Page 1Page 1 CopyGroupGroupPage 1Combined ShapePage 1Combined ShapePage 1Triangle Page 1 VNVorarlberger Nachrichten Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1 Rectangle 9 Combined ShapeCombined ShapePage 1Page 1Page 1Page 1Page 1AAAAPage 1 Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1

Die Blutgräfin von Čachtice

©pixabay.com
Gastbeitrag: Die Taten mancher Menschen sind so verstörend, dass sie im Nachhinein zu Monstern verklärt werden. Nein, die Rede ist in diesem Fall nicht von Vlad III. Drăculea aus dem später in Literatur und Film der archetypische Dracula wurde, sondern von Elisabeth Báthory. Die ungarische Hochadelige und vermeintliche Massenmörderin geriet nach ihrem Tod lange in Vergessenheit, bis die wiederentdeckten Prozessakten im 18en Jahrhundert geradezu für einen Vampirhype sorgten.

Schon damals liebten die Menschen eine gute Gruselgeschichte. Auch und gerade, wenn sie auf tief tragischen Geschehnissen beruhte.

 Elisabeth wurde 1560 in das einflussreiche und phänomenal wohlhabende ungarische Hochadelsgeschlecht der Báthory geboren. Mit 15 heiratete sie in das wesentlich weniger prestigeträchtige Haus Nádasdy – ein Umstand, auf den sie Zeitlebens mit großem Standesbewusstsein reagierte: Sie führte in den meisten offiziellen Funktionen weiter ihren Mädchennamen. Das war bei solchen Konstellationen zwar nicht unbedingt unüblich, ist aber ein Indiz für starkes Selbstbewusstsein. Da ihr Mann mit Feuereifer seine Militärkarriere verfolgte, war sie zumeist allein auf den weitläufigen Ländereien und übernahm bereits in jugendlichem Alter wie selbstverständlich auch deren Verwaltung mit ausgesprochen strenger Hand.

Der Weg zur Mörderin?

Alle folgenden Schilderungen basieren auf Zeugenaussagen, die im Zuge ihres Prozesses aufgenommen wurden. Manche davon geschahen unter Folter und sind somit mit einer gehörigen Portion Vorsicht zu genießen. Sie decken sich aber mit zahlreichen, über Jahre hinweg wiederholten Vorwürfen und Beobachtungen aus ihrem Umfeld und ergeben bis auf einige gehörige Übertreibungen ein relativ schlüssiges Bild. Trotzdem wird sich aus einem vierhundertjährigen Cold Case heute natürlich nicht restlos beweisen lassen, was damals tatsächlich vorgefallen ist.

Bereits in ihren Zwanzigern fiel Elisabeth wiederholt durch ihre Härte der Dienstbotenschaft gegenüber auf. Arbeiteten die Mägde im Hof zu langsam, soll sie sie zum Beispiel bei jedem Wetter gezwungen haben, den Dienst nackt zu versehen, damit sie Grund hätten, sich zu beeilen. Wurde eine Dienerin beim Naschen erwischt, musste sie den Rest der Speise brennheiß essen und bereits kleine Vergehen wurden mit schwerstem Prügel geahndet. Schon relativ bald sollen an den Folgen dieser Behandlung die ersten vereinzelten Dienstmägde verstorben sein. So unglaublich das aus heutiger Sicht auch klingt, schellten dadurch damals noch keine Alarmglocken. Strenge Behandlung der Dienerschaft war weit verbreitet und plötzliche, auch junge Sterbefälle alles andere als ungewöhnlich. Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Kreislauf der Gewalt

Elisabeth schien Gefallen an der Gewalt gefunden zu haben. Als sie nach dem Tod ihres Mannes alleinige Verfügerin über ihre Güter wurde, begann sie, sie zu systematisieren. Zunächst beschaffte sie sich gleichgesinnte oder manipulierbare Kompliz*innen und erschuf mit deren Hilfe einen stetig schrecklicher werdenden Teufelskreis aus Folter, Mord und der Beschaffung neuer Opfer.

Ihre Kompliz*innen lockten immer neue junge Mädchen aus armen Verhältnissen mit einträglichen Stellen auf dem Gut oder durch versprochene Ehen mit reichen Ehemännern in den Dienst ihrer Herrin, nur um sie dann systematisch zu Tode zu quälen. Da Elisabeth streng gläubig war, lag ihr das Seelenheil ihrer Opfer absurderweise sehr am Herzen und ihr war wichtig, dass sie ein christliches Begräbnis erhielten. Also schickte sie ihre Leichen unter immer fadenscheinigeren Ausreden zum lokalen Pfarrer. Der schöpfte alsbald Verdacht und prangerte sie bereits relativ früh in ihrer „Karriere“ in einer Predigt öffentlich als potenzielle Mörderin an. Dieser Vorfall ist belegt und trägt sehr zu dem Eindruck bei, dass die Jahre später getätigten Geständnisse zumindest nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein scheinen.

Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf, warum niemand eingeschritten ist. Dafür gibt es zahlreiche mögliche Gründe. Der naheliegendste ist, dass Elisabeth Teil des Hochadels war. Jemanden über dem eigenen Stand anzuklagen war ausgesprochen riskant. Sollten die Anschuldigungen nicht standhalten, war mit Racheakten zu rechnen. Wenn also ein armes Bauernpaar das Ableben ihrer Tochter verdächtig fand, aber von ihrer Herrin versichert bekam, dass es ein fürchterliches Unglück war und vielleicht noch eine Abfindung im Spiel war, dann war es wesentlich gesünder für Leib und Leben, das so hinzunehmen, statt sie des Mordes zu bezichtigen. Dazu kam ihre ausgezeichnete Vernetzung. Als ungarische Hochadelige gab es im Wesentlichen zwei Personen, denen sie Rechenschaft schuldig war. Dem Oberhaupt des Hauses Habsburg in der Funktion des Königs von Ungarn (und damit auch dem Kaiser zu dieser Zeit) und seinem ungarischen Palatin (sein oberster Richter und Statthalter in Ungarn). Die kaiserliche Krone schuldete ihr eine horrende Summe Geld aus den Türkenkriegen. Dadurch war garantiert, dass der Kaiser sich nur im äußersten Extremfall gegen sie wenden würde. Der Palatin – Georg Thurzo – war einer der besten Freunde ihres Mannes und versprach ihm vor seinem Tod, sich um seine Familie zu kümmern. Er war auch der gesetzliche Vormund ihres einzigen Sohnes. Ihr Briefverkehr, in dem sie sich als Schwager und Schwägerin anreden, lässt erahnen, dass sie sich sehr nahestanden. Es wäre also auch hoch riskant, sich mit solchen haarsträubenden Anschuldigungen an ihn zu wenden.

So konnte sie ihre Verbrechen also ungehindert weiterführen und schien mit der Zeit immer tiefer in der Psychose zu versinken. Sie entwickelte angeblich eine verstörende Faszination für Blut und soll nach ihren Gewaltorgien so darin getränkt gewesen sein, dass sie ihre Schlafgemächer mit Asche ausstreuen ließ, um es aufzusaugen und die Reinigung zu erleichtern. Sie soll eine regelrechte Abhängigkeit zur Folter entwickelt haben und wenn sie ihr nicht nachgehen konnte, soll sie schlaf- und appetitlos gewesen sein. Als sie einmal krank ans Bett gefesselt war und ihrer schrecklichen Neigung nicht nachgehen konnte, soll sie sich einmal ein Opfer ans Bett bringen haben lassen, um es zumindest beißen zu können. Insbesondere diese Details der Prozessprotokolle trugen dazu bei, dass sie im 18en Jahrhundert zum Vampir stilisiert wurde. Aus dieser Zeit stammen dann auch mit Sicherheit falsche Erweiterungen der Geschichte, wie, dass sie im Blut ihrer Opfer gebadet haben soll, um ihre jugendliche Schönheit zu erhalten.

Eskalation

 Endgültig aus dem Ruder liefen die Dinge nach dem Tod ihrer zwar grausamsten aber auch vorsichtigsten Komplizin Anna Darvula. Sie beschränkte sich nun nicht mehr auf Bauernmädchen, die immer schwieriger zu überreden waren, da die lokale Bevölkerung längst ahnte, was auf ihrem Gut passierte, sondern bot auch Töchtern kleinerer Adelshäuser Stellen als Hofdamen, um sie zu ihren Opfern zu machen. Außerdem nahm sie sie immer öfter auf ihre Reisen mit. Es häuften sich dann Berichte verschreckter Dienerinnen in ihrem Reisegefolge, die Verletzungen an höchst ungewöhnlichen Stellen aufwiesen, wie etwa üble Verbrennungen an den Händen. Vis-à-vis dem Augustinerkloster in Wien in der Augustinerstraße 12 befand sich ihre Wiener Residenz, aus der bei ihren Besuchen nachts Schmerzgeschrei zu hören gewesen sein soll. Die benachbarten Mönche sollen ihre Fenster deshalb mit Blumentöpfen beworfen haben. Außerdem weigerte sich nun auch noch der Pfarrer des Nachbardorfs ihrer Hauptresidenz Burg (bzw. das nahegelegene Herrenhaus) Čachtice, die „verunfallte“ Dienerschaft auf seinem Friedhof zu bestatten, weshalb ihre Helfer*innen begannen, sie um das Gutsgelände zu verscharren. Das Gefolge eines ihrer Schwiegersöhne soll eines dieser notdürftigen Gräber gefunden haben.

Kurz gesagt: Sie wurde nachlässig und die Vorfälle häuften sich so sehr, dass sie selbst bei einer Adeligen ihres Standes nicht mehr ignoriert werden konnten. Der bereits erwähnte Palatin und Vormund ihres Sohnes schien zu dieser Zeit Wind von den Umtrieben Elisabeths bekommen zu haben. Er setzte Ermittler auf sie an und der Ton ihrer Korrespondenz kühlte merklich ab.

