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Droht neue Eskalation? Assad-Armee beschießt türkischen Militärkonvoi

Es droht weitere Eskalation.
Es droht weitere Eskalation. ©AP
In Syrien droht eine neue Eskalation: Die Assad-Armee beschießt einen türkischen Konvoi. Indes steckt die türkische Offensive in den syrischen Kurdengebieten fest - die Kurden leisten erbitterten Widerstand.

Ein aus 100 Fahrzeugen bestehender türkischer Militärkonvoi ist am Montag von der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) unter Beschuss genommen worden. Der Konvoi befand sich auf dem Weg zur von Türkei-Freundlichen Rebellen gehaltenen Stadt Al-Eis. Die SAA zieht derzeit unter General Suheil Al-Hassan Truppen in der Nähe von Al-Eis Truppen zusammen. In den vergangenen Wochen hatte Al-Hassan eine erfolgreiche Offensive gegen die Rebellen in der Provinz Idlib geleitet, welche zur Eroberung zahlreicher Dörfer und Städte durch die SAA und verbündete Einheiten führte.

Phase zwei der SAA-Operation sieht es vor, aus dem Gebiet Al-Eis und südlicher gelegenen Gebieten auf die Rebellenhochburg Saraqib vorzustoßen. Ziel ist es, von dort aus die Belagerung der beiden Kleinstädte Fua und Kafraya zu durchbrechen. Diese werden von Schiiten besiedelt, und sind nunmehr nun bereits seit fast drei Jahren von Rebellen belagert. Ein zwischen dem Iran und Katar ausgehandelter Deal, die beiden Orte zu evakuieren, scheiterte bereits: Einige der Busse, welche Bewohner evakuieren sollten, gerieten in einen Hinterhalt. Dutzende – darunter auch viele Kinder – starben. Nun soll also Al-Hassan mit seinen Truppen zu den verbleibenden Bewohnern durchbrechen. Dies wiederum ruft die Türkei auf den Plan: Die Türkei hatte bereits scharfe Kritik am Vorrücken der Al-Hassan-Truppen in Idlib angemeldet. Sowohl die Botschafter des mit Assad verbündeten Irans als auch Russlands wurden von der Türkei in Folge einbestellt, eine diplomatische Krise war die Folge.

Rote Linie für Türkei überschritten?

Mit einem weiteren Vormarsch der SAA wäre für die Türkei eine rote Linie überschritten. Der Vormarsch der SAA sollte durch die Positionierung von türkischen Truppen im vermeintlich vorgesehenen Operationsgebiet Saraqib/Fua/Kafraya unterbunden werden. Der Beschuss des türkischen Konvois ist deshalb als deutliche Warnung der SAA an die Türkei zu sehen, sich von dem Operationsgebiet fernzuhalten. Die SAA dürfte die Offensive deshalb wie geplant durchführen. Dies könnte aber zu weiteren, schweren diplomatischen Verwerfungen führen.

Offensive gegen Kurden bereits festgefahren

Wenig militärische Fortschritte macht die Türkei auch in ihrer Offensive gegen die syrischen Kurdengebiete. Die Invasion im kurdischen Kanton Afrin, die vor einer Woche begann, hat bislang nur wenig entscheidende Geländegewinne gezeitigt: Die Kurden leisten erbitterten Widerstand gegen die aus türkischen Armeeeinheiten und verbündeten Rebellen bestehenden Angreifer. Teilweise gelang es den Kämpfern der kurdischen YPG, die türkischen Einheiten durch Gegenangriffe wieder auf ihre Ausgangspositionen zurückzudrängen.

Hinter den Kulissen wird diplomatisch bereits heftig gerungen. Die Kurden waren ja entscheidend an der Vertreibung des IS beteiligt, sie wurden durch die USA massiv aufgerüstet und werden von den Vereinigten Staaten weiterhin als wichtige Verbündete angesehen. Dass nun ein NATO-Partner die Verbündeten eines anderen NATO-Partners angreift, soll für Irritationen in Washington sorgen. Vor allem treibt die US-Verantwortlichen die Sorge um, dass die Türkei die Offensive auf weitere Kurdengebiete ausdehnt.

