Coming Out nach 15 Jahren Ehe: "Wollte es gesundbeten"

Sebastian Vetter (VOL.AT) sebastian.vetter@russmedia.com
Nach 15 Jahren Ehe verhalf Irene dem Vater ihrer Kinder, seinen Weg als schwulen Mann zu gehen.

"Könnte es sein, dass dir Männer lieber wären?"

Mit dieser Frage konfrontierte Irene Dünser ihren Mann Bernhard an ihrem 15. Hochzeitstag. Auf sein anfängliches "Nein" antworte sie mit den mutigen Worten: "Geh deinen Weg." Dem Ratschlag folgend begab sich der Wahl-Hittisauer auf die Suche nach seinem schwulen ich.

"Ich dachte, das richte ich"

Jedes Paar hat seine Baustellen. Bei den Dünsers war es die Sexualität. "Es fing beim Küssen und Umarmen an. Bernhard hat die Nähe nie in derselben Intensität gesucht wie ich", erklärt Irene. Die Buchhalterin wusste, dass ihr langjähriger Partner in einem konservativen Umfeld aufgewachsen ist und daher ein schwieriges Verhältnis zu Sexualität hatte: "Ich dachte, das richte ich. Wenn er nur genug positive Erfahrungen sammelt, dann wird er sich freuen können. Ich wusste ja, er mag mich", erinnert sich die gebürtige Andelsbucherin zurück. Damals konnte sie nicht wissen, mit was für Fragen ihr heutiger Ex-Mann zu kämpfen hatte.

Was man nicht "gesundbeten" kann

Schon als Jugendlicher fühlte sich der gelernte Käsemacher zu Männern hingezogen. Dennoch überwog die Unsicherheit, die Angst vor dem eigenen Begehren. "Eine Zeit lang glaubte ich, dass man es "gesund beten" kann", bezeugt der gebürtige Dornbirner. Bei Frauen sei er begehrt gewesen, doch erst interessierten sie ihn nicht. "Irgendwann wusste ich, dass ich eine Frau brauche. Dann ist die Irene vor mir gestanden. Sie ist lustig, bodenständig und tanzt gerne", erklärt Bernhard. Die Gemeinsamkeiten wurden zum Fundament ihrer Freundschaft und Ehe. Bevor das Paar 2005 heiratete, war er nicht sicher, ob es das Richtige für ihn ist. 15 Jahren, ein Haus und drei Kinder später sind die Zweifel noch immer nicht verschwunden.

Und dann kam Klaus

Nach dem Hochzeitstag begann der Familienvater unbeholfen im Internet nach "Schwul" und "Vorarlberg" zu suchen. Fündig wurde er dabei vorerst nicht. Auf Instagram lernte Bernhard dann Klaus kennen. "Weil ich mich so geschämt hab, schrieb ich ihn erst auf Englisch an", gestand der frühere Lehrer für Milchverarbeitung. Er hatte den Kopf voller Fragen. Klaus half ihm Antworten zu finden und lud ihn nach Wien ein. Das Treffen wurde für den Vater zu einer Offenbarung: "Als ich das erste Mal Sex mit einem Mann hatte, habe ich verstanden, was der Irene fast 20 Jahre lang gefehlt hat." Sie erinnert sich noch gut daran, wie Bernhard nach seiner Rückkehr zu ihr sagte: "jetzt verstehe ich dich."

Das Glitzern in den Augen

Die verliebten Männer wollten sich wieder treffen. Damit waren sie nicht allein. Auch Frau Dünser wollte Klaus kennenlernen. "Wenn Bernhard mit Klaus telefoniert hat, hatte er ein Glitzern in den Augen, dass ich nie auslösen konnte. Das klingt zwar traurig, aber für mich war das sehr wichtig. Ich wusste, dass wir auf dem richtigen Weg sind", betont die Hittisauerin mit stolzer Stimme. Jetzt musste sie nur noch herausfinden, wie es ihr geht, wenn Klaus in der Tür steht.

Klaus (u. r.), Bernhard (o. r.) und seine Kinder bei einem Ausflug. ©Bernhard Dünser

"Meine Familie vergrößert sich"

Bevor Klaus nach Hittisau kam, sprachen die Eltern mit ihren Kindern. Für den Vater war es wichtig, dass die Kinder wissen, warum er weint. Diese nahmen es großteils gelassen. Nur eine Tochter machte sich Sorgen um die Trennung. Sie hatte Angst, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde. Durch ein aufklärendes Gespräch mit den Eltern sei diese aber wieder verflogen. Als Klaus zum ersten Mal nach Hittisau kam, sei die Stimmung sehr gut gewesen, sind sich die früheren Ehepartner einig. "Am Tag darauf haben Klaus und ich mit den Kindern eine gemeinsame Wanderung unternommen, um das Eis zu brechen", schwärmt der Hittisauer. Sein neuer Partner kam dann immer wieder zu Besuch. Für seine frühere Frau war es damals, als wenn sie in einer Wohngemeinschaft leben würde: "Einer mit einem sehr vertrauten Freund und seinem Partner und den Kindern, die durch Bernhard und mich entstanden sind. Es hat sich angefühlt, wie "meine Familie vergrößert sich.""

Ein besonderer Vatertag

Das Paar ist sehr stolz auf die Lösung, die sie mittlerweile gefunden haben. Während Irene mit den Kindern im alten Haus wohnt, leben ihr Ex-Mann und sein Partner in einer neuen Wohnung darüber. Für die Kinder gibt es sogar einen eigenen Durchgang, der die Haushalte ihrer Eltern verbindet. In seiner neuen Wohnung führt der ehemalige Lehrer unter dem Namen "Café am Waldrand" eine Praxis als Lebensberater. Neben Gesprächen für Trauernde oder zwischen Väter und Söhnen hilft er Menschen, die Fragen zu ihrer Sexualität haben oder ein Coming-out überlegen. Damit wurde Bernhard zur Ansprechperson, die ihm ein Leben lang gefehlt hat. Auch Irene hat mittlerweile einen neuen Partner. Daher gab es dieses Jahr zum Vatertag etwas ganz Besonderes. "Eine meiner Töchter hat heuer das erste Mal drei Vatertags-Geschenke gemacht", schwärmt der homosexuelle Vater.

(VOL.AT)

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