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Eigenständig

"Angenehm ist die gut dosierte Offenheit von Innen und Außen." (Bauherr Stadt Bludenz)
"Angenehm ist die gut dosierte Offenheit von Innen und Außen." (Bauherr Stadt Bludenz) ©Adolf Bereuter
Bludenz - „Hilf mir, es selbst zu tun" – das Motto von Maria Montessori, Pionierin der neuen Erziehung, weist ins Zentrum der Moderne: Eigenständigkeit.
Kindergarten Susi Weigel

Nähert man sich dem Bau des neuen städtischen Kindergartens in Bludenz, so geht einem genau dies durch den Kopf. Unter dem Dach alter Bäume, auf frischem Grün, Wald im Hintergrund, zum Geschoßwohnungsbau der Nachkriegszeit auf der einen Seite auf Abstand wie zu bescheidenem Wohlstand von Einfamilienhäusern auf der anderen Seite: so lagert der flachgedeckte Bau – nobel-heiter distanziert, auf Eigenständigkeit bedacht. Das heißt zuerst: in sich ruhend, auf sich selbst bezogen. Nicht nur unterscheidet sich seine Holzfassade von den umliegenden Bauten, auch die Geschlossenheit des Baukörpers mit seinen wenigen, frei und doch sehr überlegt gesetzten Fenstern suchen ihresgleichen ringsum. Obwohl ihm alles Klassische abgeht, klingen Villenbauten dieser Zeit an.

Doch schon verblasst die Verwandtschaft. Der zentrale Eingang zeigt sich nicht, der Weg führt am Gebäude entlang und erst hinter der ersten Ecke macht das Volumen einer großzügigen Loggia Platz – gedeckter Vorplatz des Eingangs, Stellplatz für Räder und Kinderwägen. Eine Einstülpung der Hülle, ganz Holz, sägeraue Föhre, doch hier in nachgedunkeltem, rötlichem Ton im Gegensatz zum außen hellgrau verwitterten. In einer Ecke eine große Glastür, unzweideutig der Zugang, ein Windfang mit freiem Blick durchs Haus.

Wenige Schritte, und man steht im Zentrum. Eine Halle, zweigeschoßig, eine weit gespannte einläufige Treppe, linear skulptural eingehüllt. Tageslicht von oben, von der einen weit aufgeglasten Stirnseite, von kurzen Flurstichen. Helle Esche am Boden, sägerau, helle Weißtanne an Decke und Brüstung. Und, aus dem Zentrum nach außen weisend, helle, glatte Sichtbetonwände, die durch indirekte Beleuchtung über den Kindergarderoben auf halber Wandhöhe noch heller wirken. Mit einem Blick zu erfassen, klar, gebrochene Helligkeit der natürlichen Baustoffe – ein Raum von unaufdringlicher Freundlichkeit.

Die drei Wandscheiben aus Stein – Glas ersetzt die vierte – umhüllen drei Raumgruppen: im Erdgeschoß Kantine, Besprechung und Büro – ungezwungener Treff von Kindern, Eltern, Erziehern – sowie Raumkomplexe für zwei Kindergruppen. Im Obergeschoß sind es drei Kindergruppen, ergänzt um einen Bewegungsraum anstelle der Loggia im Erdgeschoß. In fünf unterschiedlich zusammengesetzten Kindergruppen sind die 82 Kinder des Hauses zusammengefasst.

Die unter sich gleichen Raumkomplexe gliedern sich in Gruppenraum, Ruheraum sowie dazwischen gestellt Nass- und Lagerraum. Die Räume sind raumhaltig mit Weißtanne ausgeschlagen. Zutritt erfolgt über den Gruppenraum, quadratisch im Grundriss und der größte mit jeweils großzügig über Eck angeordneten Fenstern in ausgewogenem Verhältnis zur Wand. Kleine Lüftungsflügel ergänzen die Festverglasung und sichern auch so den direkten Bezug zur Umgebung. Das Klima wird ebenso gelobt wie die Akustik dank vielem Holz und entsprechender Decke und dass, wohl dank großer Glastüren der Bezug ins Hausinnere und zu anderen Gruppen nicht abreißt.„Das Haus ist wie eine kleine Stadt“, so Carina Gebhart, die Leiterin, „die Gruppenräume haben mit dem vorherrschenden Holz etwas familiäres, im Kontrast zum Zentralraum. Da begrüßen wir den Beton, weil er klar und ruhig fürs Auge ist. Und doch: Es geht eine Linie durchs ganze Haus – mit viel Platz, hohen Räumen, natürlichen Oberflächen, klug gesetzten Durchblicken.“ Ganz selbstverständlich geben sich die Räume und sind doch in der Beziehung ihrer Proportionen genau aufeinander abgestimmt.

