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Diskussion um Karikatur hält an

Der Konflikt um die in Dänemark und anderen europäischen Zeitungen abgedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed weitete sich am Donnerstag aus - und eskalierte gleichzeitig.

Während der österreichische Botschafter in Teheran als Vertreter des gegenwärtigen EU-Ratsvorsitzes ins iranische Außenministerium zitiert wurde, umstellten und bedrohten bewaffnete Palästinenser die Vertretung der Europäischen Union im Gaza-Streifen.

Angehörige der Extremistengruppen Islamischer Jihad und Al-Aksa-Brigaden forderten die Schließung des Büros. Sie schossen in die Luft und erklärten, die „europäische Provokation“ mache alle Institutionen in Gaza und der ganzen Welt zum Ziel ihres Feuers. Beide Gruppen hatten bereits in der Nacht eine Erklärung veröffentlicht, in der es hieß: „Jeder Norweger, Däne oder Franzose, der sich auf unserem Gebiet befindet, ist unser Ziel.“ Vor dem EU-Büro in Gaza zogen palästinensische Polizisten auf, die Aktion wurde ohne Gewaltakte beendet. Norwegen schloss angesichts der Drohungen seine Vertretung im Westjordanland. Frankreich rief seine Bürger auf, den Gaza-Streifen zu meiden.

Die EU-Kommission in Brüssel kritisierte die Proteste. Emma Udwin, die Sprecherin von EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner bezeichnete sowohl Meinungsfreiheit als auch den Respekt für andere Länder als Grundwert. Die Proteste in Gaza stünden in einem Zusammenhang mit Drohungen gegen mehrere europäische Staatsbürger, sagte die Kommissionssprecherin. Diejenigen, die hinter derartigen Drohungen stünden, müssten sich auch im Klaren darüber sein, dass die Europäer an Ort und Stelle an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Palästinenser arbeiteten.

Der österreichische Botschafter in Teheran war nach einer Meldung der iranischen Agentur IRNA schon am Mittwoch ins Teheraner Außenamt zitiert worden. Der Iran habe seine „große Unzufriedenheit“ darüber ausgedrückt, „dass sich das Ausmaß der Beleidigungen der heiligsten Person des Islam von Dänemark auf andere europäische Staaten ausgeweitet hat“ und darauf hingewiesen, dass die Affäre „ernste Konsequenzen“ für das künftige Verhältnis zwischen der EU und der islamischen Welt haben könne. Der österreichische Botschafter habe „tiefes Bedauern über den unglücklichen Vorfall“ ausgedrückt und versprochen, die iranischen Proteste an seine Regierung und an die übrigen EU-Staaten weiterzuleiten, hieß es bei IRNA.

Auslöser des Streits sind zwölf Karikaturen, welche die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ unter der Überschrift „Die Gesichter Mohammeds“ Ende September veröffentlicht hatte. Mehrere europäische Zeitungen druckten die umstrittenen Zeichnungen ganz oder teilweise nach. Der Chef der Pariser Boulevardzeitung „France Soir“, Jacques Lefranc, die am Mittwoch als einzige französische Zeitung zwölf Mohammed-Karikaturen aus dem dänischen Blatt „Jyllands-Posten“ nachgedruckt hatte, um das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen, wurde dafür am Donnerstag vom ägyptischen Besitzer der Zeitung entlassen.

Palästinenser drohen mit Entführungen

Palästinenser haben in Nablus im Westjordanland mit der Entführung von Europäern gedroht, um ihren Protest gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen zu bekunden. In einem Anruf bei der Nachrichtenagentur AP erklärte ein Sprecher im Namen der Al-Aksa-Brigaden am Donnerstag, Mitglieder seiner Organisation durchsuchten Wohnungen im Autonomiegebiet. Hotelbesitzer seien aufgefordert worden, Staatsbürgern aus fünf europäischen Ländern, darunter Frankreich, Dänemark und Deutschland, keine Unterkunft zu gewähren.

Zuvor hatten bewaffnete Fatah-Anhänger vor dem EU-Büro in Gaza Stellung bezogen und es für geschlossen erklärt. Alle Palästinenser wurden zum Boykott von Waren aus Dänemark, Frankreich, Norwegen und Deutschland aufgefordert. Den im Gaza-Streifen lebenden Bürgern dieser Staaten wurde Gewalt angedroht. Ein Sprecher der bei der Parlamentswahl siegreichen Hamas-Bewegung, Sami Abu Zuhri, verlangte eine Entschuldigung der Europäischen Union, betonte aber, Ausländer in den Autonomiegebieten dürften nicht zu Schaden kommen.

Stellungnahme von Gorbach

Vizekanzler Hubert Gorbach (B) betont im Konflikt um die Mohammed-Karikaturen die Wichtigkeit der Meinungsfreiheit. „Die Meinungsfreiheit ist eines der wichtigsten demokratischen Grundrechte. Daher sind Aussagen oder Darstellungen auch dann zu akzeptieren, wenn man die wiedergegebenen Ansichten nicht teilt“, sagte Gorbach heute, Donnerstag, laut Aussendung. „Vor diesem Hintergrund stimmen mich die gewaltsamen Proteste in Gaza äußerst nachdenklich.“ Bewaffnete Palästinenser hatten im Gaza-Streifen die Vertretung der Europäischen Union umstellt und bedroht.

