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Ein Abenteurer, der keiner sein will

Vor 22 Jahren traf Andreas Schedler eine Entscheidung, die sein Leben grundlegend veränderte.

Der Dornbirner reiste in seinem letzten Studienjahr mit einem Aeroflot-Flug über Moskau nach Mexiko City.

Mit einem Stipendium in der Tasche. Und studierte in der Millionen-Metropole. Aus einer Laune heraus. „Ich könnte heute gar nicht mehr erklären, wieso es letztendlich nach Mexiko ging – auch wenn ich immer eine vage Sympathie für Lateinamerika hatte.” Aus der vagen Sympathie wurde freilich mehr: Der 44-Jährige lebt nun mit seiner Frau Lina, einer Mexikanerin, und den beiden Söhnen Aaron und Damian in Mexiko-City. Und unterrichtet an einer öffentlichen Universität in der Millionen-Metropole vergleichende Politikwissenschaften. In mittlerweile fließendem Spanisch. Dabei hatte er, als er 1987 nach Mexiko kam, gerade einmal einen „Massenkurs in Spanisch besucht”.

“Brach die Zelte ab”

In Mexiko-City lernte der Dornbirner aber nicht nur die Sprache, sondern auch seine jetzige Frau kennen und lieben. Mit der er später nach Wien zurückkehrte. Dort machte er das Doktorat, arbeitete am Institut für Höhere Studien, wurde Vater – und merkte, dass Lina, eine studierte Psychologin und Psychotherapeutin, in Wien nicht glücklich wurde. „Und mir war klar, dass wir nach Mexiko zurückkehren werden.” Das war 1997 der Fall. Seine zweite Reise nach Mexiko war auch eine Reise ins Ungewisse: „Ich brach meine Zelte ab, kündigte meinen Job beim Institut für Höhere Studien, hatte nur ein auf drei Jahre befristetes Stipendium der Akademie der Wissenschaften in der Tasche.” In Mexiko-City arbeitete Schedler zunächst für eine internationale Organisation, nahm nach einiger Zeit aber seinen jetzigen Job als Politik-Professor an – und zog mit seiner Familie vom Land direkt nach Mexiko-City. Und wenn Mexiko ohnehin ein Land ist, „das von Ungleichheiten regelrecht zerrissen wird”, ist in Mexiko-City noch einmal alles anders – die gigantische Dimension, der Lärm, der Verkehr, das Chaos. „Wer dort Rad fährt, ist psychologisch verdächtig”, schmunzelt der im englischsprachigen Raum vielzitierte Forscher. Gelte in Österreich unter Nachbarn in aller Regel wechselseitiger Respekt, gelte dort wechselseitige Respektlosigkeit: „Anstatt leise zu sein, ist dort jeder laut.”

Gewalt allgegenwärtig

Allgegenwärtig sind aber auch die Korruption der Polizei und die Angst vor Gewalt, vor Entführungen. Denn der Drogenkrieg fordere in Mexiko „Jahr für Jahr 10.000 Tote”. Ein Bürgerkrieg tobe, ein Krieg ohne jegliche Ideologie, bei der „Gewalt in ungeheurem Ausmaß als publizistisches Mittel” eingesetzt werde. Hat Schedler nicht ständig Sorge um seine Söhne? „Kinder leben in Mexiko extrem eingeengt. Wie jede Familie leben auch wir hinter zwei Meter hohen Mauern.” Und wenn er dann jedes Jahr einmal nach Dornbirn reist, um Familie und Freunde zu besuchen, „dann spüre ich die Differenz wieder schärfer. Dann sehe ich, was ich vermisse.” Bleibt eine Frage: Sieht sich Schedler selbst auch als Abenteurer? „Nein”, sagt der Professor, „wenngleich meine Karriere doch ein wenig ungewöhnlich verlaufen ist.”

 

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