Festnahme und Prozess

Am 29 Dezember 1610 war es schließlich so weit: Palatin Georg Thurzo stürmte ihr Gut in Čachtice und stellte sie unter Hausarrest. Ihren Kompliz*innen wurde nach der Befragung kurzer Prozess gemacht. Kurzer Prozess heißt, dass das Verfahren abgekürzt und vereinfacht wurde, wie es bei Hexenprozessen oftmals der Fall war. Da solche Prozesse oft mit dem Tod des oder der Angeklagten endeten, entstand so unsere heutige Phrase „kurzen Prozess machen“. Bis auf eine Mitangeklagte – Katharina Beneczky, die laut Zeugenaussagen eher eine verängstigte Mitläuferin zu sein schien – und Elisabeth selbst wurden alle hingerichtet. Die Gutsherrin wurde entgegen aller Erwartungen und trotz mehrfacher kaiserlicher Intervention nur zu lebenslangem Arrest verurteilt. Die gängige Version, dass sie in ihrem Turm eingemauert und durch ein kleines Loch mit Essen versorgt wurde, ist nicht belegbar.

Nimmt man sämtliche protokollierte Aussagen für bare Münze, hatte sie an diesem Punkt mehrere hundert junge Mädchen ermordet.

Oder doch eine Intrige?

Und genau hier scheiden sich die Geister. In den 80ern kam die Theorie auf, dass Elisabeth Báthory Opfer einer umfangreichen Intrige wurde. Dafür spricht, dass sie als selbstbestimmte, starke Frau zu ihrer Zeit mit Sicherheit vielen ein Dorn im Auge war und, dass ihr immenser Reichtum sie zu einem lohnenden Ziel machte. Außerdem hatten die Báthory immer wieder Probleme mit den Habsburgern. Zur Zeit des Prozesses befand sich Gabriel Báthory in Transsylvanien beispielsweise in offener Opposition zum Haus Habsburg. Auch war die kaiserliche Krone wie bereits gesagt tief bei ihr verschuldet. All das macht eine politische Intrige gegen sie samt anschließender Schmierenkampagne absolut plausibel. Was die These allerdings fragwürdig erscheinen lässt, ist der Umgang mit ihr nach ihrer Festsetzung. Georg Thurzo hat auf eigene Faust und ohne Einbeziehung des Kaisers gehandelt. Die offensichtliche Überraschung in der Korrespondenz legt nahe, dass Kaiser Matthias von Habsburg vollkommen überrumpelt war. Auch das Urteil ist verblüffend. Angesichts der Anklage war ein Todesurteil das zu erwartende Ende. Sie wurde aber nicht nur am Leben gelassen, es wurde sogar dafür gesorgt, dass ihre Kinder ihr rechtmäßiges Erbe bekommen sollten. Bei einer Verurteilung zum Tode hätte man ihre Güter einziehen und sämtliche Schuldlasten tilgen können. Deshalb insistierte der Kaiser auch mehrfach, sie hinrichten zu lassen. Thurzo konnte ihn aber beschwichtigen. Es scheint also ausgesprochen merkwürdig, dass ein bereits festgesetztes und damit völlig hilfloses Opfer einer Intrige so glimpflich davonkommt und keiner der Intriganten davon profitiert. Elisabeth war eher apolitisch und weitgehend loyal zum Hause Habsburg. Also wurde mit ihr auch keine Gefahr für die Krone ausgeschaltet.

Ihr Enkel hingegen wurde mit Sicherheit das Opfer einer politischen Intrige. Er spielte eine unwichtige Mitläuferrolle in der ungarischen Magnatenverschwörung, wurde festgesetzt, hingerichtet und sein Familienvermögen wurde konfisziert. So geht Intrige. Es stellt sich also die Frage, warum mit Elisabeth dann nicht ebenso verfahren wurde.

Alternativ war sich Palatin Georg Thurzo der Tatsache bewusst, dass die leibliche Mutter seines Ziehkindes im Falle einer Hinrichtung enteignet werden und sein Schützling verarmt und entehrt enden würde. Deshalb regelte er die Sache selbst.

Gegen die Intrigenvariante spricht auch die Fülle und Kongruenz der Zeugenaussagen. Viel davon wird zusammengesponnen und ausgeschmückt worden sein, aber das von Elisabeth gezeichnete Bild ist konstant. Diese Frage wird sich niemals restlos klären lassen. Die Forschung tendiert momentan mehrheitlich zu der Auffassung, dass sie zumindest nicht unschuldig war. Wie viele der ihr zur Last gelegten Verbrechen sie tatsächlich begangen hat, bleibt aber im Dunkeln.

Wie eingangs erwähnt, finden düstere Geschichten stets ein Publikum und so wurde nach dem Wiederauftauchen der Prozessakten im 18en Jahrhundert aus Elisabeth Báthory, der potenziellen Serienmörderin Elisabeth Báthory, die Schwarzmagierin oder der in Blut badende Vampir.

Weiterführende Lektüre:

Michael Farin: Heroine des Grauens. Elisabeth Bathory

Gerald Axelroth: Die Geheimnisse der Blutgräfin Elisabeth Bathory

Text zur Verfügung gestellt von: www.dasgrad.com

Fill 1Created with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Kurioses
  • Die Blutgräfin von Čachtice
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen