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Da Vinci oder Sally aus dem Supermarkt: Rätselraten um ein Porträt

Meisterfälscher Shaun Greenhalgh meint, "La Bella Principessa" stamme von ihm.
Meisterfälscher Shaun Greenhalgh meint, "La Bella Principessa" stamme von ihm. ©Wikimedia Commons
Nachdenklich schaut die junge Frau geradeaus. Der Maler hat die Dunkelblonde im Profil porträtiert, sie trägt ein grün-rotes Gewand, ihr Zopf ist mit einem Band umwunden. Typisch Renaissance, typisch 15. Jahrhundert. Typisch Leonardo da Vinci? Unsinn, behauptet Shaun Greenhalgh, von Beruf Kunstfälscher, der reihenweise Museen, Sammler, Auktionshäuser und Experten an der Nase herumgeführt hat.

“Ich habe dieses Bild 1978 gemalt, als ich bei Co-op gearbeitet habe.” Das ist eine britische Supermarktkette. Vorbild für die junge Frau sei Kassierin Sally. So zitiert die “Sunday Times” aus Greenhalghs Buch “A Forger’s Tale”. Für die Kunstwelt geht es dabei um viel, viel Geld und wohl auch den Ruf einiger Experten. Denn die sind eigentlich überzeugt, dass “La Bella Principessa”, die schöne Prinzessin, ein echter da Vinci im Wert von mindestens 100 Millionen Euro ist.

Meisterfälschung wäre ihm zuzutrauen

Grundsätzlich wäre Shaun Greenhalgh eine solche Meister-Fälschung zuzutrauen. In der Sozialwohnung seiner Eltern im nordenglischen Bolton produzierte er Fälschungen quer durch die Epochen. Sein Geschäft wurde zum Familienunternehmen, die Eltern halfen mit. Und es lief, 18 Jahre lang. “Lohnt sich Verbrechen wirklich?”, heißt bezeichnenderweise ein Buch über die Familie, die wohl Millionen ergaunerte, seltsamerweise aber trotzdem äußerst bescheiden lebte. Im November 2007 gaben die drei alles zu. Sohn und Drahtzieher Shaun musste für vier Jahre und acht Monate ins Gefängnis.

Experten prüfen Kunstwerke bekanntlich nicht nur mit den Augen, sondern mit wissenschaftlichen Methoden. So auch Martin Kemp, früher an der Universität Oxford, der dem Bild seinen Namen gab und es 2010 zum echten da Vinci erklärte. In Videoclips auf der Homepage der Uni erklärt er ausführlich, wie er zu seinem Urteil kam. Die Erkenntnisse seien alle “absolut stimmig”. Weitere Experten teilen seine Meinung, andere widersprechen und sehen nichts bewiesen.

Fingerabdruck von da Vinci gefunden?

Greenhalgh hat eine Erklärung parat: Er will ein Dokument aus dem Jahr 1587 als Leinwand genutzt haben und den Deckel eines viktorianischen Schreibtischs als Unterlage, wie die “Sunday Times” auf Grundlage seines Buchs ausführt. Beim Zeichnen habe er das Bild gedreht, um da Vinci zu imitieren, der Linkshänder war. Die Farbpartikel will er aus sehr alten Materialien gewonnen haben, etwa Tonerde und Holzkohle. Keine Erklärung dafür liefern die Zitate, warum Wissenschafter einen Fingerabdruck oben links im Bild gefunden haben, den sie da Vinci zuordnen.

Alles nur ein PR-Gag?

Den Verkaufszahlen für das in Kleinstauflage erschienenen “A Forger’s Tale” (etwa: Die Erzählung des Fälschers) schaden die Behauptungen nicht. Der kleine Londoner Verlag ZCZ druckt nach eigenen Angaben gerade die zweite Auflage. Auch die zweite Auflage werde wohl wieder nur bei 400 liegen, sagte Eddie Knox von ZCZ der Deutschen Presse-Agentur. Greenhalghs Geschichte sei ein großer Erfolg. “Er ist ein bemerkenswerter Mann.” Glaubt man der “Daily Mail”, arbeitet er heute als Müllmann.

Bild ursprünglich “Werk eines unbekannten Deutschen”

Bei einer Versteigerung in New York im Jänner 1998 hatte das Bild übrigens für 21.850 Dollar den Besitzer gewechselt, damals war es im Auktionshaus Christie’s als ein Werk eines unbekannten Deutschen aus dem 19. Jahrhundert angepriesen worden. Die ursprüngliche Besitzerin fühlte sich nachvollziehbarerweise betrogen und verklagte Christie’s – ein Gericht wies die Klage jedoch ab.

Vielleicht könnte die Sally von der Supermarktkasse Licht ins Dunkel bringen? “Trotz ihrer bescheidenen Stellung war sie ein rechthaberisches Miststück und sehr wichtigtuerisch”, schreibt Greenhalgh. Die “Sunday Times” schickte jemanden nach Bolton auf der Suche nach Sally – vergeblich. (APA)

sally
sally ©(Bild: Wikimedia Commons)
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