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Ein Spion im Galerieraum

Den Skulpturbegriff reizt man in der Galerie Lisi Hämmerle jetzt vierfach aus.

Ein kurzer Rückblick ins Jahr 1997: Michael Kienzer, Rainer Splitt, Gerold Tagwerker und Nita Tandon stellen erstmals zusammen in der Galerie Lisi Hämmerle aus. Ausstellungsthema war „Malerei“. Heute, 12 Jahre später, sind die vier Künstler erfreulicherweise am gleichen Ort wieder zu sehen. Diesmal unter dem Label „Skulptur_2“.

Durchlässig

Das Erstaunliche daran: Die Maler von damals haben keineswegs umgesattelt und sind plötzlich Bildhauer geworden. Es haben sich in den Ateliers auch keine Quantensprünge oder 180-Grad-Kehrtwendungen vollzogen. Immer noch bestimmen Begriffe wie Raum, Zeit und Fläche das Schaffen. Vielmehr führt das österreichisch-deutsch-indische Quartett die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den Medien vor und setzt sich diesmal mit dem ewig offenen, erweiterten Skulpturenbegriff auseinander. Vielleicht am klarsten skulptural agiert Michael Kienzer (geboren 1962). Seine große Skulptur „Maschine“ besteht als Strebewerk aus blanken Alu-Teilen. Die zusammengesteckten, gelegten und geklemmten Ringe, Rohre, Stäbe und Profile lassen physikalische Kräfte wie Druck und Zug spürbar werden und intervenieren mit der Struktur des Ortes. Den scheinbaren malerischen Gegenpol dazu, sinnlich und reflektiert zugleich, liefert Rainer Splitt (geboren 1963). Doch Farbe allein macht keine Malerei. Vielmehr begreift der deutsche Künstler Farbe als Materie, wenn er 56 kg weißgrüne Farbe ausgießt, die sich im zufällig-kalkulierten Prozess des Fließens zu einer überdimensionalen Lache auf dem Boden verfestigt. In den „Tauchstücken“ reduziert sich die Ges­te des Malens auf einfache Bewegungen und Abläufe, die als Entstehungsprozess stets nachvollziehbar bleiben.

Überwachung total

Mit dem Verhältnis von Bildaneignung und Bildverlust, Bild und Abbild, spielt auch die 1959 in Indien geborene, in Wien lebende Nita Tandon. Während ihre „Automats“ Abgüsse von handelsüblichen Automatten sind, stammen die verpixelten Fingerabdrücke auf den unzähligen kleinen Plastilin-Vierecken von der Künstlerin selbst. Digital oder analog, zutiefst subjektiv oder entpersonifiziert, gegenständlich oder abstrakt? Nita Tandon stürzt den Betrachter in ein Dilemma, was Zuordnungen und Definitionen betrifft. Wenn die Fingerprints von Nita Tandon schon etwas von Überwachung und Kontrolle antönen, so erweist sich die Skulptur „multiple spy“ des Feldkircher Künstlers Gerold Tagwerker (geboren 1965) als das Instrument der totalen Inspizierung.

Alles im Blick

13 Überwachungsspiegel, wie man sie aus Supermärkten und Garagenausfahrten kennt, werden auf einer Stange montiert zum freistehenden Wächter mitten im Galerieraum. Via „multiple spy“ sind nicht nur das gesamte Umfeld und jede Ecke des Raumes einsehbar. Die Blicke in die konvex geformten Spiegel sind die vielleicht spannendste Art, sich diese Ausstellung aus immer wieder neuen Blickwinkeln anzuschauen.

Die Schau „Skulptur_2“ von Michael Kienzer, Rainer Splitt, Gerold Tagwerker, Nita Tandon ist in der Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz, bis 23. Dezember geöffnet, Mi bis Fr 14 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr.

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