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F: "Hitliste" der brutalsten Schulen

Pünktlich zum Unterrichtsbeginn sind die Franzosen daran erinnert worden, dass viele Schulen des Landes keine Stätten der Bildung, sondern Zonen brutaler Gewalt und Erpressung sind.

Eine „Hitliste“ der schlimmsten Schulen, die das Magazin „Le Point“ nach einem 18-monatigen Rechtsstreit mit dem Erziehungsministerium veröffentlichte, erbost viele Lehrer.

Von vielen Experten wird sie jedoch nicht ernst genommen. Anstatt die Gewaltakte zu zählen, müsste die Regierung sich über Vorbeugung Gedanken machen, kritisiert der Soziologe Eric Debarbieux. Doch auch ein nun vom Erziehungsminister präsentierter „Aktionsplan“ enthält keine vorbeugenden Maßnahmen.

Die „Hitliste“ der gewalttätigsten Schulen sei nicht aussagekräftig, sagt Debarbieux. „Das sind ja nicht die Schulen, die die meisten Gewaltprobleme haben. Das sind jene, die die meisten Gewaltprobleme melden“. Nach dem Erscheinen der Liste, deren Spitzenreiter eine Schule in Nimes mit 285 gemeldeten Gewaltakten im vergangenen Unterrichtsjahr ist, kündigten prompt zahlreiche Lehrer an, sie würden keine Informationen mehr an die Datenbank des Ministeriums weitergeben.

Denn eine stigmatisierte Anstalt verliert weiter Buben und Mädchen – wer bleibt, sind die ohnehin gefährdeten Kinder, deren Familien zum Beispiel den Wechsel auf eine Privatschule nicht finanzieren können. Das Gewaltproblem wird damit verschärft. „Ein Teufelskreis“, sagt Debarbieux.

Während der Fall der Berliner Rütli-Schule, deren Lehrer sich mit einem Hilferuf an den Senat wandten, in Deutschland im vergangenen Frühjahr wie eine Bombe einschlug, gehört die Schulgewalt in Frankreich längst zur Tagesordnung: So wurde im Dezember 2005 eine Lehrerin in einer Pariser Vorortschule von einem Burschen niedergestochen, im März wurde eine schwangere Lehrerin von einem Schüler auf dem Flur gewürgt, während die Kameraden jubelnd danebenstanden. Und jeder neue Fall lässt mehr Eltern vor staatlichen Bildungshäusern zurückschrecken.

„Das Schulsystem ist zweigeteilt“, erläutert Debarbieux. Auf der einen Seite gibt es die staatlichen Anstalten in sozialen Problemvierteln, wo sich hoffnungslose Einwandererkinder völlig überforderten Junglehrern gegenübersehen, auf der anderen Seite stehen staatliche und private Eliteschulen, zu denen besorgte Eltern ihren Sprösslingen auch schon mal mit einem falschen Wohnsitz den Zugang erschwindeln.

Auf Grund eines komplizierten Punktesystems der Lehrergewerkschaft finden sich tatsächlich in den Problemschulen fast nur unerfahrene Lehrer wieder, jährlich wechselt dort 80 Prozent des Personals. Unter diesen Bedingungen Stabilität zu schaffen sei unmöglich, sagt Debarbieux. „Wir brauchen mehr Mittel und wir brauchen vor allem Ruhe“, sagt die Direktorin einer Schule im Norden von Paris, die ihren Namen nicht nennt, weil die Behörde Interviews nicht zulässt. Auch dies ist ein Teil des Teufelskreises: Wenn die Schülerzahlen sinken, werden die Mittel weniger.

Neue Ideen hat die Regierung bisher nicht, auch wenn Erziehungsminister Gilles de Robien diese Woche seinen „landesweiten Plan zum Kampf gegen die Gewalt in der Schule“ sehr medienwirksam in eben der Schule vorstellte, in der die junge Lehrerin im vergangenen Jahr niedergestochen worden war. Der Plan enthält vor allem praktische Hinweise, wie auf Gewalt reagiert werden soll. Auch die Möglichkeit, Polizisten Wache stehen zu lassen ist vorgesehen. Ein Programm zur Prävention fehlt dagegen.

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