Der Respekt für andere Länder und deren Staatsbürger und die Akzeptanz von Grundrechten seien unerlässlich in einer globalisierten Welt, so Gorbach. „Auch wenn man Meinungen nicht teilt, sollte man sie in einer zivilisierten Welt doch akzeptieren statt zu drohen. Vor allem, wenn es – wie im vorliegenden Fall – um Menschen geht, die fern ihrer Heimat an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der einheimischen Bevölkerung arbeiten.“ Der Vizekanzler hofft, dass man in Gaza einsehe, um was es gehe: „Nämlich schlicht und ergreifend nur um Karikaturen, die zwar die Meinung der Zeichner, nicht aber der Regierungen und Nationen widerspiegeln. Bewaffnete Proteste sind jedenfalls nie ein adäquates Mittel.“

Österreichische Zeichner melden sich

Der Konflikt um die zunächst von der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlichten Mohammed-Karikaturen weitet sich aus. Zu Bombendrohungen und Fahnenverbrennungen kamen heute auch politische Proteste von Vertretern der islamischen Welt, bei denen Österreich als EU-Ratsvorsitzland involviert wurde. Die APA bat österreichische Karikaturisten um ihre Sicht der Dinge. So unterschiedlich wie die Bewertung der Qualität der Zeichnungen fällt auch ihre Beurteilung der laufenden Debatte aus.

Gerhard Haderer, selbst durch sein Buch „Das Leben des Jesus“ im Jahr 2002 im Kreuzfeuer von Öffentlichkeit und Kirche, empfand den Abdruck der Karikaturen anfangs als eine „Schnapsidee“. Nun spricht er sich auf Grund der „absurden islamischen Reaktionen“ für eine „Rückendeckung für die Künstler“ aus. Haderer nennt es „lächerlich“, wenn sich nun schon Regierungen für Zeitungen bzw. einzelne Künstler entschuldigen sollen.

Für „Kurier“-Karikaturist Michael Pammesberger ist das Thema Pressefreiheit versus Schutz der Religionen nicht neu. Vielmehr hält er die Qualität der Zeichnungen für fragwürdig: „Sie sind weder witzig noch gut noch treffend.“ Jedoch halte er sie im Rahmen dessen, was man dem Leser zumuten kann, für berechtigt. Natürlich gebe es einen Schutzbedarf für Religionen, allerdings müssen „die Empfindlichkeiten objektiviert werden“, so Pammesberger.

„Ironimus“ Gustav Peichl (u.a. „Die Presse“, „Süddeutsche Zeitung“) hält die Reaktionen der islamischen Welt und die laufende Debatte in Europa für „unsinnig und aufgebläht, eine Farce“. Die nämlichen Karikaturen seien „zum Lachen“, es gebe derartige auf der ganzen Welt. „Meiner Meinung nach suchen die Muslime nach Aufmerksamkeit, sie benutzen die Zeichnungen als Werkzeug, um ihre eigenen Unruhen zu verdecken.“ Schließlich gebe es ja auch genug Karikaturen über Papst Johannes Paul II, auch von Peichl selbst. „Es handelt sich hier jedoch nicht um künstlerische Freiheit, sondern um die Freiheit des Dilettantismus.“ Die politische Karikatur gehöre in den Journalismus, nicht in die Kunst.

Ganz anders Oliver Schopf („Der Standard“). Er nennt die Veröffentlichung der Bilder „europäische Selbsterhöhung über andere“. Wenn Kritik geübt werde, solle sie so artikuliert werden, dass es der Gegner akzeptieren könne. „In Meinen Augen stellen die Karikaturen eine reine Provokation dar. Mohammed mit einer Bombe auf dem Kopf, das halte ich für übertrieben und eigentlich blöd. Schließlich liegt die Schuld nicht bei den Göttern, sondern bei den Menschen selbst“, betonte Schopf seine Ablehnung der Darstellungen. Grundsätzlich müsse man in Religionsfragen sensibel und respektvoll miteinander umgehen. „Die Karikatur muss nicht zur Keule werden!“

“Le Monde” bringt eigene Karikatur

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ bringt in ihrer Freitagsausgabe eine Karikatur des Propheten Mohammed auf der Titelseite. Unter der Schlagzeile „Islam: die Karikaturen der Zwietracht“ gibt das Blatt nicht die umstrittenen Zeichnungen aus Dänemark wieder, sondern eine Eigenproduktion des „Le Monde“-Karikaturisten Plantu.

Darin entsteht aus hunderten „Ich darf Mohammed nicht zeichnen“-Sätzen ein schemenhaft erkennbares bärtiges Gesicht. Der Schreibstift ist wie ein Minarett geformt; aus dessen Spitze sieht ein Mann mit Turban mit einem Fernglas grimmig auf den Text.

Wegen des Karikaturen-Streits war am Mittwoch der Herausgeber der Pariser Boulevardzeitung „France Soir“, Jacques Lefranc, entlassen worden. Das Blatt hatte als erste französische Zeitung die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt, die im vergangenen Jahr zuerst in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlicht worden waren.

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