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Chipindustrie im Übernahmerausch

Nach Jahrzehnten fast ohne Übernahmen jagt eine milliardenschwere Akquisition die andere.
Nach Jahrzehnten fast ohne Übernahmen jagt eine milliardenschwere Akquisition die andere. ©AFP
In der Chipindustrie grassiert das Übernahmefieber: Infineon kauft Rectifier, NXP kauft Freescale, Avago kauft Broadcom - eine milliardenschwere Akquisition jagt die nächste. Weltweit gibt es kaum einen Konzern, der sich nicht schon einen anderen Anbieter geschnappt hat oder selbst ins Visier von Konkurrenten geraten ist.

Nach einer langen Ära des gegenseitigen Belauerns führen Kostendruck, neue Konkurrenz aus China und niedrige Zinsen in der Chipbranche zu einer plötzlich hereinbrechenden, gewaltigen Fusionswelle. Im laufenden Jahr sind Reuters-Daten zufolge Transaktionen im Wert von rund 125 Milliarden Dollar (118 Mrd. Euro) zustande gekommen. “Die Branche ist reifer geworden”, formuliert es Infineon-Vorstand Arunjai Mittal. Ein Ende der Flut ist nach Einschätzung von Industrieexperten noch nicht in Sicht.

Startschuss: Infineon schluckt Rectifier

Jahrzehntelang gab es in der Branche mit ihren sehr eigenen Gesetzen so gut wie keine Übernahmen. Die Konzerne rangen mit den gefürchteten Auf- und Abschwüngen der Chipnachfrage. Nur der Platzhirsch Intel betätigte sich ab und zu als Käufer. 2015 ging es auf einmal wie auf Kommando los, im Zeitraffer zieht sich die Branche zusammen. Wie ein Startschuss wirkte zu Jahresbeginn die Übernahme der US-Firma International Rectifier durch Infineon. Dialog Semiconductor griff bald danach für 4,6 Milliarden Dollar nach dem US-Konkurrenten Atmel, die niederländische NXP steigt mit Freescale zu Europas Marktführer auf. In den USA erwarb Avago Technologies für 37 Milliarden Dollar den Rivalen Broadcom – der bisher teuerste Deal der Branche. Texas Instruments scheint nun Maxim Integrated schlucken zu wollen. Branchenprimus Intel wiederum will sich mit Altera stärken. Am Freitag verkündete Toshiba, sich möglicherweise von Teilen seiner Chipsparte trennen zu wollen. Die Reihe ließe sich noch fortführen.

Sparzwang und Konkurrenz aus China

Ein Grund für diesen Trend ist der Sparzwang, der angesichts mauer Wachstumszahlen verstärkt auf den Unternehmen lastet. Nur durch Kostensenkungen ließen sich mit Chips noch vernünftige Gewinne schreiben, urteilen die Analysten von Morgan Stanley. Das Marktforschungsinstitut Gartner erwartet in diesem Jahr ein Weltmarktwachstum von vier Prozent auf 354 Milliarden Dollar – in ihren besten Zeiten war die Branche zweistellige Zuwachsraten gewohnt. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz aus China. Dort wagt die staatlich gelenkte Wirtschaft einen neuen Anlauf, eine eigene, selbstständige Chipindustrie aufzubauen und nicht nur mit Auftragsfertigern die Ideen von Amerikanern und Europäern umzusetzen. “In einem solchen Umfeld suchen die Unternehmen nach Möglichkeiten, um Kosten zu sparen und damit ihre Profitabilität zu erhöhen”, sagt Analyst Dale Ford vom Marktbeobachter IHS. Und durch Übernahmen könnten Firmen bei der Produktion, dem Einkauf, Vertrieb sowie auch bei Forschung und Entwicklung sparen.

Geringerer Wettbewerb – höhere Preise für Kunden

Auf der anderen Seite hat die Chipbranche auch mehr Kapital für Übernahmen zur Verfügung. Da viele Hersteller die Produktion an Auftragsfertiger in Asien auslagerten und nicht in eigene Anlagen investieren mussten, blieb Geld übrig. Und wegen der weltweit niedrigen Zinsen ist Kapital einfach zu beschaffen. Das Geld können die Konzerne sinnvoll anlegen und sich neue Entwicklungen oder Patente ins Haus holen, erläutert Experte Ford. Das hebt auch Infineons Strategievorstand Arunjai Mittal hervor: “Die Volatilität ist viel weniger geworden. Die Unternehmen generieren einen starken Cashflow aus ihrem Geschäft. Daher ist es auch viel leichter für sie, an Kredite zu kommen.” Die Branche sei in einer gewissen Weise erwachsener geworden. Für die Kunden bedeutet das Fusionsfieber durch den geringeren Wettbewerb aber dauerhaft höhere Preise.

Allerdings gibt es im Konsolidierungskurs der Branche große Unterschiede – je nach dem, welche Art von Halbleitern die Konzerne herstellen. So sind im Massenmarkt für Speicherchips wegen eines langjährigen Vernichtungswettbewerb nur wenige Anbieter übrig geblieben. In diesem Segment dürfte sich wenig verändern. Dagegen geht es bei den Bauteilen für Smartphones, Unterhaltungselektronik und Computertechnik derzeit rund. Dort sind die Innovationszyklen kurz und es gibt im Vergleich zu früher nur noch wenige Chipkunden. Wer heute seine Chips für Smartphones in nennenswerter Stückzahl verkaufen will, hat mit Apple und Samsung im Grunde nur noch zwei Abnehmer. Die Verhandlungsmacht der Geräteanbieter ist enorm gestiegen. Als Zeichen dafür, dass dem auch eine Konsolidierung der Zulieferer folgt, kauft Dialog Semiconductor nun Atmel.

Entwicklung eines neuen Autos dauert fünf Jahre

Bei den Spezialisten für Automobilchips bietet sich ein anderes Bild. Neueinsteiger tun sich auf dem Markt schwer, da dort andere Regeln herrschen als in der Unterhaltungselektronik. Die Entwicklung eines neuen Autos ist horrend teuer und dauert üblicherweise fünf Jahre, danach wird das Modell zehn Jahre lang verkauft. Die Autobauer verlangen daher neben hohen technischen Anforderungen wie dem Schutz vor Überhitzung oder Frost lange Verfügbarkeitszeiten von der traditionell kurz getakteten Chipbranche. Deshalb sind nur wenige Anbieter im Autochipbereich aktiv. Dabei ist das Segment hochattraktiv – immer mehr Elektronik und somit Halbleiter werden in modernen Autos verbaut. Die Branche blickt nun gebannt auf den nächsten Milliardendeal: Als potenzielles Übernahmeziel gilt der bisher größte Hersteller von Autochips, Renesas. Die Japaner konkurrieren mit Infineon, NXP und STMicro. An der Börse ist der Konzern rund zehn Milliarden Dollar wert.

(APA)

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