Der "Tren a las nubes"

©VN/C.Schreiber
Der berühmteste Zug Südamerikas fährt durch die argentinischen Anden. Bilder 

Für jeden ein Tablett mit Essen. Alles in Folie verpackt, alles ziemlich geschmacklos. Das könnte der Start einer Flugreise sein, bei der die Stewardessen durch die engen Gänge manövrieren, sobald die Reiseflughöhe erreicht ist. Aber hier verteilen zwei Studenten die Sättigungspakete. Ohne Hektik, lächelnd. Sie haben Zeit, alle haben Zeit. Sie haben kein Ziel, keiner hier hat ein Ziel.

14 Stunden Fahrzeit

14 Stunden beträgt die reine Fahrzeit mit dem „tren a las nubes“ durch die argentinischen Anden in die Wolken. Das verspricht der Name des Zuges. Drei Jahre hat der berühmteste Zug Südamerikas pausiert. Erst seit Kurzem zuckelt er wieder als Touristenattraktion sieben Stunden die Anden rauf und genauso lang wieder runter. Dann sind die Fahrgäste zurück in der Provinzhauptstadt Salta. Zwischendurch dürfen sie zweimal aussteigen, zweimal essen und so oft sie wollen tiefe Züge aus der Sauerstoffflasche nehmen. Das Zugticket ist die Eintrittskarte in einen spektakulären Landschaftsfilm, der hinter den Scheiben der Waggons abläuft. Aber noch ist der Vorhang zu. Die erste halbe Stunde ist das Zugabteil abgedunkelt. Draußen ziehen jene Stadtteile vorbei, die kein Tourist sehen soll. Dort stehen jene Menschen, die neidisch, ungläubig, wütend auf den Touristenzug schauen, der seinen Gästen für eine Fahrt so viel Geld abknöpft, wie sie im ganzen Monat nicht haben, um ihre Familie durchzubringen.

Abteil-Aufpasser

Offiziell sind die Fahrgäste jetzt gefährdet. Die Slumbewohner haben ihre Wut in der Vergangenheit gegen die Zugfenster geschleudert. Damit uns kein Stein trifft, dürfen wir den Sichtschutz nicht nach oben schieben. Dafür gibt es sogar einen Aufpasser pro Abteil. Er eilt herbei, lächelt und schließt das Fenster. Es gebe ein paar Regeln hier im Zug, man solle sich doch daran halten und im Zweifelsfall ihn fragen, erklärt er freundlich. Das Sightseeing-Verbot wird erst aufgehoben, als der Zug längst durchs fruchtbare Lermatal Richtung Anden zuckelt. Die Deckenventilatoren können die stickige Luft aus dem Abteil nicht vertreiben. Wer es sich mit dem Mann von der Security nicht verscherzen will, fragt besser nach, bevor er ein Fenster öffnet. Ja, das ginge schon. Aber, bevor ein Tunnel komme, müsse es geschlossen werden. Wegen dem Rauch.

„Zig-Zags“ und „Rulos“

Ihr erstes Meisterwerk haben die Pioniere gleich nach der „Schlucht des Stieres“ vollbracht, die den Übergang vom lieblich-grünen Tal in die raue Gebirgswelt, die Puna, markiert. Im Zick-zack schiebt und zieht die Lok ihre Waggons über die Serpentinen, die Gleise kleben nah am Abgrund. Einmal taucht der „tren a las nubes“ komplett rückwärts in einen Tunnel ein, weil der Platz nicht reicht, um die Richtung zu wechseln. Nur wenige Kilometer weiter vollbringt der Wolkenzug sein zweites Kunststück. Unbeirrt von den steilen Felswänden rundum kreiselt der „tren a las nubes“ durch das erste „rulo“. Die Arbeiter müssen sich beim Bau an einem riesigen Schneckenhaus orientiert haben, dessen Rundungen die Gleise folgen, um dem Wolkenzug das Aufsteigen zu erleichtern.

