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Deutschland: Gewerkschaften gegen Mehrarbeit

Die Forderung der konservativen Opposition nach Mehrarbeit für alle Bürger in Deutschland stößt auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften.

Eine verlängerte Wochenarbeitszeit von 40 oder 42 Stunden sei verkehrt, sagte der Chef der Gewerkschaft IG Bergbau-Chemie-Energie, Hubertus Schmoldt, am Montag im Deutschlandradio Berlin. Die Deutschen arbeiteten gar nicht weniger als Beschäftigte im Ausland. „Unsere Produktivität ist sogar höher.” DGB-Chef Michael Sommer stimmte zu und warnte, längere Arbeitszeiten brächten insgesamt weniger Jobs. Bundeskanzler Gerhard Schröder rief die Tarifparteien indes zu Flexibilität auf.

Durch Kürzungen nicht attraktiver

Sommer sagte im ZDF, der Standort Deutschland werde durch Lohnkürzungen oder Mehrarbeit ohne Ausgleich nicht attraktiver. Entscheidend seien innovative Produkte, hochproduktive Arbeitnehmer und eine vernünftige Arbeitsorganisation. Er unterstütze aber eine Flexibilisierung mit Hilfe von Arbeitszeitkonten, wo Überstunden übers Jahr oder einen noch längeren Zeitraum ausgeglichen werden.

Öffentlicher Dienst als Präzedenzfall

Auslöser der Debatte ist die Forderung der deutschen Bundesländer nach längerer Wochenarbeitszeit für Angestellte und Arbeiter im öffentlichen Dienst. Dazu sagte Sommer, bei einer Verlängerung auf 40 oder 42 Stunden würden 130.000 Stellen tendenziell wegfallen, daher werde ver.di „im Zweifelsfall auch zu Kampfmaßnahmen greifen müssen”. Auch Schmoldt sagte, das Problem vieler Betriebe liege in der Frage, ob die Arbeitszeiten flexibel genug verteilt werden können. Deshalb könnte sogar Lebensarbeitszeitkonten eingeführt werden.

Schröder will Flexibilität

Schröder sagte in Berlin, sowohl das Beharren auf einer 35-Stunden-Woche als auch die Forderung nach 40 oder 42 Wochenstunden seien falsch. Notwendig sei „eine flexible Tarifpolitik, ohne die zentrale Verhandlungsmacht der Tarifparteien zu zerstören.” Die Partner hätten es in der Hand, die Tarifautonomie unter Beweis zu stellen. „Wenn Tarifautonomie, dann aber ganz.” Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte seinem Sprecher zufolge, eine Neuregelung der Arbeitszeiten liege im Ermessen der Tarifparteien. Eine Arbeitszeitverlängerung sei zum Beispiel denkbar, um eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu verhindern.

Mehrarbeit für billigere Produkte

Nach Einschätzung des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung würde eine Verlängerung der Arbeitszeiten neue Arbeitsplätze schaffen. „Unbezahlte Mehrarbeit macht die Produkte billiger, die Nachfrage steigt”, sagte ifo-Arbeitsmarktexperte Martin Werding am Montag in München. „Im Prinzip funktioniert das überall.” Eine der wenigen Ausnahmen sei die Automobilindustrie, denn da gebe es weltweit Überkapazitäten. Die Verkürzung der Arbeitszeit habe dagegen keine zusätzlichen Stellen geschaffen – „im Gegenteil”.

Stoiber verlangt 40 Stundenwoche

Am Wochenende hatte bereits CSU-Chef Edmund Stoiber die 40-Stunden-Woche ohne Lohnzuwachs verlangt. Auch CDU-Chefin Angela Merkel stellte sich hinter den Vorschlag, genau wie der Industrie- und Handelskammertag (DIHT).

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