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Die eigene Welt

"Neues ermöglichen, indem man Werte erhält – das ergibt hier einen ganz eigenen Stolz." (Hermann Kaufmann, Architekt)
"Neues ermöglichen, indem man Werte erhält – das ergibt hier einen ganz eigenen Stolz." (Hermann Kaufmann, Architekt) ©Christian Grass
Mellau - „Meor händ a oagne Wealt“, besingt der Egger (Mundart-) Dichter Kaspar Troy „seinen“ Bregenzerwald – wer kann so etwas heute schon sagen!
Mellau: Die eigene Welt

Diese Entschiedenheit des: „Wir haben“. Dann das „Eigen“: Das heißt „mein Eigen“ ebenso wie „eigentlich“ und „charakterliche Eigenart“ bis hin zum „ein wenig eigen“ – ein starker Charakter meldet sich zu Wort. Und dann noch die Welt: Die setzt sich nicht nur selbstbewusst von der „großen Welt“ ab, sondern zielt auf ein Ganzes, einen Kosmos. Ein starkes Stück. Wie das? Und wo?

Mellau, auf halbem Weg ans Ende des Bregenzerwaldes, wo die Berge eng heranrücken und Bregenzerach und Mellenbach besonders rauschen, ein Ort, der sich besonders dem Tourismus verschrieben hat, mit deutlichen Spuren im Zentrum. Der Ortsrand dagegen, dem eindrucksvollen Massiv der Kanisfluh gegenüber, zeigt noch die einst prägende Kultur: Bauernhäuser, Gärten, schmale Straßen, einige Obstwiesen. Alles beherrschend: Holz, ob Schindelpanzer, Bretterschirm oder Stulpschalung, ob schwarzbraun oder silbern verwittert, dazu weiß gestrichen feine Fensterprofile, grüne Läden. Und auffallend: viel helles, frisches Holz.

Es ist nicht zu übersehen: Die wenigsten dieser Häuser mit mehreren Jahrhunderten auf dem Buckel beherbergen noch bäuerliche Betriebe. Dass dennoch viele in erfreulichem Zustand sind, liegt daran, dass das Leben nicht gewichen ist, dass neue Nutzung eingezogen ist, dass an ihnen weitergebaut wurde, so wie am Bauernhaus immer weitergebaut wurde: sparsam, sorgfältig, mit begrenzten Mitteln, doch deshalb noch lange nicht ärmlich. Ein lebendiger Organismus ist ein solches Haus, liebenswürdig.

Deshalb haben die Häuser Bestand: Die Alten bewohnen ihren Teil, die Jungen erneuern das Haus ihren Bedürfnissen entsprechend, ohne falsche Scheu vor der Historie, doch mit genauem Gespür für Geschichte, für Proportion und Material. Und so ist einer Handvoll Bauten dieser Nachbarschaft deutlich anzusehen: Neues Leben ist eingezogen, die Häuser wurden umgebaut ohne ihren Charakter zu verlieren, die Nachbarschaft hat gewonnen.

Leichter gesagt als getan. Jüngstes Beispiel: Der Umbau von Peter Bischof nach Plänen von Hermann Kaufmann. Drei Hauptprobleme waren zu bewältigen: die Geschoßhöhen heutigen Standards anpassen; Tageslicht ins Hausinnere bringen; zeitgemäße technische Standards anstreben, insbesondere bei Energie- und Heiztechnik sowie Elektroinstallation. Dies mit gestalterischem Können umgesetzt, ergibt den mittlerweile schon über die Landesgrenzen hinaus bekannten Standard architektonischer Qualität.

Beim Haus Bischof wurden höchste Maßstäbe angelegt. Höher sind die Räume, indem die Kellerdecke abgesenkt und die Decke im ersten Stock angehoben wurde. Damit waren nicht nur neue Böden erforderlich, auch Wände und Decke der Stuben sind erneuert – der Täfer-Gliederung der Wälderstube folgend, jedoch scharfkantig und gerastert. Tageslicht erhält das Hausinnere durch den großzügig befensterten Eingangsbereich mit seitlich angeordneter Treppe sowie durch Glas bei den Innenwänden.

Energetisch wurde die Außenhülle optimiert; die gedämmte Strickwand hat einen neuen Schindelschirm. Besondere Sorgfalt zeigt sich bei den Fenstern: In den 1930er-Jahren wurden die lichten Maße vergrößert, in den 1970ern diese durch Einbau von Allerwelts-Iso-Fenstern wieder verkleinert. Die neuen Kastenfenster mit innen isolierverglasten Fenstern in Futterstöcken gewinnen die lichten Maße zurück, ergänzt durch Einfachverglasung in feinsten Profilen der äußeren Flügel. Meisterwerke örtlicher Handwerkskunst. Die Fußbodenheizung wird durch eine Wärmepumpe gespeist, unterstützt durch dezent gesetzte Sonnenkollektoren.

Hohe Ansprüche an gestalterisches Können: „Eine große Herausforderung ist der rechte Winkel, die moderne Perfektion im Konflikt mit den Schrägen bei einem solchen Haus. Die wenigsten können damit umgehen, kaum einer beherrscht die Kunst des Anpassens“, so Architekt Hermann Kaufmann. Mit seinem Wissen um die „Grammatik“ dieser Häuser – ihre Gliederung und Maßstäblichkeit – gelingt es ihm, dies in Einklang zu bringen mit der Linearität, die für seinen Holzbau typisch ist. Gliederung, Rhythmus und Proportion erweisen sich einmal mehr als gestalterische Grundlage.

