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Bush wird langsam nervös

US-Präsident George W. Bush will den Kampf ums Weiße Haus ähnlich gewinnen wie seinen Feldzug gegen Terrorismus und Feinde des Westens: unbeirrt, offensiv und notfalls aggressiv.

Für Bush sind die Kriege in Afghanistan und im Irak die „beste Verteidigung der USA gegen unsere Feinde“. Innenpolitisch handelt er zumindest mit gleicher Entschlossenheit und ähnlicher Strategie.

Weil ihm zum Beginn des Wahljahres der Wind zunehmend ins Gesicht bläst, schickt er seine besten Leute auf Podien und in TV- Studios, sucht weltweit die Offensive. Verteidigungsminister David Rumsfeld verteidigt die US-Weltpolitik in München, Vizepräsident Dick Cheney argumentiert nach jahrelanger Zurückhaltung nun in Davos oder Rom.

Und auch Bush selbst biss in den sauren Apfel und stellte sich am Sonntag einem Fernsehinterview. Bush liebt zwar öffentliche Auftritte, nicht aber die Konfrontation mit kritischen Journalisten. Bei seinen seltenen Pressekonferenzen sind die Fragesteller meist im Voraus ausgewählt, die Fragen, wenn auch oft sehr kritisch, häufig abgesprochen. Nun hatte er eine für ihn sicher nicht leichte Stunde beim NBC-Moderator Tim Russert zu überstehen. Bush wird offensiv, denn wieder einmal musste er feststellen, dass zumindest in den USA die Popularität der Politiker einer Achterbahnfahrt ähnelt.

Vor sechs Wochen war die Welt des Republikaners noch in Ordnung. Saddam Hussein wurde in einem Erdloch aufgestöbert. Libyen verzichtete freiwillig auf nukleare Ambitionen. Iran gab – wen auch dank europäischer Bemühungen – bei seinen Atomplänen klein bei. Die Wachstumsraten der US-Wirtschaft erreichten Rekordhöhen, die Mars-Mission entpuppte sich als triumphaler US-Weltraumerfolg. Umfragen signalisierten die höchste Zustimmung für einen Präsidenten im Wahljahr. Die Zeitschrift „Newsweek“ sprach von einem “überglücklichen“ Präsidenten – den Demokraten blieb nur, sich Mut für den bevorstehenden Wahlkampf zusprechen.

Plötzlich ist alles anders: die kühnen Mars-Eroberungspläne, von Bush verkündet, stießen bei den Amerikaner mangels absehbarer Finanzierung auf tiefe Skepsis. Seine Rede an die Nation hatte angesichts eines enormen Haushaltsdefizits kaum positiven Widerhall. Die Wirtschaft boomt zwar, aber die Arbeitslosigkeit bleibt ein brennendes Problem, neue Arbeitsplätze entstehen kaum.

Nachdem bekannt wurde, dass die US-Firma Halliburton von der Regierung nicht nur Milliardenaufträge bekommen, sondern wohl auch völlig überzogene Rechnungen ausgestellt hat, ist erneut der hohe moralische Anspruch der Bush-Regierung fragwürdig geworden.

Die Glaubwürdigkeit von Bush selbst ist bedroht. Selbst sein bisher größter Trumpf, sein entschlossener Kampf gegen den Terrorismus und gegen Diktaturen, rückt in ein neues Licht. Nachdem der Ex-Waffeninspektor der USA im Irak, David Kay, zugegeben hat, dass Saddam offensichtlich keine Massenvernichtungswaffen mehr besessen hat, rückt die Kriegsbegründung in ein schiefes Licht. Selbst CIA-Chef George Tenet betonte, dass er von einer „unmittelbaren Bedrohung“ durch irakische Waffen nie gesprochen habe.

Plötzlich steckt Bush in einem Popularitätstief. Gleichzeitig werden dem Favoriten der Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur, John Kerry, gute Aussichten für einen Sieg im November vorausgesagt. Aber Bush hat seinen Wahlkampf noch nicht einmal richtig begonnen – und er verfügt mit derzeit schon 135 Millionen Dollar über die beste Wahlkampfkasse, die je ein Präsident der USA hatte.

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