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Es gärt unter den Tibetern

Der Dalai Lama wird 70. Eigentlich feiern die Tibeter gar nicht Geburtstag. "Das ist mehr westliche Sitte", sagt der Mönch Helmut Gassner. „Neujahr ist ihr besonderer Tag, an dem sie sich alle ein Jahr älter fühlen.“

Gassner ist Mönch. Und am Mittwoch alleine im buddhistischen Kloster Letzehof ob Frastanz. „Die anderen sind alle nach Mont Pelerin bei Genf gegangen.“ Am Mittwoch werden sie ein Ritual feiern zu Ehren des XIV. Dalai Lama. Wenn ein Gott Geburtstag hat, kann man schon mal eine Ausnahme machen.

Das Mitgefühl

Zwar betont der Dalai Lama ein ums andere Mal, dass er sich als „einfacher Mönch“ versteht, aber bei vielen Tibetern genießt er göttlichen Status. Als „Erleuchtungswesen“ verkörpert er das Mitgefühl schlechthin. In letzter Zeit allerdings etwas zu viel davon, könnte man die wachsende Unruhe junger Tibeter salopp interpretieren.

Als eine Hongkonger Zeitung vor kurzem den Dalai Lama mit dem Satz zitiert hat, er stimme zu, Tibet sei integraler Bestandteil von China, war der Aufschrei so laut, dass die tibetische Exilregierung im Internet (www.tibet.com) rasch beschwichtigte. Seine Heiligkeit habe das so nicht gemeint. Seit der Dalai Lama im September 1987 seinen fünf-Punkte-Friedensplan verkündet hat, schwindet die Hoffnung auf ein freies Tibet Tag für Tag.

Zerfallserscheinung

Gassner hat ihn von 1979 bis 1995 immer wieder begleitet und für den Dalai Lama übersetzt. „Ich kenne seine Umgebung.“ Dort macht sich, sagen Vertraute, allmählich eine „Rette sich wer kann“-Stimmung breit. Denn wenn der Dali Lama eines Tages sterben sollte, werden Jahre vergehen, bis seine Reinkarnation gefunden und vom Kind zum Mann gereift ist.

Die Chinesen aber werden unter Umständen dasselbe Spiel wie schon beim Stellvertreter des Dalai Lama spielen: Sie werden eine eigene Reinkarnation ins Rennen schicken.

Nach Schätzungen der tibetischen Exilregierung leben im ursprünglichen Tibet heute rund sechs Millionen Tibeter und etwa 7,5 Millionen Chinesen. Auch deshalb bittet der Dali Lama anlässlich seines Geburtstages die chinesische Führung ein weiteres Mal, höflich und devot, die Politik der Bevölkerungsumsiedlungen aufzugeben.

Denn gewalttätige Lösungen kommen für ihn nie und nimmer in Frage. Für diese konsequente Haltung wurde dem Dalai Lama am 5. Oktober 1989 der Friedensnobelpreis verliehen.

Die Hoffnung auf Tibet ist gleich null. Dafür ist er, dessen Titel „Ozean des Wissens“ bedeutet, längst zu einer Popikone des Westens geworden.

Vom 5. bis 13. August wird der Dalai Lama in Zürich Unterweisungen erteilen. Zehntausende werden erwartet.

STICHWORT: Dalai Lama

Ein Lama ist gemäß der Tradition ein Wesen, das wiedergeboren wird. Nach dem Tod des 13. Dalai Lama suchten Mönche Kleinkinder in ganz Tibet auf. Sie stellten ihnen Aufgaben, um herauszufinden, welches Kind der wiedergeborene Dalai Lama sei. 1937 wurde der zweijährige Tenzin Gyatso gefunden, verließ seine Familie, erhielt eine herausragende Ausbildung und wurde auf Lebenszeit neuer Dalai Lama.

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