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Die toten Dörfer von Gomel

(VN) 25 Jahre nach Tschernobyl: Zahlreiche Orte im Bezirk Gomel sind heute noch unbewohnbar. Jelena Musitschenka geht trotzdem nicht weg.
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Birkenwälder säumen den Rand der Straße, die langsam immer holpriger wird. Früher waren es bewirtschaftete Felder. Mais, Weizen. Seit 1986 werden die Felder hier nicht mehr bestellt. Gewachsen sind seither vor allem Birken. Die Straße führt vorbei an der Stadt Wetka im Bezirk Gomel. „Radioaktive Gefahr. Eintritt und Einfahrt untersagt“, weisen Warnschilder am Straßenrand auf die Verstrahlung hin. Doch der Schlagbaum, an dem das Schild befestigt ist, sperrt die Transitroute nicht mehr. Die Autos brausen vorbei, bis zur russischen Grenze ist es nicht mehr weit. Im ehemaligen Kontrollhäuschen preist nun eine Versicherungsgesellschaft ihre Polizzen an.

Ein Ortsschild gibt es nicht

Ein wenig abseits der Straße liegt Bartolomejewka. Oder das, was früher Bartolomejewka war. Ein Ortsschild gibt es nicht mehr, dafür weist eine der unzähligen Tafeln auf die nukleare Gefahr hin. „Pilze und Waldbeeren sammeln verboten“, steht darunter. Auf einer Landkarte wird man den Ort nicht finden. Mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurde das Dorf ausgelöscht: die Gegend verstrahlt, die Menschen ausgesiedelt.

Über Bartolomejewka und den Nachbargemeinden öffnete der Himmel Ende April 1986 seine Schleusen. Dass Gorbatschow dafür gesorgt habe, erzählt man sich in der Region. Schließlich hätte der Wind die atomare Wolke direkt nach Moskau getragen. Aus dem Kreml sei der Befehl an die Luftwaffe erfolgt, die Wolken schon vor der Grenze mit Chemikalien zu beschießen, um sie zum Abregnen zu bringen. Beweise für diese Legenden gibt es nicht.

Damit niemand hierbleibt

Gespenstisch leer und still ist es heute. Die Holzhäuser wurden abgerissen. Damit niemand hierbleibt. Die Natur hat sich die Grundstücke zurückgeholt. Unter hohen Gräsern, Sträuchern und zwischen den Birken lassen sich frühere Grundrisse erahnen. Häuser aus Ziegel zerbröckeln, anderswo stehen nur noch die Wände, die Decke ist längst eingestürzt. Nur das Kriegerdenkmal, für die Helden des Zweiten Weltkriegs, ist noch intakt. Sogar frische Blumen liegen vor dem eisernen Soldaten.

Die wenigen verbliebenen Hütten modern vor sich hin. Haus Nummer 26 ist weitgehend intakt. Die Fensterläden sind in sattem Gelb gestrichen. Ein Hund begrüßt die Besucher. In dem Häuschen lebt Jelena Musitschenka, gleich neben den weiß-roten Masten des Mobilfunkanbieters Velcom, einem Tochterunternehmen der österreichischen Telekom-Gruppe. „Nachts leuchtet darauf ein rotes Licht“, deutet die 80-Jährige auf die Masten. „Das ist schön, dann ist es nicht ganz dunkel.“ Strom gibt es längst keinen mehr, auch keine Heizung oder fließendes Wasser. Trotzdem bleibt Jelena hier. Gegen die Evakuierung hat sie sich erfolgreich gewehrt. Die Alternative wäre wohl eine Wohnung in eime Plattenbau in Minsk gewesen. „Was soll ich woanders?“, fragt sie, während sie Wasser aus dem Brunnen vor ihrem Haus schöpft. Ob das nicht alles verstrahlt sei? „Ja, natürlich. Aber ich trinke es seit 80 Jahren und seht her, ich lebe.“

Eine Torffabrik sorgte vor Jahrzehnten für Arbeitsplätze. 500 Höfe gab es. Heute leben hier nur diejenigen, die sich nicht evakuieren ließen. Jelena zählt sie an den verrunzelten Fingern ab. „Fünf“, sagt sie schließlich. „Ich bin in Bartolomejewka aufgewachsen. Das ist meine Heimat“, begründet die 80-Jährige ihre Entscheidung, trotz der unsichtbaren Gefahr nicht wegzugehen. Sie hat Kinder, Nichten und Neffen. Keiner wohnt hier, sie sind in Gomel oder Minsk. Ihr Mann Iwan hat sie letztes Jahr verlassen. Er ist gestorben. Nur der Hund und ihre zwei Katzen – beide heißen Murik – leisten ihr noch Gesellschaft. Und fünf Gänse im Garten, die irgendwann wohl auch in ihrem Suppentopf landen werden.

Beschwerliche Arbeit

Am Eingang hängt eine Strahlenkarte. Das Gebiet rund um Bartolomejewka ist darauf zu sehen, und wie sehr die einzelnen Ortschaften von der Strahlung auch heute noch betroffen sind. Jelena humpelt wieder zurück ins Haus. Dass sie nicht mehr gut auf den Beinen ist, sagt sie. Die Arbeit ist beschwerlich. Alleine das Wasser holen, Wäsche waschen, heizen und kochen. „Niemand hilft uns“, erklärt sie verbittert. Von der Regierung habe sie keine Unterstützung zu erwarten. Vor ein paar Tagen ist Jelena im Haus gestürzt. Ein weißer Verband, der unter dem Kopftuch hervorlugt, zeugt noch davon.

Wenn das Essen ausgeht, fährt sie mit dem Bus in die Stadt. Bis zur nächsten Bushaltestelle ist es weit. Vor allem für eine 80-Jährige. Deshalb sammelt sie weiter Pilze im Wald. Und Beeren.

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