Bereits nach einem Monat Betrieb vermag Barbara Bildstein, Vizebürgermeisterin und verantwortlich für Bildung in Bludenz, feststellen: „Man merkt die große Zahl der Kinder in dem Haus eigentlich gar nicht. Noch immer gibt es Nachfrage nach Plätzen aus allen Stadtteilen, noch immer ist die Resonanz beachtlich. Ja, wir sind schon stolz auf den neuen Kindergarten.“ Da hat sich die Stadt auch mächtig engagiert: mit Bauplatz, Holz aus eigenen Wäldern, Bauleitung und Projektsteuerung durch das Bauamt. Und in bester Zusammenarbeit mit den Architekten. Eckard Helmut, verantwortlicher Bauleiter: „Das muss man loben – so haben wir verstanden, wozu ausführliche Detailpläne nützen.“

Die sind gerade bei scheinbar so einfachen Figuren unerlässlich – nicht nur springt jeder Fehler sofort ins Auge, auch sind es Details, die das Monotone vertreiben. „Die Brüstung der Treppe etwa: das hat einige Zeit gebraucht, bis offener Blick und Schutz geschlossener Flächen ins Gleichgewicht gebracht waren. Zum Schluss überspielt das Erreichte elegant die Massivität der Konstruktion“, berichtet Joachim Ambrosig, Projektarchitekt. Seien es die Garderoben, die Zwischenräume bilden, sei es der Wechsel bei den Fensterbänken, sei es ein Spiel mit den Fugen ums Haus – man trifft immer wieder darauf. „Der feine Blick macht’s“.

So gelingt es, dem auch wirtschaftlichen Vorteil dieser kompakten Bauart – ein wichtiges Argument im zweistufigen Wettbewerb – Leichtigkeit zu verleihen. Ohne sich aufzuspreizen, ganz seiner selbst bewusst gelingt das – ein Bau von lässiger Eigenständigkeit.

Daten & Fakten

Objekt: Kindergarten Susi Weigel, Bludenz
Eigentümer: Stadt Bludenz
Architekt: Bernardo Bader Architekten, Dornbirn
Bauleitung: Bauamt der Stadt Bludenz
Statik: Brugger & Partner, Bludenz
Bauphysik: Bau Dämm Technik, Frastanz
Planung: Wettbewerb 1. Preis | 2011-2013
Ausführung: 2012-2013
Nutzfläche: 1095 m²
Erdgeschoß: 525 m²
Obergeschoß: 570 m²

Bauweise: Mischbauweise; Stahlbetonkern in Sichtbeton; Holzelementbauweise; Flachdach mit extensiver Begrünung; Fußböden: massive Eschendielen; Heizung: Wärmepumpe mittels Tiefenbohrung; Innenwände: Sichtbeton, Holztäfer Tanne; Holz-Alu-Fenster mit 3-fach-Verglasung

Besonderheiten: Holzbereitstellung aus dem Forst der Stadt Bludenz

Ausführung: Baumeisterarbeiten: Tomaselli Gabriel Bau, Nenzing; Zimmerer: Oa.sys baut, Alberschwende; Holzzuschnitt: Sägewerk Andreas Fritsche, Bürserberg; Fenster: Hartmann Fenster, Nenzing; Dachverglasung: Längle Glas, Bludenz; Sonnenschutz: Berthold, Rankweil; Spengler/ Dachdecker: Fritz Spenglerei, Bludenz; Innenausbau: FB Holzbau, Schnepfau; Böden: Tschofen Raumausstattung, Bludenz; Tischlermöbel: Alfred Feuerstein Tischlerei, Bludenz und Josef Feuerstein Tischlerei, Nüziders und Tischlerei Otto Neyer, Bludenz; Liefermobiliar: Reiter, Rankweil; Raumausstatter: Thomas Vonbank, Bludenz; Aufzug: KONE, Dornbirn; Heizung, Lüftung, Elektro: Markus Stolz, Bludenz

Energiekennwert: 15 kWh/m² im Jahr

Quelle: Leben & Wohnen – die Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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