Und Hermann Kaufmann fügt hinzu: Gerade im Alpenraum haben Häuser fünf Fassaden – bei der Gestalt des Hauses spiele das Dach jederzeit mit. Wer sich ein Bild machen will, was hier Achtlosigkeit bewirkt, brauche nicht weit zu gehen: Die Ortschaften des Allgäus sind zu blau schimmernden Glasscherbenvierteln verkommen.

Hier dagegen hat Gestaltung einen Wert – und ein Anspruch wie beim Bischof-Haus seinen Preis. Engagement des Bauherrn ist gefragt, nicht zuletzt eigene Arbeit. „An einem solchen Haus zu schaffen, macht Freude. Immer wieder war spannend zu sehen: Wie haben’s die Vorfahren gemacht? So ein Haus ist wie ein Geschichtsbuch – die Erhaltung dieses Wertes bedeutet für mich Lebensqualität. Seit Generationen lebt hier die Familie, da war ich als Kind zu Hause, es war ein gutes Zuhause, ein heimeliges Zuhause. Abriss und Neubau waren nie eine Alternative“, weiß Peter Bischof.

Wobei er gerne einräumt: Was so entschieden klingt, ist selbst gewachsen. Entscheidend war eine Veranstaltung des „Werkraum Bregenzerwald“ vor einem Dutzend Jahren, kuratiert von Renate Breuß und Klaus Metzler. Ein gerade fertig gewordener Umbau des Architekten Helmut Dietrich in unmittelbarer Nachbarschaft bot Gelegenheit, der Gleichsetzung von „Olthus“ mit „Suhus“ zu widersprechen und das Wort für Umnutzung und Erhalt zu ergreifen – mit Erfolg. Helmut Dietrich, mit dem ersten Umbau hier vor anderthalb Jahrzehnten Pionier und seither immer wieder bestens mit dem Thema vertraut, führt die Anpassungsfähigkeit dieser Häuser auf ihre „verbindliche Typologie und klare Organisation“ zurück und erlaubt sich gar die Zuspitzung: „Den ästhetischen Aspekt, der für den Erhalt von Gebäuden meines Erachtens der wichtigste ist, erfüllt das Bregenzerwälderhaus besonders eindrücklich. Die Fähigkeit, ästhetische und atmosphärische Bedürfnisse zu erfüllen, ist ein wichtiger Aspekt ihrer Langlebigkeit.“

So kam ein Haus zum anderen. Mehrere Projekte von Hermann Kaufmann folgten, dazu einige anspruchsvolle Sanierungen durch die Bauherren selbst. Derzeit steht ein Umbau nach Plänen von Architekt Edgar Höscheler kurz vor der Vollendung – mit spannenden Kontrasten von sorgfältig behandelten alten und neuartig eingesetzten Baustoffen. Ebenfalls großgeschrieben: generationenübergreifendes Wohnen und Bauen. Schon kann man von einem Ensemble sprechen – oder in andern Worten: von einer eigenen Welt. Einer sinnvollen dazu, denn Weiterbauen bedeutet sparsamen Umgang mit Ressourcen – nicht nur stofflichen, sondern auch mit Grund und Boden. Was wäre wirksamer gegen Zersiedelung, als den Bestand nutzen? Nicht zu vergessen, die kulturellen Ressourcen – kann den Wert des Neuen überhaupt ermessen, wer blind für Bestehendes ist? Was diese Ensemble ebenfalls zeigt: Es tut sich noch mehr. Das Schaffen am Haus hat gerade hier sozialen Charakter. Die Beschäftigung mit Haus und Siedlung wirkt über die eigenen vier Wände hinaus. „Allmählich gibt es eine Dynamik, die auf andere wirkt“, so Hermann Kaufmann. Oder, wie Kaspar Troy in seinem jüngsten Bändchen „Im Wald“ festhält: „ Meor händ a oagne Wealt, in der ma frisch sin ka und müod, blos macho – moascht si sealb!“

Daten & Fakten

Objekt: Haus Bischof, Übermellen 29
Bauherr: Peter Bischof
Planung: Hermann Kaufmann
Planungsbeginn: 2011
Ausführung: 2012
Heizenergiebedarf: 42 kWh/m² im Jahr

Objekt: Haus Felder/Fontain, Übermellen 25
Bauleute: Siegfried und Elisabeth Felder, Michael Fontain
Planung: Edgar Höscheler
Planungsbeginn: 2012
Ausführung: 2012–2013

Objekt: Haus Moosbrugger, Übermellen 24
Bauleute: Margit und Hermann Moosbrugger
Planung: Helmut Dietrich mit Edgar Höscheler
Planungsbeginn: 1995
Ausführung/ Fertigstellung: 1996–1997

Objekt: Haus Hager, Übermellen 27
Bauleute: Silvia und Karlheinz Hager
Planung: Helmut Dietrich mit Edgar Höscheler
Planungsbeginn: 1997
Ausführung/ Fertigstellung: 1998

Objekt: Haus Häfele, Übermellen 37
Bauleute: Dorothea und Georg Häfele
Planung: Hermann Kaufmann
Planungsbeginn: 2000
Ausführung/ Fertigstellung: 2001

Objekt: Haus Moosbrugger, Übermellen 22
Bauherr: Jodok Moosbrugger
Planung: Sanierung in Eigenregie
Ausführung: 2010

Objekt: Haus Dekker, Übermellen 30
Bauherrin: Claudia Dekker
Planung: Sanierung in Eigenregie
Ausführung: 2011

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

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