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Elementar

Eine kräftige Haut, in weiter Blick, was braucht’s mehr? Eine ganz eigene Art der Naturverbundenheit.
Eine kräftige Haut, in weiter Blick, was braucht’s mehr? Eine ganz eigene Art der Naturverbundenheit. ©Adolf Bereuter
Der Weg windet sich den Berg hinauf, die Wolken rücken näher, „roll through the rain and snow, take the righthand road and go where the buffalo roam“ ächzt der Sänger aus dem Lautsprecher, dann gibt eine mächtige Tanne langsam den Blick frei.

Eine Wand aus Stein, ein Fenster. Wenige Meter, und ein Kubus wird daraus, dann ein Haus mit mehreren Stockwerken. Etwas weiter kommt ein Mauerwinkel in den Blick, von dort ein Steig zum Haus, ein zweiter Kubus, Raum. Findlingen gleich liegen sie in der Wiese, am Hang, vor dem Wald – als lägen sie schon immer hier und doch ganz fremd: Gebaut – und wie! – in die Natur.

Frau und Kinder hat er sich hier oben geschaffen – Distanz zur Arbeit drunten im Tal, die ein halbes Leben gefordert, auch reich belohnt hat. Wochenendhaus wäre kaum das richtige Wort, zu gewiss, zu fest gefügt steht er da, Stein und Holz: der Bau mit seinem kleinen Nachbarn für den Gast. Der erste Eindruck – Stein – rührt her von der zweischalig ausgeführten Betonkonstruktion. Doch durch Sandstrahlung zeigt der Beton sein steinernes Korn, die Zementschlämme ist ausgewaschen. Innen, im Erdgeschoß wird die Oberflächenqualität hautnah: angenehm anzufassen, ein warmes Grau, ein wechselndes Bild nach der Natur des Betongusses. Die Spuren der Schalung bleiben sichtbar wie’s die Baustelle ergab, kein gesuchtes Fugenbild, nur Stoff. „Mit einen Tick mehr, und aus dem Beton wird was Besonderes“, bemerkt Oskar Leo Kaufmann, der Architekt.

Hier drinnen kommt der zweite Stoff ins Spiel: Holz, Rüster, lebhaft in Farbe und Ton, sägeraue Oberfläche, allseits in Riemchen von 5 cm Stärke verlegt. Ungeschliffen, unbehandelt, unvermittelt liegt es neben dem Beton, von gleichem, sinnlichem Reichtum.

Zwei Stoffe, die den Wohnraum mit Küche prägen, der sich dem Eintretenden öffnet. Eine schmale Tür an der fast geschlossenen hangseitigen Steinwand gewährt Einlass, der Holzboden empfängt einen, ein angedeuteter hoher Treppenraum legt sich unmerklich dazwischen, es folgt der Küchenblock aus Rüster, unter einer tiefen Betondecke mit sechs eingelassenen Strahlern. Im Anschluss springt die Decke um ein halbes Geschoß nach oben, rechts raumhaltig freier Blick hinab ins Tal, die Berge dahinter, am Horizont der Säntis. Gegenüber ein mannshohes Fenster mit Blick den Hang hinauf, zum Wald und einem Zipfel Biberkopf mit Widdersein. In dritter Richtung, geradeaus: Hinter Tannen lugt die Kanisfluh hervor. Eine wohlüberlegte Komposition von Blicken, inszeniert mit Fenstern in großflächigen Wänden, dazu ein kleines unter der hohen Decke – Lichtspender in die Raumtiefe. Die Esche-Rahmen der Fenster sitzen auf der Innenseite des Raumes und ergeben, ganz umschlagen, steinerne Loggien.

Im Stockwerk darüber: die zwei Schlafzimmer, komplett mit den Rüsterriemchen ausgeschlagen, jeder Raum mit eigener Waschgelegenheit, raffinierte Details, etwa Holz-Waschtische. Hier liegen die großformatigen, bodentiefen Fenster außenbündig, in die tiefe Laibung sind Läden integriert. Der großzügige Nassbereich mit Sauna befindet sich im Sockelgeschoß. Ein richtiges Familienhaus also – und doch etwas Eigenes, das schwer zu fassen ist. Die Abwesenheit der Alltagszwänge eines Berufs- und Familienlebens? Informell, lässig, wirkt das Haus. Reif gar? Die stofflichen Eigenschaften reichen aus, räumliche Ordnung macht gelassen, alle oberflächliche Gezwungenheit fehlt. „Wir wollten kein Design“, so der Architekt, „nicht angestrengt minimal, nicht reduziert. Um die Dinge geht’s, dass sie funktionieren und sich von selbst verstehen.“ Türen haben sichtbare Beschläge, Möbel- Griffe, wenn möglich im selben Material wie der Korpus und nur was nötig ist. Die Kanten des großen Holztischs sind gebrochen, leicht angezogen: Kraft und Eleganz. Die zwei Bauten sind Würfel, doch eben keine aus dem Geometriebuch. „Die Dinge hier müssen etwas von dem haben, wie ich mir eine Hütte am Berg vorstelle“, meint der Bauherr. Da geht’s um Elementares – und wenn’s auch nicht der Buffalo ist, der ums Haus streicht: Fad ist’s da oben nie.

Daten & Fakten

Objekt: Wochenendhaus Rüscher

Bauherr
: Heinz Rüscher

Architektur: Oskar Leo Kaufmann | Albert Rüf, Dornbirn, olkruf.com

Statik: Mader & Flatz, Bregenz

Bauphysik: BDT | IB Bauphysik, Karlheinz Wille, Frastanz

Grundstücksgröße: 1000 m²

Wohnnutzfläche: 107 m²

  • Wohnzimmer/ Küche (EG)
  • 2 Schlafzimmer (Splitlevel OG)
  • 2 WCs, Bad, Sauna, Gästehaus

Keller: 30 m²
Technikraum, Holzlager, Kellerabstellfläche

Planungszeit: 2011

Bauzeit: 2011–2012

Baukosten: ca. 450.000 Euro

Bauweise: Sandgestrahlter Sichtbeton, Kerndämmung, Fassade in einem Stück (ohne horizontale Arbeitsfugen), dann Innenwände (ebenfalls ohne Arbeitsfugen) und Decken (z. T. eingeharzt); Fußböden: im Untergeschoß geschliffener Estrich, sonst Rüster-Parkett; Heizung: Wärmepumpe; Innenwände: Wände und Decken sandgestrahlter Sichtbeton, Schlafzimmer holzverkleidet (Rüster); Fenster: Holz im Erdgeschoß innenbündig, in den Schlafzimmern außenbündig mit innenliegenden Klappläden in der Laibung

Ausführung: Baumeisterarbeiten: Oberhauser Schedler, Andelsbuch, Zimmerer: Tischlerei Rüscher, Schnepfau; Fenster: Wälderfenster, Bizau; Innenausbau: Tischlerei Rüscher, Schnepfau; Böden: Estrich Vigl & Strolz, Schoppernau; Parkett: Josef Fröwis, Bezau; Kamin: Ewald Voppichler, Egg; Bohrmeister: Vigl & Strolz, Schoppernau; Heizungs- und Sanitärplanung: AWA, Au

VN/ Leben & Wohnen

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