Der Exodus der jungen Portugiesen

Immer mehr Portugiesen wandern in das nördliche Europa aus
Immer mehr Portugiesen wandern in das nördliche Europa aus ©AP/Francisco Seco
Lissabon - Alle fünf Minuten packt ein Portugiese seine Sachen, um die Heimat zu verlassen. Trotz einer leichten Erholung der Wirtschaft sind unter denen, die ihrem Land den Rücken kehren, zunehmend gut ausgebildete junge Leute: Krankenpfleger, Ärzte, Lehrer, Ingenieure. Eines ihrer favorisierten Ziele ist Deutschland.

Vor 40 Jahren wanderten ihre Großeltern nach Tours in Frankreich aus, wo sie Arbeit fanden: als Hausangestellte und als Schreiner. Nun packt die Enkelin die Koffer: Joana Miranda, 27 Jahre alt und Krankenschwester, hat eine Stelle in einem Münchner Krankenhaus gefunden. In der portugiesischen Heimat hatte es für sie zuletzt nur noch kleinere Nebenjobs in Altenheimen gegeben. “Ich habe fünf Euro brutto pro Stunde verdient, ohne festen Vertrag. Ich kam auf 500 Euro netto im Monat”, erzählt sie. “In Deutschland habe ich einen festen Arbeitsplatz, mit 2000 Euro netto.”

Auswanderungswellen aus Portugal

Gut ein Drittel der 3500 Krankenpfleger- und Schwestern, die jedes Jahr ihre Ausbildung in Portugal abschließen, verlassen ihr Land. Neben Deutschland zieht es sie vor allem nach Großbritannien.

128.000 Emigranten im Jahr 2013

Es ist ein wahrer Exodus, den das krisengebeutelte südeuropäische Land zu verkraften hat: Rund 128.000 Einwohner nahmen allein im vergangenen Jahr Reißaus. Zwischen 2011 und 2013 verließen mehr als 300.000 Portugiesen ihre Heimat. Während der großen Auswanderungswelle der 60er Jahre flohen sie vor der Diktatur Salazars, den Kolonialkriegen und der Armut. Heute ist Portugal ein stabiler, demokratischer Staat, die Armut aber ist zurück. “Diese beunruhigende Abwanderung zeugt von einem völligen Vertrauensverlust der Portugiesen in die Zukunft ihres Landes”, sagt Maria Manuela Aguiar, ehemalige Staatssekretärin für Auswanderung. Und es sieht nicht so aus, als würde sich diese Entwicklung bald umkehren: “Ich sehe keine Verbesserung”, sagt Aguiar. Auch dieses und kommendes Jahr werde ihr Land weiter “ausbluten”.

12.000 Portugiesen in Deutschland

Vor ihrem Umzug nach Deutschland machte Joana Miranda einen Intensivkurs Deutsch am Goethe-Institut in Lissabon. Deutschland hat seit 2011 gut 12.000 Portugiesen aufgenommen. Doch die Sprache bleibt eine hohe Hürde. Die Dosierung einer Infusion erklären, sich bei Medikamenten zurechtfinden – das Deutsch der zehn Schüler im Sprachkurs kam noch zögerlich über die Lippen. Dabei hatten sie alle schon einen Arbeitsvertrag in Deutschland in der Tasche.

“Keine Zukunft, keine Perspektiven”

Maria Chaves hat für die neue Anstellung sogar eine feste Stelle in Portugal aufgegeben. In einem Lissabonner Krankenhaus verdiente die 29-Jährige 1100 Euro netto. “Hier haben wir keine Zukunft, keine Perspektiven voranzukommen”, beschreibt sie. Ihr Mann, ein Soldat, hat seinen Dienst quittiert, um mit ihr zu gehen.

37,5% Jugendarbeitslosigkeit in Portugal

37,5 Prozent der unter 25-Jährigen haben keine Arbeit in Portugal. Sollte der Großteil der jungen Auswanderer die gleichen Arbeiten übernehmen wie einst die Großeltern und am Bau, in der Hotellerie oder als Haushaltshilfen arbeiten, werden viele in Jobs tätig sein, für die sie weit überqualifiziert sind. “Anders als in den 60er Jahren ist Portugal nun mit einer Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte konfrontiert. Das ist gefährlich”, sagt Joao Peixoto, Soziologe an der Lissabonner Universität. Das Land verliere dann genau diejenigen, die wichtig wären, um die heimische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Portugal müsse deshalb versuchen, seine jungen Auswanderer wieder “so schnell wie möglich” heimzuholen. Ob das gelingt? “Deutschland ist ein fantastisches Land”, sagt Maria Chaves. “Ich gehe dorthin, um zu bleiben.”

(APA)

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