Das Riesen-Viadukt

Nach gut sieben Stunden Zugfahrt schreitet ein Offizieller durch die Waggons und verkündet den Höhepunkt der Reise: die Fahrt über das Viadukt „La Polvorilla“, ein Ungetüm aus 1600 Tonnen Stahl. Sechs Türme halten die Gleise in die Höhe, damit der Zug nicht in die 224 Meter breite Schlucht stürzt. Hier kann man spüren, warum der „Tren a las nubes“ seinen Namen bekommen hat. Die Nase hängt im Wind, unter ihr 63 Meter Luft. Schweben. Wie auf einer Wolke. Der Zug fährt zurück aufs Festland und lässt die Passagiere Höhenluft auf über 4000 Metern schnuppern. Nach ein paar Minuten müssen alle schon wieder einsteigen. Es gibt einen festen Zeitplan und die Verantwortlichen wollen demonstrieren, dass dies hier nicht nur der sicherste Zug Südamerikas ist, sondern auch der pünktlichste. Sieben Stunden. Noch mal 217 Kilometer, 1328 Kurven, 44 Brücken und Viadukte und 21 Tunnel. Abendessen im Speisewagen. Irgendwann haucht die Abendsonne rotes Licht über die Berggipfel. Es waren sieben schöne Stunden.

14

Stunden dauert die Fahrt mit dem „Tren a las nubes“ hin und zurück – zuzüglich 40 Minuten Aufenthaltszeit an den Haltepunkten. 3033 Meter Höhenunterschied werden zwischen Salta (1187 ü. M.) und La Polvorilla (4220 Meter ü. M.) überwunden.

“Ramal C-14”

Der Tren a las Nubes ist ein Zug auf einem Abschnitt der Eisenbahnstrecke zwischen der argentinischen Stadt Salta und Antofagasta in der Nordregion Chiles. Der offizielle Name des argentinischen Streckenabschnittes zwischen Güemes, Salta und Socompa lautet „Ramal C-14“.

Sicherheit geht nun vor

Vor drei Jahren ging der Lok jenseits der 4000- Meter-Marke die Puste aus. Die Touristen zitterten stundenlang in der bitteren Kälte, ehe es mit der Evakuierung klappte. Einige kehrten mit starken Unterkühlungen und Herzproblemen zurück. Daraufhin fuhr drei Jahre lang kein Zug mehr in die Wolken. Die neue Betreiberfirma wird genau vom Staat kontrolliert. Es ist immer eine Ersatzlok dabei, außerdem begleiten zwei Geländewagen und ein Sanka den Zug auf der meist parallel verlaufenden Staatsstraße.

Ärzteteam ist mit an Bord

Für den Wolkenzug ist die Kletterei auf knapp 3000 Meter kein Problem, aber für einige seiner Insassen, denen die Höhenkrankheit zu schaffen macht. Ein Arzt und mehrere Schwestern kümmern sich um 20 bis 30 hechelnde Menschen pro Fahrt, reichen ihnen Sauerstoffmasken oder verordnen ihnen eine Mütze Schlaf.

Technische Highlights des „Tren“

Die Strecken-Ingenieure haben in der 27-jährigen Bauzeit ab 1921 eine Meisterleistung vollbracht. Kein Zahnrädchen hilft dem Wolkenzug dabei, die 3000 Höhenmeter bis zu seinem Umkehrpunkt zu überwinden. Er rollt auf ganz normalen Schienen, die Steigungsrate liegt im Promillebereich und jeder größere Hügel war eine Herausforderung für die Erbauer. Sie waren Erfinder, in deren Köpfe „rulos“ und „zig-zags“ entstanden sind, die dem Zug nach oben helfen.

Souvenirs

Der „Tren“ hält nach dem Viadukt noch einmal in einem Bergdorf, das so viel Souvenirstände hat wie Einwohner, und beginnt die lange Rückreise.

La Polvorilla

Das Polvorilla-Viadukt auf 4220 Metern – der höchste Punkt der Reise – ist beeindruckend: 1600 Tonnen Eisen bieten 224 Meter Überbrückung in 63 Metern Höhe.

Mineralien

Bunt, wie vom Regenbogen gemalt, funkeln die schroffen Felsabbrüche wegen ihres mineralischen Schatzes. Darüber thronen die Vier-, Fünfund Sechstausender.

Splitter vom „Tren“

25 km/h. Lokomotive mit 2475 PS mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde gezogen.
Der Zug. Es gibt sieben Wagen der ersten Klasse für maximal 500 Passagiere, einen Speisewagen, einen mit Postamt, Andenkenladen, Snack-Bar, Telekommunikationskabinen, Audio und Videosystem sowie ein Erste-Hilfe-Abteil.

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