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Ein stiller Sieger wird 50

Der heutige Landwirt Hubert Strolz streichelt das neugeborene Kalb
Der heutige Landwirt Hubert Strolz streichelt das neugeborene Kalb ©VOL.AT/Hartinger
Am 26. Juni wird Olympiasieger Hubert „Hubsi“ Strolz 50 Jahre alt. Wir haben den heutigen Landwirt besucht und seine jetzige Lebenswelt kennengelernt. Und natürlich über seine Karriere gesprochen.

Ein kalter Wind pfeift durch Warth. Es ist acht Uhr morgens. Die Gipfel, die den Hochtannbergpass säumen und in dessen Senke der Wintersportort liegt, sind selbst jetzt im Juni mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Nebelschwaden ziehen durch die Ortschaft. Am Rande des Dorfzentrums wohnt Olympiasieger Hubert Strolz. „Kommt rein, so früh am Morgen ist es noch kalt draußen‘“, begrüßt uns der angehende Jubilar herzlich und bittet uns in die Küche. Auf dem Weg dorthin kommen wir an seiner Pokal-Vitrine vorbei, in der er – gut gesichert – nebst anderen Medaillen, Pokalen und Erinnerungsstücken seine Goldmedaille aufbewahrt. Doch die lassen wir links liegen. Strolz erzählt uns, dass gerade ein Kalb zur Welt gekommen sei und er dabei als Hebamme im Einsatz war. „Wir können das Kalb später anschauen gehen. Aber zuerst wollt ihr bestimmt einen Kaffee. Hinter euch liegt eine lange Fahrt.“ In der Küche treffen wir seine Frau Birgit, die uns ebenfalls herzlichst begrüßt. Wir nehmen am gemütlichen Esstisch Platz und genießen nicht nur Tee und Kaffee, sondern dank eines großen Panoramafensters auch eine prächtige Aussicht auf die Bergwelt. „Seid ihr auch im Fußball-Fieber?“, fragt uns Strolz. „Unbeschreiblich, was der Fußball bewegt. Die Stimmung in den Stadien ist sensationell.“

Vom Bewunderer zum Held

Am 26. Juni wird der heutige Landwirt, Pensions-Betreiber und Skiführer Hubert Strolz 50 Jahre alt. „Natürlich ist so ein runder Geburtstag ein markantes Ereignis. Aber ich war nie jemand, dem Geburtstage sonderlich wichtig waren“, betont der ehemalige Skirennläufer. Seine Frau fügt an: „Vielleicht hätte er ihn sogar vergessen, wenn ich ihn nicht gefragt hätte, wie wir feiern sollen.“ Und er: „Etwas feiern werden wir schon. Aber nur mit den engsten Verwandten und Bekannten.“ Seine blauen Augen strahlen dabei wie eh und je, und auch sein spitzbübisches Lächeln blitzt auf – selbst wenn seine Schläfen schon etwas ergraut sind: der Mann sieht nicht wie ein angehender 50-Jähriger aus. Sondern vielmehr wie jemand, der die Jugend gepachtet hat. Erst recht in seinem eng geschnittenen, modernen blauen Pullover. „Nein, nein. An den Kindern merkt man, wie schnell die Zeit vergeht. Ich verfalle auch nicht in eine Krise, weil ich jetzt 50 werde. Jedes Alter hat seinen Reiz. Die Jugend ist lange vorbei.“ Dementsprechend liegt seine größte sportliche Sternstunde beinahe ein Vierteljahrhundert zurück – sie datiert auf den 17. Februar 1988: An diesem Tag gewinnt Strolz die Olympische Goldmedaille in der Kombination. „Ich werde auf der Straße immer noch angesprochen. Das freut mich“, gesteht der Olympiasieger stolz. „Es ist unbeschreiblich, wie sich dieses Ereignis in die Erinnerung der Menschen eingebrannt hat.“ Mindestens ebenso oft werde er allerdings auch auf den Olympiasieg angesprochen, den er vergeben habe. So geschehen vier Jahre später 1992 in Albertville, wo er im Kombinationsslalom drei Tore vor dem Ziel mit riesengroßem Vorsprung ausscheidet. „Unser Slalom-Trainer Herwig Demschar hat meinen Lauf vom Starthaus aus verfolgt. Er dachte, ich sei im Ziel. Plötzlich sieht er mich neben der Strecke stehen. Sehr viele waren damals fassungslos, ich natürlich auch“, gesteht der 49-Jährige, der nun abwesend wirkt. Sein Blick verklärt sich und schweift ab. Er verschränkt die Arme. Ein Hauch von Schmerz macht sich breit. Wie zum Trost gesellt sich nun das eine Woche alte Kätzchen Susi zum Hausherren. Und sie schafft es auch, ihn einen Moment lang abzulenken, bis er das Thema wieder aufgreift: „Damals habe ich eine historische Chance vergeben.“ Strolz wäre der erste Ski-Sportler gewesen, der seinen Olympiasieg wiederholt hätte. Nicht einmal seinem großenVorbild Ingemar Stenmark war das gelungen. „Ingemar war mein Idol. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein FIS-Rennen in Kirchberg Ende der 70er-Jahre. Damals habe ich Stenmark zum ersten Mal leibhaftig gesehen. Alleine bei der Besichtigung neben ihm stehen zu dürfen, war eine Sensation für mich. Ich habe in jedem Durchgang zehn Sekunden auf ihn verloren.“

