Fährunglück vor Südkorea: Vier Tote, 300 Menschen vermisst

Experten vermuteten, dass die Fähre auf einen Felsen gelaufen sein könnte.
Experten vermuteten, dass die Fähre auf einen Felsen gelaufen sein könnte. ©EPA
Geplant war ein fröhlicher Schulausflug auf Südkoreas beliebte Urlaubsinsel Cheju, am Ende steht eine Tragödie: Eine Fähre mit mehr als 460 Menschen an Bord kentert auf einmal, die meisten Passagiere sind Schüler. Trotz eines groß angelegten Rettungseinsatzes werden am Mittwochabend noch immer fast 300 Menschen vermisst. Den Tod von vier Personen bestätigten die Behörden.
Dramatische Rettungsaktion

Gut 160 Menschen konnten bis zum Abend gerettet werden, etwa die Hälfte davon Schüler. Sie wurden zur Nachbarinsel Jindo gebracht, wo sich stündlich immer mehr Angehörige einfinden. Gegen die Kälte in Decken gehüllt, stellen sie sich auf eine lange Nacht des Wartens und Bangens ein. Warum die 20 Jahre alte “Sewol” bei offenbar ruhiger See kenterte, blieb zunächst unklar.

Kaum Hoffnung für Eingeschlossene

Und ein Sprecher der Rettungsmannschaften sagt: “Ich befürchte, es gibt nur wenig Hoffnung für die im Schiff Eingeschlossenen.” Luftaufnahmen im Fernsehen zeigen Hubschrauber über einem zu 45 Grad geneigten Fährschiff, dessen Bug im Meer verschwunden ist. Völlig verängstigte Passagiere mit Schwimmwesten klettern in Schlauchboote, während das Wasser langsam die Kommandobrücke erreicht und die Fähre allmählich versinkt.

Einige Passagiere rutschen hilflos die steile Seite der mehrstöckigen Fähre hinunter ins zwölf Grad kalte Wasser. Helfende Hände strecken sich ihnen entgegen, auch solche von der Besatzung eines kleinen Fischerboots.

“Wer blieb, saß in der Falle”

“Alles war prima. Dann gab es ein lautes Geräusch, Frachtteile stürzten um”, berichtete Cha Eun Ok in der Stadt Jindo, die der Unglücksstelle am nächsten liegt. Cha war an Deck und fotografierte, als das Unglück seinen Lauf nahm. “Es wurde durchgesagt, dass die Leute an Ort und Stelle bleiben sollten”, sagte sie. “Aber wer blieb, saß in der Falle.”

Überlebenden schildern Panik an Bord

Einige Passagiere berichten, sie hätten einen “enormen Krach” gehört, dann habe sich das Schiff plötzlich zur Seite geneigt. “Die Menschen rutschten alle zu einer Seite. Es war sehr schwer, rauszukommen”, sagt ein Überlebender dem Fernsehsender YTN. Die Crew habe die in Panik geratenen Passagiere wiederholt angewiesen, auf ihren Plätzen zu bleiben und sich nicht zu bewegen. Ein geretteter Schüler berichtet seinerseits, Gepäck und Warenautomaten seien ins Rutschen gekommen. “Alle haben geschrien, und viele haben ganz schlimm geblutet.”

459 Menschen an Bord

Die “Sewol” war mit 459 Menschen an Bord auf dem Weg zur Insel Cheju, als sie 20 Kilometer vor der Küste in Seenot geriet und einen Notruf absetzte. Die Fähre bekam Schlagseite, kenterte und lag Kiel oben im Wasser.

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EPA/ SOUTH KOREA COAST GUARD ©EPA/ SOUTH KOREA COAST GUARD

Menschen im Rumpf der Fähre gefangen

Schließlich ragte nur noch ein kleiner Teil des blau-weißen Bugs heraus. Augenzeugen sagten, viele Vermisste befänden sich vermutlich noch im Rumpf der Fähre, die auch 150 Fahrzeuge an Bord hatte.

Suche im Kampf gegen die Zeit

Rund 100 Schiffe der Küstenwache, der Marine und Fischerboote eilten zu Hilfe. Retter zogen Schiffsinsassen mit den Händen aus dem Wasser.

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Fast 20 Hubschrauber waren im Einsatz und hievten Menschen mit Seilwinden aus dem Meer. Auch ein US-Kriegsschiff war an der Rettungsaktion beteiligt. Die US-Marine bot weitere Unterstützung an. Rundherum schwammen Trümmerteile.

Rechenfehler: Passagiere doppelt gezählt

Für Verwirrung sorgten falsche Angaben über die Zahl der Passagiere und der Geretteten. Zunächst sprach die Regierung von 477 Menschen an Bord, 368 Geretteten und rund 100 Vermissten. Später räumte sie ein, dass den Angaben ein Rechenfehler zugrunde liege: Einige Passagiere seien doppelt gezählt worden.

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Verzweiflung und Wut bei Angehörigen

Was anfangs eine weitgehend erfolgreiche Rettungsaktion aussah, droht nun eine der größten Schiffskatastrophen der vergangenen 20 Jahre in Südkorea zu werden. Bei den Angehörigen der Vermissten kamen zur Verzweiflung noch Wut und Ärger über die Behörden. Zornig gingen sie auf Lokalpolitiker und Journalisten los, die bei einem Notlazarett mit Überlebenden sprechen wollten.

In einer Turnhalle saßen Überlebende in Decken gehüllt auf dem Fußboden. Eine Frau lag auf einer Trage, sie zitterte am ganzen Leib. Ein Mann schluchzte laut, während er in sein Mobiltelefon sprach.

338 Schüler und Lehrer überlebt?

Rund 340 Passagiere waren Schüler und Lehrer von der Danwon-Schule in Ansan, einer Vorstadt von Seoul. Ein Vertreter der Schule berichtete, alle 338 Schüler und Lehrer an Bord hätten das Fährunglück überlebt. Doch diese Angaben konnten weder von der Küstenwache noch von anderen Behörden bestätigt werden.

“Sewol” womöglich vom Kurs abgekommen

Die See war Rettungskräften zufolge ruhig. In der Nacht war aus der Region starker Nebel gemeldet worden. Zahlreiche Fährverbindungen waren deswegen gestrichen worden. Es gab Berichte, dass die “Sewol” vom Kurs abgekommen sei. Doch die Koordinaten der Unglücksstelle, die die Hafenbehörden nannten, lagen nicht weit entfernt von der üblichen Route.

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Berichte über lauten Schlag kurz vor Kentern

Mehrere Überlebende sprachen von einem lauten Schlag, bevor die Fähre kenterte. Doch ein Besatzungsmitglied eines staatlichen Rettungsschiffes berichtete, ein Mitglied der Fähren-Crew habe ihm gesagt, dass es im Unglücksgebiet kein Riff und keine gefährlichen Klippen gebe. Grund des Katastrophe sei vermutlich irgendeine Fehlfunktion der Fähre.

Die “Sewol” war am Dienstag vom Hafen Incheon 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Seoul ausgelaufen. Die Fähre war für rund 900 Menschen zugelassen. Sie ist 146 Meter lang und wurde 1994 in Japan gebaut.

(APA/red)

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