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Der grüne Zweig

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Das große Thema des Advents ist Warten. Der gelernte Christ wartet auf das Kommen des Erlösers, genauer auf sein zweites Kommen, denn einmal ist er schon gekommen, wie wir aus den 5000 Handschriften des Neuen Testaments erfahren. Ich bin auch so ein Warter. Weil ich mehr darüber wissen will, tauche ich ins Internet, klicke von einem blauen Stichwort zum nächsten, öffne ein Kapitel nach dem andern, lese, drucke aus, speichere, bilde Ordner für Ordner, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Hab ich den endlich erreicht, blinkt dahinter ein zweiter, ein dritter, vierter, ich hangle weiter, klettere auf grünen Ästen herum, bis ich im grünen Wald turnend von Baum zu Baum nicht mehr frage, sondern nur noch Antworten finde. Wonach ich suche, habe ich vergessen, woher ich komme auch, wohin ich will ebenso. So. Hunger hab ich! Da - ein Schild: „Eintropfsuppe, Hascheehörnchen mit grünem Salat: 8 Euro!“ Schon steig ich vom Baum, setze mich ins Cafe Schopenhauer, gable die Hörnchen, achte darauf dass kein Einziges zu Boden fällt und bin schon wieder auf den Bäumen. So. Unten tobt ein hageres Landeshauptmännlein samt notständigen Plotikeri und schimpft auf „die da oben auf den Bäumen“, weil sein Turmbau zu Babel auf 555 m (Ludesch) steckenbleibt - trotz Zuckerwasserzufuhr. Im Unterschied zu denen da oben, die wissen, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen, glauben die da unten, dass die Fahnenstange kein Ende hat. Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Glauben und zwischen denen da oben und den Schwarzköpfle da unten.

Wie Calvinos Baron eile ich von Ast zu Ast. Manchmal reicht mir mein Buchhändler Bücher aus der vorelektronischen Zeit herauf. Diesmal ist es ein schwarzes Buch im Schuber mit 4 bunten Bändern. Es hat die Größe eines „Gotteslobs“, ist aber ein alter „SCHOTT“ mit Goldschnitt. Blattgold? Vorsichtig schlage ich die hauchdünnen Seiten auf und finde eine handgeschriebene Widmung: „Zum Andenken an den Tag Deiner hlg. Firmung. Dein Firmpate Styx. 11. VI. 1958“. Der so beschenkte Firmling wird wohl hoffentlich auch eine Uhr bekommen haben! Wer weiß? Bei einem Firmgötte namens Styx? Styx ist die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten. Grad sind drei Freunde hinübergehüpft. Wenn der Fluss des Grauens dein Firmpate ist, musst Du eine coole Socke sein. Ich lese weiter: „Vollständiges Römisches Messbuch von Anselm Schott, herausgegeben von Benediktinern der Erzabtei Beuron.“ Am Beginn ist das Kapitel „Weihnachtsfestkreis“. Ich schlage den 3. Adventssonntag auf. Da steht: „Die Kirche unterbricht heute den Ernst der Adventszeit. Statt violett trägt der Priester heute rosa.“ Rosa? So. So? Der Sonntag heißt „Gaudete. Freuet euch allezeit im Herrn. Noch einmal sage ich: Freuet euch.“ Na dann: Mihi gaudio est.

(c) Ulrich Gabriel
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