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Ein Jahr Orange Revolution

Der Startschuss fiel am 21. November 2004. Damals, nach der Stichwahl bei den Präsidentenwahlen in der Ukraine, folgten in Kiew Hunderttausende dem Aufruf von Juschtschenko, um gegen den Wahlbetrug zu protestieren.

Die Demonstrationen verhalfen Juschtschenko zur Präsidentschaft und seinem Wahlbündnis „Unsere Ukraine“ zur Macht. Von dem strahlenden Sieger-Team der Revolution ist jedoch wenig übrig geblieben.

„Es herrscht eine große Enttäuschung“, meint der junge Kiewer Radiojournalist und Politikwissenschafter Stanislaw Schumlianski, der selbst für Juschtschenko demonstriert hatte. „Viele Leute sagen sich: ’Wir sind auf dem Unabhängigkeitsplatz gestanden – und was haben sie (die neue Führung) gemacht?’ Einige sagen sogar, sie schämten sich dafür, dort gewesen zu sein.“

Die Hoffnungen waren groß, zu Anfang der Revolution. Tausende Menschen harrten Tag und Nacht auf der Flaniermeile Kreschtschatik und dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew aus, in Zelten, bei eisigen Temperaturen. Sie kämpften für Freiheit und Demokratie und gegen das Regime von Ex-Präsident Leonid Kutschma. Sie forderten bessere Lebensbedingungen und das Ende von Korruption und Freunderlwirtschaft.

Orange – die Farbe der Opposition im Wahlkampf – wurde zum Symbol ihrer Hoffnungen. Die Bilder der Massen, die orange Fahnen schwenkten und in Sprechchören „Juschtschenko! Juschtschenko!“ riefen, gingen um die ganze Welt. Als das Oberste Gericht die Stichwahl am 3. Dezember für ungültig erklärte und Juschtschenko mit 52 Prozent der Stimmen die Wiederholung der Wahl gewann, schienen die Ziele fast erreicht.

Aber es kam nicht so, wie von vielen erhofft. Zwar gab es Verbesserungen. Die Regierung erhöhte Löhne und Renten; sie entließ 18.000 Beamte und löste die Verkehrspolizei auf, um die Korruption zu bekämpfen. Längst haben auch Presse- und Meinungsfreiheit in dem ehemals autoritär regierten Staat Einzug gehalten – die größte Errungenschaft, wie viele Beobachter meinen.

Aber wichtige Reformvorhaben stockten, die Preise stiegen, die Regierung präsentierte sich uneinig, ausländische Investoren blieben vorerst weg. Auch die Allianz zwischen Juschtschenko und seiner beliebten Mitstreiterin Julia Timoschenko, die Regierungschefin wurde, erwies sich eher als Zweckbündnis denn als Liebesheirat. Als sich Führungsmitglieder Anfang September gegenseitig der Korruption beschuldigten und die Machtkämpfe hinter den Kulissen zu offensichtlich wurden, zog Juschtschenko die Notbremse und entließ die Regierung der Revolutionsikone Timoschenko. Seitdem gehen beide getrennte Wege. „Die Hauptenttäuschung ist, dass Präsident Juschtschenko und sein Team so unprofessionell agiert haben“, sagt Schumlianski.

Inzwischen äußert sich selbst der Präsident enttäuscht über die Revolution. Es sei auf die falschen Pferde gesetzt worden, sagte er in einem Interview. Wichtige Figuren der Orangen Revolution seien von Helden wieder zu gewöhnlichen Menschen geworden. Um seinen neuen Regierungschef, den eher unscheinbaren Juri Jechanurow, im zweiten Anlauf im Parlament durchzubringen, schloss Juschtschenko ein Abkommen über Zusammenarbeit – ausgerechnet mit Viktor Janukowitsch, seinem ehemaligen Rivalen im Präsidentschaftswahlkampf und dem Feindbild der Revolutionäre, der im russischsprachigen Osten des Landes nach wir vor Zustimmung genießt.

Ein Verrat an der Revolution? „Nein“, sagt Sergej Jewtuschenko von der Jugendorganisation „Pora“, die eine maßgebliche Rolle bei den Ereignissen vor einem Jahr spielte. Zwar sei „Pora“ gegen diese „situationsbezogene Partnerschaft“ mit der Janukowitsch-Partei. Aber Juschtschenko versuche, den Staat zu einen. „Unzufrieden sind wir nur mit der Geschwindigkeit der Reformen“, meint der Aktivist. Aber Enttäuschung komme trotzdem nicht auf – „weil wir den Vergleich zu Kutschma haben“.

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