Die Türkei selbst möchte vor allem die Grenzregionen von der YPG “säubern”, die sie als Unterstützer der PKK ansieht. Nebenbei gelänge es ihr bei der Eroberung des Kantons Afrin, eine “Landbrücke” zwischen den Rebellengebieten im Norden und jenen in der Region Idlib zu schlagen. Zudem dürfte die Offensive auch als deutliche Botschaft an den Iran und Russland angesehen werden, wie Magdalena Kirchner von der Mercator-Stiftung in Istanbul meint: Nämlich, dass Türkei ein wichtiger Machtfaktor in der Großregion ist.

Angriff auf Kurden mit Sanktus Putins?

Es wird allgemein angenommen, dass Russland der türkischen Offensive im Voraus zugestimmt hat. Im Gegenzug, so nimmt Kirchner an, hat Ankara eine “territoriale Begrenzung der Operationen” zugesagt. Die Kurden haben nun die syrische Regierung um Hilfe angerufen. Von Assad können sie aber keine Hilfe erwarten: Ebenso wie Russland lässt der Präsident in Damaskus die Türkei gewähren.

Laut Kurdenvertretern hatte Moskau ihnen vor Beginn des Einsatzes Schutz angeboten, wenn sie eine Rückkehr der syrischen Regierungstruppen nach Afrin akzeptierten. Da sie dies abgelehnt hätten, habe Russland der Türkei freie Hand gelassen.

Für die Kurden kommt es nicht infrage, sich Assad wieder zu unterwerfen, nachdem sie sich weitgehende Autonomie erkämpft haben. Für sie sei “die Rückkehr des alten Regimes eines der schlimmsten Szenarien”, sagt der Kurden-Experte Mutlu Civiroglu. Zuvor seien sie Bürger zweiter Klasse gewesen, heute seien sie dagegen Herren ihrer eigenen Entscheidung.

Laut Kirchner hat Assad kein Verständnis für kurdische Autonomiebestrebungen. Langfristig werde Damaskus “wohl darauf bestehen, das Gewaltmonopol auch in den Kurdengebieten wieder herzustellen – zur Not auch in Zusammenarbeit mit der Türkei”, sagt sie. Wenn die YPG geschwächt werde, sei dies nur im Interesse Assads.

Eindämmung der Kurden hat für Ankara absolute Priorität

Für die Türkei hat die Eindämmung der Kurden längst Priorität vor dem Sturz Assads. Zwar beharrt Syriens Opposition weiter auf Assads Rückzug – doch ist sie viel zu schwach, um dies durchzusetzen. Ankara unterstützt zwar noch immer die Opposition, doch arbeitet sie zugleich mit Assads Verbündeten bei Friedensgesprächen in Astana und Sotschi an einer politischen Lösung.

USA wollen IS zerschlagen

Den USA wiederum geht es in Syrien vor allem um die endgültige Zerschlagung der Jihadistenmiliz “Islamischer Staat” (IS). Dafür sehen sie die YPG als unverzichtbaren Verbündeten, auch wenn sie damit den Zorn der Türkei auf sich ziehen. Auch nach dem Sieg über die IS-Miliz will Washington trotz aller Proteste ihres NATO-Partners an dem umstrittenen Bündnis festhalten.

Der Zorn Ankaras ist den USA gewiss: Die Türkei habe es als Demütigung empfunden, dass die USA bei der Rückeroberung der IS-Hochburg Raqqa auf die YPG statt auf türkische Truppen gesetzt habe, sagt der Militärexperte Rayk Hähnlein. Nach Ansicht des Forschers der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin geht es der Türkei in Afrin darum, sich nun wieder als “regionale Wirkungsmacht” zu etablieren.

Assad könnte profitieren

Die Russen ihrerseits seien interessiert, “einen zu starken Einfluss der USA auf die Kurden zu verhindern, der sich auf die Gestaltung der syrischen Nachkriegsordnung auswirken könnte”, sagt Hähnlein. Wenn die Kurden geschwächt werden, komme das Assad zu Gute. “Er könnte der politische Gewinner der derzeitigen Auseinandersetzungen sein.”

(APA/Red.)

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