Comeback für das Haus Bonaparte?

Prinz Charles Napoléon drängt ins französische Parlament. Gelegentlich kann ihm der große Name auch lästig werden: "Die Leute haben immer diesen Wunsch, Napoléon Bonaparte in mir zu erkennen."

„Aber sehen sie: er war eher klein, ich bin riesengroß. Er war untersetzt, ich bin hager. Ich gebe den Menschen einfach keine Chance für ihre Projektionen”, so der Prinz. Ein schallendes Lachen schickt der silberhaarige Hüne seiner Bemerkung hinterher. Im kommenden Juni will Prinz Charles Napoléon, direkter Nachkomme des jüngsten Bruders von Kaiser Napoleon I. und Königs von Westfalen (1807-1813), Jérome Bonaparte, als Abgeordneter in die französische Nationalversammlung einziehen.

Vor wenigen Wochen hat der 56-jährige Chef des ehemaligen kaiserlichen Hauses seinen Wahlkampf für die zentrumsliberale UDF gestartet. Seitdem putzt er im Wahlkreis Seine-et-Marne bei Paris die Klinken. Dort tritt er gegen den langjährigen konservativen Abgeordneten Didier Julia (UMP) an, der seit 1967 im Parlament sitzt. Es amüsiere die Leute, wenn sie erführen, wer er sei. „Und mich selbst auch.“ Der Inhaber eines Sorbonne-Doktorats der Wirtschaftswissenschaften arbeitete unter anderem für die Weltbank, beriet viele Jahre die Regierung von Nigeria, leitete eine Investmentbank und war zuletzt Vizebürgermeister von Ajaccio, der korsischen Heimatstadt seiner Dynastie.

Mit seinem berühmten Ahnen setzt sich der Prinz in Artikeln und Büchern auseinander. Als General der Revolution habe Bonaparte die Institutionen für das moderne Frankreich geschaffen, sagt er. Auf seinen Feldzügen habe er sie in ganz Europa verbreitet. Die anhaltende Faszination für den kleinen Korsen, der es aus bescheidenen Verhältnissen zum Kaiser der Franzosen und Beherrscher Europas brachte, führt Charles Napoléon auf die Sehnsucht nach einem neuen „Helden“ zurück. „Es ist eine große Gefahr zu glauben, eine Art europäischer Putin könnte uns die Arbeit abnehmen. In der Republik müssen wir die Probleme selbst regeln“, sagt der Prinz. „Bonaparte ist gegangen, und er kommt zum Glück nie wieder. Und ich bin für keine neue bonapartistische Mission zu haben.“

Ein ironisches Flackern huscht über die honigfarbenen Augen, als Charles Napoléon von der Nachstellung einer historischen Schlacht in Jena berichtet, der er im Oktober beigewohnt hat. „Es war ein schönes Spektakel“, erzählt er. Aber er könne dem Versuch, die Vergangenheit zu reproduzieren, nicht viel abgewinnen. Derzeit schreibt er ein Buch („Für eine neue Republik“), in dem er die heutigen Herausforderungen Frankreichs analysiert. Der Kampf gegen Armut, gegen die prekäre Lage in den Vorstädten, für Integration und Dezentralisierung. Es ist auch sein persönliches „Regierungsprogramm“. Sicher könne er sich ein Ministeramt vorstellen. Und danach der …lysée-Palast? „Wissen sie, mein Ziel ist das Gefühl, für die Menschen nützlich zu sein. Das kann in einem sehr bescheidenen Amt sein.“

1870 musste Kaiser Napoleon III. nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg abdanken und ins Exil gehen. 1886 verbannte die Republik die ehemals regierenden Familien. Charles Napoléons Großvater Napoléon Victor (1862-1926) ging zunächst nach Belgien und heiratete Prinzessin Clémentine, Tochter von König Leopold II. und Schwester der österreichisch-ungarischen Kronprinzessin Stephanie (Witwe von Kronprinz Rudolf). In Belgien wurde auch sein Vater, Prinz Louis Jérome Napoléon (1914-1997), geboren. „Während des Zweiten Weltkriegs wollte er in der französischen Armee gegen die Deutschen kämpfen. Anonym meldete er sich zur Fremdenlegion“, berichtet Charles Napoléon von der abenteuerlichen Rückkehr in die Heimat. Der Vater geriet kurz in die Fänge der Gestapo. „Erst nach dem Krieg konnten wir uns in Frankreich wieder zu erkennen geben. Aber es gibt nur noch meine Linie, alle anderen sind ausgestorben.“

Dass die Bonapartes ganz verschwinden, ist derzeit nicht zu befürchten: Charles Napoléon hat aus zwei Ehen drei Töchter und einen Sohn, Jean-Christophe (20). In erster Ehe war der Prinz mit Prinzessin Béatrice von Bourbon-Sizilien verheiratet. Mit seiner zweiten Frau und der jüngsten Tochter lebt der Familienmensch in Ajaccio. Korsika ist seine große Leidenschaft. Bis zum Sommer lässt ihm die Politik zunächst keine Zeit für neue Abenteuer. Danach will er nach Santiago de Compostella pilgern. „Wenn ich die Wahl verliere…“

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