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Die Tausendfüßlerin

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Unterm Zanzenberg, dort wo das Zickzackweglein beginnt, machte sich vor kurzem Frau Tausendfuß auf den Weg. Um gut voranzukommen kombinierte sie ihre gezählten 423 Beine mit großer Eleganz und in bemerkenswertem Tempo. Mit ihren Verwandten, den Wenigfüßlern hatte sie, die nichts dachte, kaum was gemein und schon gar nicht mit Zweibeinern wie dem Hirner S. Demidevosch, der alles dachte. Er entdeckte sie kurz nach dem Geschlechtsakt mit einem 517 Fuß starken Männchen unter einem fauligen Abdeckbrett der städtischen Zanzenbergröhre, die zur Erreichung des Kulturhauptstadttitels gerade erbohrt wurde. Hirner S. Demidevosch bat Frau Tausendfuß um ein Gespräch und bot ihr dafür eine verwelkte Geranie aus dem Rathauszimmer an. Mhm. Das wirkte. Sie stoppte ihre 423 Beine, weil ihr Instinkt „Fressen in Sicht“ es gebot. Er fragte sie mit großer Wichtigkeit, ob sie schon gewarnt worden sei? Frau Tausendfuß, die nichts hörte, schüttelte grad ihre Antennen. Da hielt ihr, die nichts las, der Zweibeiner, der alles las, die neueste Zeitung hin: „Insektensterben weltweit. Fast die Hälfte der Insekten im Sterben begriffen! Katastrophaler Einbruch der natürlichen Ökosysteme! Bienensterben! Vögelsterben!“ Frau Tausendfuß interessierte sich jedoch nur für die faule Geranie und fraß. Das machte Hirner S. Demidevosch wütend. Eine derartige Ignoranz hatte er von einer (ungebildeten, dachte er sich) Tausendfüßlerin nicht erwartet. Die Voraussage ihres katastrophalen Untergangs war ihr offensichtlich egal oder sie stellte sich tot. Statt dass sie in Panik geraten wäre, fraß sie lieber die welke Rathausgeranie. “Erstens kommt das Fressen, zweitens die Moral“.

Sie ist wie die Mehrzahl der Zweibeiner, dachte er, und trug ihr nun die vielen vorbildlichen Beispiele der wenigen vorbildlichen Menschen vor: „Die Chinesen klettern als Bestäuber auf Apfelbäumen herum, die liberale Mittelklasse stellt Insektenhotels vor ihren vereinsamten Villen auf. Frau Bohle trägt ein selbstgebasteltes Bienenhotel auf ihrem Sonnenhut. Gewissenskünstler rufen zur Unterzeichnung der Petition für Bienengesundheit und Mottenpflegeheime auf. Ein Musterwanzenmatratzensymposion wird einberufen. Die Unterschutzstellung von Kellerasseln wird gefordert. Internetwanderprediger stellen ihre Verlausung offen zur Schau. Fliegengitter werden verboten, Insektensteckdosen eingezogen. Milben auf dem Vormarsch! Mücken erschlagen wird untersagt.“ Die Tausendfüßlerin fraß fertig und setzte ihren Weg fort. Objektiv kann festgehalten werden, sie hat den Boden weit besser unter ihren 423 Füßen als der Zweibeiner. Hirner S. Demidevosch hätte sie am liebsten gebraten und gefressen, aber auch das war inzwischen verboten.

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