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Der Waldsetzkasten

Keine romantische „Urhütte“, sondern ein durchaus moderner Bau, mit einer lässigen, aber doch durchkomponierten Gestaltung.
Keine romantische „Urhütte“, sondern ein durchaus moderner Bau, mit einer lässigen, aber doch durchkomponierten Gestaltung. ©Christian Grass
Wolfurt - Vertraut. Ihr Haus ist im Wald und der Wald ist ihr Haus. Ein wundervolles Beispiel für die Begeisterung und ursprüngliche Freude, mit der kleine Laubhütten und ausgewachsene Architektur entstehen. Demonstriert anhand einer Schutzhütte für eine Waldspielgruppe in Wolfurt, die ein Waldstück samt Haus erobert und in einen vertrauten Raum verwandelt hat.
Schutzhaus Waldspielgruppe Wolfurt

Die etwa 15 Kinder der privat organisierten Spielgruppe „Waldeulen“ treffen sich jeden Dienstag für dreieinhalb Stunden im Wald. Die Eltern übergeben die Dreibis Sechsjährigen gut ausgerüstet am Treffpunkt oberhalb von Wolfurt und von dort wandern sie gemeinsam mit zwei Pädagoginnen zu ihrem vertrauten Waldstück. Wie eine kleine Expedition muten sie für den zufällig vorbeikommenden Wanderer an, mit ihren bunten Matschhosen, festen Schuhen und den regengeschützten Rücksäcken, die sie alle tragen. Die älteren von ihnen, schon „walderfahrenen“, verteilen sich gleich in kleinen Gruppen im steil geneigten Laubwald, der für sie vertraut geworden ist.

Der Wanderer staunt über die Energie und Unerschrockenheit, mit der sie dieses Stück Natur in Besitz nehmen. Sie rennen, rutschen, klettern, aber sie sitzen auch still um eine Schnecke, eine Blüte oder um ihre „Schätze“, die sie im Wald gesammelt haben. Es gibt kein übliches Spielzeug im Wald und so verwandeln sich Äste, Steine, Blätter in Flugzeuge, Häuschen, Werkzeug und wenn es sein muss auch in ein Schießgewehr. Die Pädagoginnen machen die kleinen Kinder mit den Regeln und Besonderheiten des Waldes vertraut und leiten an. Auf die älteren Kinder haben sie ein wachsames Auge. Die Waldkinder wirken selbstbewusst, bilden selbst Gruppen und wählen frei den Abstand zueinander. Viele Platz-, Lärm- und Stressprobleme konventioneller Kindereinrichtungen sind hier von vornherein gelöst. Nicht, dass es keine Regeln gäbe, aber diese sind sehr einfach: „Nichts fliegt, was keine Flügel hat“ (z. B. keine Steine) oder „Nichts wird aus dem Wald mitgenommen“. So entsteht Respekt vor der Natur und ein sicherer Umgang miteinander und mit der Wildnis.

stehengebliebene Wanderer hat spätestens jetzt jede Angst um die Kinder verloren. In der Tat weisen erziehungswissenschaftliche Studien etliche Vorzüge dieser Pädagogik nach, die im Skandinavien der 1950er-Jahre entstanden ist und vor allem seit etwa 20 Jahren einen kontinuierlichen Zuspruch und auch institutionelle Anerkennung erfährt. In einer Untersuchung der Uni Hildesheim stellte Wiebke Warmburg fest: „Kinder im Waldkindergarten sind gesundheitlich stabiler, haben weniger Unfälle und fallen sicherer. Da die meisten Waldkindergärten konzeptionell kein konventionelles Spielzeug mit ‚vorgeschriebener‘ Bedeutung nutzen und die Kinder mit Naturgegenständen spielen, wirkt sich die Waldpädagogik auch auf die Sprachentwicklung unterstützend aus, weil sich die Kinder über Bedeutung von Gegenständen und das Spielgeschehen häufiger verbal austauschen.“

Die Natur zeigt aber auch Grenzen. Regen und Kälte halten diese Kinder nicht vom Spielen ab, aber wenn es zu stark regnet – so erklären sie selbst – hagelt oder im Winter sehr kalt wird, dann brauchen sie einen festen Unterstand.

Architekt Bernd Riegger hat selbst zwei Kinder, die die Spielgruppe besuchten und so kam es zu einem Entwurf, als die Gruppe wuchs und einen Unterstand brauchte. Von den Eltern selbst finanziert wurde die Schutzhütte auf vier Schachtringen im Waldboden demontierbar errichtet. Die ganze Konstruktion ist aus rohen, bandgesägten Fichtenbrettern mit 20 cm Breite zusammengesetzt. Für die Grundkonstruktion sind sie zu flachen Holzrahmen verbunden, aufgereiht im Abstand von 37 cm. Offen um den gedeckten Vorbereich schließen sie sich mit einer gehobelten Bretterschalung zu einem geschützten Raum zum Aufwärmen, Jausnen und als gedeckter Unterschlupf.

Keine romantische „Urhütte“, sondern ein durchaus moderner Bau, mit einer lässigen, aber doch durchkomponierten Gestaltung. Für den Architekten selbst, der selbstständig und mit Partnern Wohnund Gewerbeprojekte in der Schweiz und in Vorarlberg realisiert, war es ein selbstloser, aber durchaus freudvoller Beitrag, der zur „Erweiterung der Waldlandschaft und als Spielfläche“ dient. Ein ebenso ästhetisches, wie selbstverständliches Bauwerk. Kein Kitsch, kein bedeutungsschweres Kultobjekt, sondern mit einer vergleichbaren Freude und Lockerheit gemacht, wie sie den Kindern eigen ist. Ein raffiniertes Werkstück aus natürlichen Materialien.

Daten & Fakten

Objekt: Schutzhaus Waldspielgruppe
Bauherr: Die Waldeulen, Verein zur Förderung der Wald- und Erlebnispädagogik, Wolfurt
Planung: Architekt Bernd Riegger, DornbirnStatik: Mader/Flatz, Bregenz
Nutzfläche: 12 m2 (innen), 6 m2 (überdeckter Vorbereich)
Planungsbeginn: 2011
Fertigstellung: 2012
Konstruktion: Fundament: Schachtringe aus Beton mit 50 cm Durchmesser; Boden: Fichtenholzbretter auf Massivholzriegeln; Wände: Brettrahmen verschraubt mit ungehobelten, bandgesägten Fichtenholzbrettern, Achsabstand 37 cm; Dach: Bretterschalung mit Bitumenschindeln
Ausführung: Fundamentarbeiten: Bauhof Marktgemeinde Wolfurt; Transporte: Rohner, Wolfurt; Montage: Integra Wolfurt (gemeinnützige Arbeitsinitiative Regio Bodensee); Organisation Montage und Fertigung: Möbelwerkstatt Manfred Gasser, Wolfurt; Dachdecker und Spengler: Schwendinger und Fink, Wolfurt

VN/ Leben & Wohnen

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg, Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten.
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