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Brise des Todes auf Korsika

Francis Guazelli erwischte es im Morgengrauen: Die Mörder durchsiebten seinen Geländewagen mit 26 Schüssen aus einer Kalaschnikow und einem Jagdgewehr.

Tödlich getroffen stürzte der 55-Jährige mit seinem Auto bei Penta di Casinca im Nordosten Korsikas in eine Schlucht. Guazelli war ein alter Haudegen der nach einer Hafenkneipe in Bastia benannte Bande “Brise de Mer” (Meeresbrise). Seine Ermordung am vergangenen Sonntag war bereits die 18. Abrechnung im Milieu auf Korsika in diesem Jahr.

Mit einem “Jahrhundertraub” war die “Brise de Mer” 1990 weltweit in die Schlagzeilen gekommen. Damals überfielen die Korsen in Genf eine Bank und raubte 31 Millionen Schweizer Franken. Die Beute wurde nie gefunden und die Täter sind frei. Schon seit den 1970er Jahren macht die Bande von sich reden. Die Polizei besitzt recht klare Vorstellungen über ihre Mitglieder. Doch die Justiz hat bis heute große Mühe, die verschwiegenen korsischen “Ehrenmänner” zu verurteilen. Auch Guazelli wurde nie etwas Schwerwiegendes nachgewiesen; zuletzt wurde er wegen Geldwäsche vernommen.

“Die Meeresbrise? Ein Schmarrn, ein Mythos!”, behauptete Francis Mariani kaltschnäuzig, als er 2008 wegen Mordes vor dem Schwurgericht von Aix-en-Provence stand. Vor Prozessende verschwand der Pate spurlos. Das Gericht konnte ihn nur in Abwesenheit zu sieben Jahren Haft verurteilen. Mariani tauchte erst im Jänner 2009 auf Korsika wieder auf: als verkohlte Leiche in Antisanti in einem Hangar, der von einer Explosion völlig zerstört worden war.

Fast alle angeblichen Anführer der Meeresbrise waren versammelt, als 2006 der ermordete Pate Roch Colombani zu Grabe getragen wurde. Colombani war bei Marseille in seinem Geländewagen mit 60 Schüssen aus einer Kalaschnikow niedergemäht worden. Just am Tag seiner Beerdigung starben auch der “Röster” Farid Berrhama und zwei seiner “Leutnants” in einem Gasthaus in Marseille im Kugelhagel. Berrhama trug seinen Spitznamen, weil er seine Rivalen in ihren Autos verbrannte. “Barbecue” nennt man das in Marseille. 25 bis 30 Morde wurden Berrhama zugeschrieben. Doch am Ende ging der Nordafrikaner zu weit und legte sich mit den Korsen an.

Jetzt rafft eine “Brise des Todes” die korsischen Veteranen dahin. Und wie immer auf Korsika fehlen Zeugen. Fünf Männer aus dem Führungszirkel traf es seit 2008. Den Anfang machte der “schöne Richard” Casanova. Im März 2008 wurde Casanova von einer Salve aus einem Schnellfeuergewehr in Porto-Vecchio aus dem Leben gerissen. Der “schöne Richard” galt als der Kopf des Jahrhundertraubs von Genf. 15 Jahre war er auf der Flucht, bevor er 2005 gefasst wurde. Doch schon 2007 war Casanova wieder draußen. Die Beweise reichten nicht.

Daniel Vittini wurde mit fünf Schüssen niedergestreckt. Für Pierre Marie Santucci reichte eine Kugel. “Ein einziger Schuss: Der Hinterhalt war besonders gut organisiert”, sagte Staatsanwalt Jean-Jacques Fagni bewundernd.

Auch Santucci hatte lange mit der Justiz Katz und Maus gespielt. 1985 in einem Mordprozess freigesprochen, kam er wegen Kleinigkeiten wie Hehlerei hinter Gitter. 2001 machte er Schlagzeilen, als er gewaltfrei aus dem Gefängnis von Borgo entkam. Die Wächter hatten ihm die Tore geöffnet, nachdem ein gefälschtes Fax mit der Anordnung seiner Entlassung eingegangen war. Auch dafür wurde Santucci nicht bestraft: Die Justiz konnte ihm nicht nachweisen, dass er etwas mit dem falschen Fax zu tun hatte.

Seine Feinde waren – wie bei Casanova und den anderen – weniger gnädig. Doch wer hinter den Morden steht, ist unklar. Die Vermutungen reichen von neuen korsischen Rivalen über eine Fehde innerhalb der Organisation bis hin zu einem Rachefeldzug.

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