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D: Schmiergeld, Jobabbau, Absatz

Absatzprobleme, Schmiergeldaffäre, Personalabbau - der Aufsichtsrat des VW-Konzerns hat reichlich brisante Themen für seine Sitzung am Freitag. Wie groß der Handlungsbedarf ist, hat am Donnerstag schlaglichtartig die Börse gezeigt.

Die VW-Aktie steigt, weil sich angeblich der US-Milliardär Kirk Kerkorian einkaufen will bei Europas größtem Autobauer.

Der größte Industriekonzern des Landes als Übernahmekandidat, das kann nicht im Sinne des Großaktionärs Land Niedersachsen sein. Um so mehr wird Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) nun wieder darauf drängen, dass der Konzern Abschied nimmt von dem über Jahrzehnte gepflegten Konsensmodell und sich statt dessen am Markt orientiert – inklusive schmerzlicher Opfer der Belegschaft.

Die Nagelprobe dafür könnte die anstehende Produktionsentscheidung beim kleinen Geländewagen „Marrakesch“ werden, die am kommenden Montag fallen könnte. Der Konzern würde den Wagen am liebsten in Portugal bauen lassen. Tausend Euro billiger produzieren die portugiesischen Kollegen pro Stück, hat VW-Markenchef Wolfgang Bernhard vorgerechnet. „Hart aber konstruktiv“ nannte am Donnerstag Betriebsratschef Bernd Osterloh die Verhandlungen mit dem Vorstand.

Auf den ersten Blick geht es bei diesem Nischenfahrzeug nur um rund tausend Arbeitsplätze, um die Wolfsburg und das portugiesische Werk rangeln. Tatsächlich wird damit ein Zeichen gesetzt für jede weitere Produktentscheidung zugunsten oder eben auch zu Lasten der sechs deutschen Werke der Marke VW mit rund 100.000 Beschäftigten.

Um die hohen Lohnkosten in den deutschen Werken auszugleichen, reicht der im vergangenen Herbst noch unter dem inzwischen geschassten Personalvorstand Peter Hartz und dem damaligen Betriebsratschef Klaus Volkert ausgehandelte Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung absehbar nicht aus. „Job oder Mäuse“ lautete das noch vom Duo Hartz und Volkert ausgegebene Motto. Inzwischen ist klar, dass es weniger Jobs und weniger Mäuse sein werden.

Hartz ist von der Schmiergeldaffäre um überhöhte Spesenkonten der Betriebsräte und Scheinfirmen von VW-Managern ebenso hinweggefegt worden wie Volkert. Dessen Nachfolger Osterloh steht nun doppelt unter Druck. Die Belegschaft ist aufgebracht über Luxusreisen und Bordellbesuche. Und Osterloh kann bei den Tarifverhandlungen auch nicht länger mit dem wohlwollenden Rückhalt des Großaktionärs Niedersachsen rechnen.

Die neue harte Linie hat VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder vor drei Wochen erst eingeläutet, nach einem Treffen mit dem wichtigsten VW-Aufsichtsratsmitglied, Ministerpräsident Wulff. Pischetsrieders Linie, die deutschen Werke müssten konkurrenzfähig für den Export produzieren, ist nur mit der Kombination von bitter schmeckender Medizin zu erreichen: Personalabbau, weitere Einschnitte in tarifvertraglich vereinbarte Besitzstände und längere Arbeitszeit, wenn die Nachfrage wieder steigt.

Der Aufsichtsrat wird auf seiner Sitzung am Freitag aber nicht nur beim Umbau des Konzerns, sondern auch bei der Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre nur eine Zwischenbilanz ziehen können. Ein weiterer Zwischenbericht der Wirtschaftsprüfer von KMPG wird vorgestellt. Diskutieren könnten die Aufsichtsräte auch über die spannende Frage, wie ein Kompromisskandidat für die Nachfolge von Hartz als Personalvorstand aussehen muss.

Und dann ist da noch die rasante Kursentwicklung, befördert von den Gerüchten über den Einstieg von Kerkorian. Der US-Milliardär könnte darauf spekulieren, dass sich am Ende die Europäische Union durchsetzt mit ihrer Forderung, die im VW-Gesetz festgeschriebene Sonderstellung des Landes Niedersachsen abzuschaffen. Mit 18,2 Prozent der Anteile ist das Land derzeit praktisch Alleinherrscher im Hause Wolfsburg und kann so jeden Übernahmeversuch aus dem Ausland bereits im Keim ersticken.

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