der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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