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Ein einmaliges Ökosystem wird zum Müllhof der Welt

"Wir haben das Gefühl, dass unser Land geopfert wird", erklärt der über die Müll-Situation verzweifelte Bürgermeister.
"Wir haben das Gefühl, dass unser Land geopfert wird", erklärt der über die Müll-Situation verzweifelte Bürgermeister. ©AFP
Acht Millionen Jahre hat die Atacama-Wüste ein auf der Welt einzigartiges Ökosystem gedeihen lassen, jetzt ist die trockenste Wüste der Erde nicht nur vom Lithium-Abbau, sondern auch vom Müllhandel bedroht. 

Berge von Altkleidern und Schuhen und nicht enden wollende Reihen von ausrangierten Reifen und Schrottautos verschandeln schon mehrere Gegenden der Wüste im Norden Chiles. "Wir sind nicht mehr nur der örtliche Hinterhof, sondern der Hinterhof der Welt", sagt Patricio Ferreira, Bürgermeister von Alto Hospicio, einer der ärmsten Städte des Landes.

Chile ist seit langem ein Umschlagplatz für gebrauchte und unverkaufte Kleidung aus Europa, Asien und den Vereinigten Staaten, die entweder in Lateinamerika weiterverkauft wird oder auf den Müllhalden der Wüste vergammelt. Wegen des unstillbaren weltweiten Drangs nach schneller Mode sind im vergangenen Jahr mehr als 46.000 Tonnen Altkleider in der Freihandelszone Iquique im Norden Chiles gelandet.

Dank Mode-Wahn: 46.000 Tonnen Altkleider allein im letzten Jahr

Alte Kleidung sei voller Chemikalien und brauche bis zu 200 Jahre, um abgebaut zu werden, sagen Aktivisten. Auf diese Weise verpeste sie den Boden, die Luft und das Grundwasser. Manchmal werden die Kleiderberge angezündet, um sie schneller loszuwerden.

"Das Material ist leicht entzündlich, die Brände giftig", sagt die Anwältin Paulín Silva, die beim Umweltgericht des Landes Klage eingereicht hat wegen der Schäden, die durch den Schrott- und Altkleiderimport verursacht werden. "Wir müssen die Verantwortlichen finden", fordert die 34-jährige Aktivistin, als sie inmitten der Altkleiderhalden steht. Aus ihrer Sicht handelt es sich dabei um "ein Umweltrisiko, eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen".

In der Atacama-Wüste mit ihrer beeindruckenden Schönheit und den weitläufigen Salzebenen wird auch intensiv Kupfer und Lithium abgebaut. Carmen Serrano, Leiterin der Umwelt-Organisation Raices Endémicas (Einheimische Wurzeln), sagt, dass die meisten Menschen die Atacama nur als "kahle Hügel" sehen, die sie "ausbeuten oder an denen sie sich bereichern" könnten.

Vom einzigartigen Ökosystem zur Müllhalde der Welt

Seit mehr als acht Millionen Jahren ist die 100.000 Quadratkilometer große Atacama die trockenste Wüste der Welt. Es regnet selten, in manchen Teilen sogar nie. Am trockensten ist der Bezirk Yungay nahe Antofagasta. Forscher haben hier extreme Lebensformen gefunden, Mikroorganismen, die sich an eine praktisch wasserlose Umgebung mit hoher Sonneneinstrahlung und kaum Nährstoffen angepasst haben.

Wissenschaftler glauben, dass die Erforschung dieser Mikroorganismen zu Erkenntnissen über Evolution und das Überleben auf der Erde und anderen Planeten führen könnte. Die Nasa betrachtet Yungay als die Landschaft der Erde, die dem Mars am ähnlichsten ist, und nutzt sie, um ihre Roboterfahrzeuge zu testen.

Während es nicht viel regnet, ziehen in Küstennähe Nebelbänke über die Wüste und ermöglichen einigen Pflanzen und Wirbeltieren das Überleben. Hier gedeihen manche der widerstandsfähigsten Flechten, Pilze und Algen der Welt. Zahlreiche farbenfrohe, vor allem lilafarbene Wildblumenarten blühen bei überdurchschnittlichem Regen alle fünf bis sieben Jahre in einem spektakulären Blumenteppich. Ihre Samen können jahrzehntelang im Sand überleben, während sie auf ein Minimum an Wasser warten.

Bürgermeister: "Haben das Gefühl, dass unser Land geopfert wird"

Es ist ein Ökosystem, das "sehr angreifbar ist, weil jede Änderung oder Abnahme des Niederschlags oder Nebels unmittelbare Folgen für die dort lebenden Arten hat", erklärt Pablo Guerrero, Forscher am Institut für Ökologie und Biodiversität (IEB). "Es gibt Kakteenarten, die aufgrund von Umweltverschmutzung, Klimawandel und menschlicher Besiedlung als ausgestorben gelten. Leider sehen wir das in großem Umfang, und in den vergangenen Jahren ist es systematisch schlimmer geworden."

Bürgermeister Ferreira sagt: "Wir haben das Gefühl, dass unser Land geopfert wird." Er beklagt einen "Mangel an globalem Bewusstsein, mangelnde ethische Verantwortung", und fügt hinzu: "Das sind skrupellose Menschen aus aller Welt, die hierher kommen, um ihren Müll zu entsorgen." Er stehe dem Problem hilflos gegenüber. "Wir haben einmal aufgeräumt, aber dann hinterlassen sie ihren Dreck eben ein Stück weiter."

(APA/AFP)

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