Der ewige Zweite

Viele Jahre später musste sich Hubsi, wie er genannt wurde, seinem Idol nur um vier Hundertstel geschlagen geben und eroberte einen seiner 14 zweiten und insgesamt 34 Podest-Plätze. Weil Strolz nie ein Einzelrennen gewann, ging er als ewiger Zweiter in die Geschichte ein. „Auch diese Bezeichnung hat sich in die Köpfe der Menschen eingebrannt. Es ist zur Marke geworden.“ Strolz lächelt, stützt sich auf seinen Ellenbogen auf und betont mit Nachdruck: „Ich habe immer mein Bestes gegeben. Als Sportler musst du lernen, solche Dinge einschätzen zu können. Ein vergebener Olympia-Sieg tut weh, aber bei allem Ehrgeiz: es gibt Wichtigeres im Leben.“ Kaum ein Sportler weiß das besser als Strolz. Denn einer seiner größten Erfolge wurde durch einen tragischen Unfall überschattet: In der Pause zwischen dem ersten und zweiten Durchgang des Olympischen Riesenslaloms von 1988 wurde der österreichische Mannschaftsarzt Jörg Oberhammer von einer Pistenraupe überrollt. Oberhammer war sofort tot. „Ich habe damals Silber gewonnen. Alle im Ziel haben sich gefreut, bis plötzlich die Nachricht von Jörgs Tod die Runde machte. Das war unbeschreiblich“, sagt Strolz, dessen Blick wieder abschweift. Es scheint, als ob vor seinem geistigen Auge wieder die Bilder von damals auftauchen. Nach einigen Sekunden Stille fügt er mit etwas angekratzter Stimme an: „Ich weiß noch, wie ich damals von Narkiska zur Siegerehrung nach Calgary geflogen wurde. Da wurde mir die Wertigkeit meines Erfolges bewusst. Ich hatte zwar Silber gewonnen, aber ein Mensch war gestorben.“ Jetzt betritt Birgit – sie hatte den Raum schon vor einer Weile verlassen – wieder die Küche. „Auch ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag. Ich bin an diesem Tag in Kanada angekommen. Hubert und ich haben uns damals im Ziel nach dem Rennen zum ersten Mal seit Wochen wieder gesehen.“

Strolz ist angekommen

Strolz war als Aktiver viel auf Reisen. Deshalb entschließt er sich nach Beendigung seiner Karriere im Frühjahr 1994 ganz bewusst gegen eine Trainer- oder Funktionärskarriere. „Interessiert hätte es mich grundsätzlich schon. Ich könnte stundenlang übers Skifahren philosophieren, und natürlich verfolge ich den Skisport nach wie vor mit großer Begeisterung.“ Freilich auch wegen seines 19-jährigen Sohnes Johannes, der in seine Fußstapfen tritt und es mittlerweile in das Europacup-Team geschafft hat – ihm hilft Strolz mit all seiner Erfahrung und all seinem Wissen, wo er kann, weiter. „Aber als Trainer oder Servicemann wäre ich wieder so viel unterwegs, und das kam für mich nie in Frage. Ich bin ein Familienmensch und will bei den Kindern sein“, offenbart Strolz, dessen Tochter Anna-Maria kürzlich 18 geworden ist. Der zweifache Familienvater verrät, dass in Sachen Berufsentscheidung die äußere Erwartungshaltung einst sehr hoch gewesen sei. „Es schwirren viele Klischees herum, was ein ehemaliger Spitzensportler nach seiner Karriere zu sein und darzustellen hat.“ Doch Strolz wollte seinen eigenen Weg gehen. „Es hat einige Zeit gedauert, bis ich meinen neuen Platz im Leben gefunden hatte. Aber wenn ich heute in der Mähmaschine sitze und so dahin fahre, dann weiß ich, dass ich mich richtig entschieden habe. Ich gehöre hierher. Und jetzt zeige ich euch diese Welt.“

