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"Die Frauenkarawane": Weites Wandern für die Familie

An die 1.500 Kilometer sind es, die die Frauen des Nomadenvolkes Toubou jährlich zur Dattelernte zurücklegen. Für ihren Dokumentarfilm "Die Frauenkarawane" (A/B/F 2009) hat die belgische Regisseurin Nathalie Borgers, die vor acht Jahren mit ihrer "Kronenzeitungs"-Doku in Österreich für Aufregung sorgte, die afrikanischen Frauen auf ihrer Wanderung durch die Wüste begleitet.
Am Freitag (15. Jänner) startet der Film nun, nach der Uraufführung bei der vergangenen Viennale, regulär im Kino. Im APA-Interview erzählte Borgers zudem von ihren persönlichen Erfahrungen.

Die Sahara definiert das Leben des Nomadenvolks der Toubou als hart und einfach zugleich. Die den Frauen zugeschriebene Rolle als die für das Drinnen (Haus und Herd) Zuständige ändert sich nur in der großen Regenzeit. Dann nämlich durchstreift die Frauenkarawane Hunderte Kilometer Wüste, um in einer Oasenstadt die Dattelernte auszuhandeln und das Überleben für ihre Familien zu sichern. Raum und Zeit lösen sich dabei für den Zuseher bald komplett auf. “Die Männer erlauben das, denn es ist auch für sie ökonomisch gut. So müssen sie keine Kamele verkaufen”, sagte Borgers.

Die belgische Filmemacherin ist vor den Dreharbeiten mehrfach zu den Toubous gereist – und das hat sich ausgezahlt. Warum sich jemand aus so großer Ferne für ihre Lebensweise interessierte, war den Frauen ebenso rätselhaft wie die Tatsache, dass Nathalie Borgers im Zuge der Recherchen freiwillig mit ihnen ein Stück des Karawanenweges zurücklegte. “Ich bin viermal hingefahren und für den Dreh fast zweieinhalb Monate dort geblieben. Sie waren überrascht, dass wir immer wieder kommen. Diese Aufmerksamkeit war für sie etwas Besonderes”, so Borgers. Gerade damit war auch der Bann der Fremdheit zwischen ihr und ihren Protagonistinnen schnell gebrochen.

Der Zuseher ist ganz nah bei den alltäglichen Problemen mit dabei. Wenn Domagali, die Anführerin der Karawane, meint, dass die Reise aus wirtschaftlichen Gründen auch in Zukunft unternommen werden soll, so bietet der Trip für Amina und Mariama, die von einem modernen Leben träumen, einen ganz anderen Anreiz. Fern von ihren Männern teilen sie miteinander – Nomadenfrauen unter sich – und vor der Kamera ihre Geheimnisse. Von Scheidungsgedanken bis zu Klagen über die Ehemänner und Fantasien von einem anderen Leben, folgt der Zuseher mit Spannung ihren Gesprächen, mit denen sich jeder identifizieren kann.

Paradox und ungerecht, restriktiv und dann wieder unvermittelt tolerant scheint diese kleine Gesellschaft zu sein, die Nathalie Borgers an den südlichen Rändern der Sahara angetroffen hat. “Sie werden immer von der Erlaubnis eines Mannes abhängig sein. Zum Beispiel Amina, die ein kleines Geschäft mit Parfüms betrieben hat, das war auch schwierig. In einer Stadt zu leben, könnte sie sich nicht leisten. Sie braucht dafür einen Cousin oder Mann. Und hätte Mariama einen netten Mann, könnte sie vielleicht studieren. Doch das hat sie nicht.” Auch wenn die Zukunftsaussichten nicht gerade rosig sind – im Kinosaal lösen sich Raum und Zeit bald auf. Und die Gespräche der Frauen lassen die Welt da draußen eine Weile still stehen.

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