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Der Ruf des Titans

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Es sind diese grellschönen Septembertage, an denen der Sommer nochmals hervorkugelt, obwohl er eigentlich schon abgedankt hat. Diese nocheinmalheißen Tage, an denen das Telefon ununterbrochen klingelt und entweder niemand dran ist oder das Meinungsforschungsinstitut  „Haben-Sie-ein-bisschen-Zeit“. An solchen Tagen läutet, phasenverschoben, mit dem Telefon auch die Hausglocke. Du sagst: „Einen Moment bitte, es läutet gerade“, öffnest und siegesgewiss blickt dich die Haussammlungsfrau: „Jetzt-hab-ich-dich-endlich“ an, zückt den Block, hüpft mit dem eingelernten Sammelsatz ins Haus und wartet unerbittlich auf deine Spende. Du findest die Geldtasche nicht und rennst zweimal in den ersten Stock, während in der Küche der Teehafen zu pfeifen beginnt. Zehn Euro an die Haussammlung, Teehafen weggestellt, Meinungsforschung abgewimmelt, da fällt Dir ein, dass du schon seit zehn Minuten in der Stadt einen Termin hast, hockst dich ins Auto, springst nochmal heraus, weil du die Unterlagen vergessen hast, hockst wieder hinein und fährst die kürzest mögliche Strecke, bis du im Stau stecken bleibst. Der grellschöne Tag heizt auf. Du ziehst deinen Pullover aus, fährst weiter, kommst an, findest keinen Parkplatz, irgendwann doch einen, rennst zum ausgemachten Treffen, doch es ist niemand da. Niemand. Niemand, der dir Auskunft geben könnte, auch niemand oben und niemand unten und niemand im ersten Zimmer und niemand am Eingang. Deine Synapsen tapsen im Dunkel und wirre Gedanken schießen führungslos im Kopf herum. Du bist allein und wirst in diesem Moment auch noch qualvoll gebissen: vom schlechten Gewissen. Patt. Du stehst an. Dann kommt, wie ein Geschenk, der Moment der inneren Umkehr. Mea culpa, mea maxima culpa. Du bläst die Luft aus, gehst auf einen Kaffee, bestellst, schaust nach dem verlorenen Krieg öd in die Ferne, denkst an nichts, die Erholung setzt ein, du sagst „zahlen bitte“ und hast die Geldtasche vergessen. Ausgerechnet der unsympathische Mensch neben dir, (du hast ihn noch nie gemocht), bietet sich an, dir auszuhelfen. Du nimmst Peinlichkeit zeigend und schuldbewusst an, bedankst dich und murmelst etwas von „auf jeden Fall gebührend revanchieren“. Du gehst hinaus. Es ist vollbracht.  Es geht fort mit dir. Weiter, ohne Ziel. Und noch weiter. Es führt dich hinaus aus der Stadt. Ein paar Bäume erreichen dich, die Stadt senkt sich unter dir weg. Du wirst nach oben geführt, erreichst ein Plateau, eine Wiese, Blumen am Rand, eine Aussichtsbank. Da steht Hölderlin. Den Blick nach oben gerichtet spricht er: „Ihr wandelt droben im Licht auf weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüfte rühren euch leicht wie die Finger der Künstlerin heilige Saiten …“ Du bist am Ziel.  

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