Sein zweites Leben

Zunächst führt uns Strolz durch das Haus. Es ist ein altes Walserhaus, das 1683 erbaut wurde und er im Jahr seiner Heirat 1990 umgebaut hat. Dennoch heißt es ducken, als uns der Hausherr in die ehemalige Stube führt: der heutige Frühstücksraum für die Pensionsgäste ist nach wie vor nur zwei Meter hoch. „Einer unserer Gäste ist hier mal k.o. gegangen, weil er voll in den Türrahmen donnerte.“ Als nächstes führt uns Strolz in sein Atelier – der Warther ist leidenschaftlicher Maler und zieht sich, wenn es seine Zeit erlaubt, gerne für einen Tag hierher zurück. Das Atelier befindet sich in einem Nebenbau und strahlt mit seiner Holzbauweise eine warme, einladende Atmosphäre aus. Ihr übriges tut eine Glasfront mit einem herrlichem Ausblick. Am Boden lehnen zahlreiche fertiggestellte Acryl-Bilder an der Wand. Verschiedenste Motive zieren die Bilder: auf einem ist ein Christus-Motiv zu sehen, auf einem anderen ein Hase. Sein jüngstes Werk zeigt Kitzbühel-Rekordsieger Didier Cuche. Wie weit sich Strolz von seinem einstigen, durchaus realitätsentrückten Leben als Ski-Rennläufer entfernt hat, wird spätestens durch einen Abstecher in den Stall klar. Strolz steuert sofort auf das neugeborene Kalb zu, dem er sich liebevoll zuwendet. Anschließend gibt er den Tieren Heu. „Die Stallarbeit gibt meinem Leben eine Struktur. Wir haben fünf Kühe, fünf Rinder und seit heute zwei Kälber.“ Im Sommer ist das Vieh auf der 20 Hektar großen Alpe, die nur wenige hundert Meter vom Haus entfernt ist. Im Winter arbeitet Strolz als Skiführer, zudem ist das Haus dann voll mit Pensions-Gästen. „Das Frühjahr ist so etwas wie eine stille Zeit für uns. Dann ist die Winter-Saison beendet, und für eine Weile sind keine Gäste da.“ Nun gehen wir zurück ins Haus und landen in der Stube, wo gerade Birgit vor dem Laptop sitzt. Die zwei posieren noch für ein Foto, dann ist es Zeit für uns zu gehen. Hubert Strolz begleitet uns zur Türe und bedankt sich für unseren Besuch. „Ich wünsche euch eine gute Heimfahrt“, sagt er mit einem strahlendem Lächeln. Der Ausflug in die Vergangenheit hat ihm sichtlich Spaß gemacht. Doch nun wartet wieder sein jetziges Leben auf ihn. Fernab jeglicher Klischees, was ein ehemaliger Spitzensportler zu sein oder darzustellen hat.

Zur Person

Geboren am: 26. Juni 1962
Familienstand: Verheiratet mit Birgit, zwei Kinder. Sein Sohn Johannes startet 2012/13 im Europacup.
Wohnhaft in: Warth
Beruf: Landwirt, Pensionsbetreiber, Skiführer.
Größte Erfolge: Kombinations-Olympiagold (1988); Riesentorlauf-Olympiasilber (1988); Olympia-Vierter im Super-G (1988); WM-Vierter im Riesenslalom (1987), im Super-G (1989) sowie im Slalom (1993); Dritter im Gesamtweltcup (1988); Kombinationsweltcupsieger (1988); Zweiter im Riesenslalomweltcup (1988); Ein Weltcup-Sieg, 34 Podestplätze.

(Quelle: NEUE AM SONNTAG/Hannes Mayer)

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