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Das "Boßeln" ist der Friesen Lust

„Fleu herut“ – werfe weg. Hermann Jansen ist Profi – hinter dem Deich zeigt er, wie‘s geht
„Fleu herut“ – werfe weg. Hermann Jansen ist Profi – hinter dem Deich zeigt er, wie‘s geht ©VN/Lädtke
Von wegen Fußball: Im Winter regiert auf Ostfrieslands Straßen "König Boßel".
Ostfriesland

“He löpt noch” – wo das Land platt ist, wird auch platt gesprochen. Hochdeutsch heißt das: Sie rollt noch, aus dem Weg und Füße weg! Der Warnruf ist immer dann zu hören, wenn im ostfriesischen Norden Deutschlands von Dezember bis März kleine Menschengruppen den Lauf einer Kugel so lange gebannt verfolgen, bevor diese von der Straße abkommt, das heißt im Graben landet oder auf einer Köttelwiese liegen bleibt.

Wie die Elfmeterschützen

Ob es dann Lob und Anerkennung gibt oder Hohn und Spott hagelt, hängt von den zurückgelegten Metern ab. Geht anschließend ein Werfer vom Konkurrenzteam in Position, um sein Sportgerät jeweils vom Landepunkt des Vorwerfers seiner Mannschaft auf den Asphalt zu schleudern, stellt er sich einer sportlichen Herausforderung, die Küstenbewohner allemal höher bewerteten, als die Verantwortung eines Schützen beim Elfmeter.

„Boßeln“ (mit langem „o“) heißt der Volkssport Nummer eins an der Waterkant, dem die Philosophie zugrunde liegt: Wer laufen kann, der kann auch werfen. Dabei ist eine faustgroße, 1100 Gramm schwere Boßel (Kugel) so zu schleudern, dass sie möglichst „lang up de Straße löpt“. Was dem Rest der Nation die Fußball-Ligen sind, das sind den Ostfriesen zwischen Rechtsupweg und Ovelgönne im Winter ihre Dorf- und Landesmeisterschaften in Gemeinden, die für jeden Nichtfriesen nur böhmische Dörfer sind. Sieger ist die Mannschaft, die eine bis zu sechs Kilometer lange Strecke mit den wenigsten Würfen überwindet. Und das kann dauern.

Wärmflasche mit Bier und Korn

Nicht etwa, weil bei einer frostigen Brise die Holz- oder Gummikugeln oft eigene Wege gehen. Nein, ein mit Bier und Korn beladener Handwagen bietet als Lob und Trostspender für gelungene oder vermasselte Würfe Anlass für einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Und weil von Herbst bis Winter pfeifende Nordwestwinde die friesischen Wettkämpfe begleiten, dient die hochprozentige Ladung den Nordmännern auch als Wärmflasche. Wenn Lästermäuler nun frotzeln, Boßeln sei ein Trinksport, dann ist das natürlich nur ein schlechter Ostfriesenwitz.

Kein Witz ist, dass die Kugel in Ostfriesland längst rollte, bevor Engländer 1863 in London die Football Association gründeten. Mehr als 43.000 Menschen lassen heute in fast 300 Vereinen die Kugel rollen. Küstenurlauber, die selber einmal Hand anlegen wollen, dürfen von Frühjahr bis Sommer mit Profis auf die Straße: In Aurich, Wittmund oder Leer, im Ammerland oder im Oldenburger Land bieten Vereine Boßel-Touren für Erwachsene und Kinder an. Wer diese heimatkundliche Open-Air-Variante des „Ostfriesen-Abiturs“ meistern will, kann mit etwas Geschick und viel Humor „Sitten und Gebräuche“ der Ostfriesen kennen lernen.

Ostfriesische Gebräuche

Zum Beispiel auf einer schmalen Straße bei Wittmund. Der scheinbar endlosen Sicht über die typisch ostfriesische Marschlandschaft stellen sich nur ein paar Bauernhöfe, dafür umso mehr Windräder in den Weg. Wo morgens der Milchwagen rumpelt und ein Bauer oft das einzige menschliche Wesen zwischen Himmel und Erde zu sein scheint, hat sich eine Schar „Außerfriesischer“ zum „Abitur“ versammelt. „Immer flach werfen“, ruft Lothar Sobotta, und: „Laat’n rulln“ (lasst die Kugel rollen). Drei Kilometer sind zu absolvieren, bevor das touristische Dutzend statt der Kugel eine vom Bürgermeister höchst persönlich unterzeichnete Urkunde in den Händen hält.

40 bis 50 Straßenmeter gehen den meisten Greenhörnern flott von der Hand. Manch einer „Landratte“ aus der Großstadt, die Tipps wie „Liek ut Hand“ (schnell aus der Hand) oder „Över d’Duum“ (über den Daumen) befolgt, der Kugel den richtigen Drall gibt und so selbst knifflige Kurven überlistet, gelingt im Handumdrehen ein 100-Meter-Wurf. „Haalt – ne wech lopen“, mahnt der Finanzangestellte seine Prüflinge, nach dem Wettkampf noch zu bleiben. Zu Ende ist der friesische „Schultag“ nämlich erst nach dem obligatorischen und lautstarken Boßler-Ruf. „Fleu herut“ – wirf weg!

 

REISEINFOS

Allgemeine Informationen: Ostfriesland Tourismus GmbH, Ledastraße 10, 26789 Leer. Telefon +49 491 91969662, im Internet unter www.ostfriesland.de
Unterkunft: Hotel Hohes Haus. Das im Jahr 1696 gebaute Haus war früher ein Finanzamt und liegt am Hafen im winterlich beschaulichen Fischerort Greetsiel (DZ ab 90 Euro inkl.Frühstücksbuffet, nach preiswerten Tagesarrangements fragen). www.hoheshaus.de, Tel. +49 4926 181-0.
Tipp: In Mittegroßefehn zeigt Heinrich-Jürgen Besuchern, wie das Sportgerät der Ostfriesen hergestellt wird. Terminvereinbarung unter Tel. +49 4943 1260.
Lektüre: „Freesensport – Klootschießen, Boßeln und Schleuderballwerfen“, 19,80 Euro.
Für Kinder: Mehrere Bände „Lükko Leuchtturm“ und seine Abenteuer, 12,40 Euro. Beide SKN Druck und Verlag, Norden.

 

(VN)

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