Bregenzer Festspiele: "König Roger" besiegt den Rausch

Bregenz - "Das Land des ewigen Rauschs" lockt mit verführerischen Klängen, die Gattin und das Volk sind bereits "froh erregt von Liedern, heiß vom Tanz", doch König Roger, eben noch halbherzig beim triebhaften Treiben mit dabei, bleibt skeptisch und wendet sich der Sonne der Vernunft zu.
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Mit einer Apotheose eines Sonnenkönigs, der den Versuchungen sinnlicher Ausschweifungen widerstanden hat, endete die Oper “König Roger” von Karol Szymanowski gestern, Donnerstag, Abend, während vor dem Bregenzer Festspielhaus die Gewitterregen niedergingen. Das Premierenpublikum zeigte sich von der Inszenierung des Intendanten David Pountney angetan und spendete nach 90 Minuten ausgiebig Beifall.

Ob der historische König Roger, der im 12. Jahrhundert über Sizilien herrschte, tatsächlich ein Verächter der Sinnlichkeit war, ist anzuzweifeln – schließlich soll der reiche Herrscher nicht nur prunkvolle Kathedralen errichtet, sondern auch über einen ausgedehnten Harem verfügt haben. Am Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident, Antike und Neuzeit brachte er die Mittelmeer-Insel jedoch durch die Aufnahme und Verbindung vieler Einflüsse zu weithin beachteter Blüte. Politische und kulturelle Feinheiten interessierten den polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882-1937), trotz aller persönlichen Faszination von der Kulturgeschichte des Südens, beim Schreiben seiner 1926 uraufgeführten Oper nur wenig. Der uralte Kampf der antagonistischen Kräfte von Apoll und Dionysos, Ratio und Rausch, Askese und Ekstase wird hier zügig, wenngleich reichlich vordergründig auf den Punkt gebracht.

Handlung gibt es so wenig wie psychologische Differenzierung. So prägt die Optik und die – von den Wiener Symphonikern unter Sir Mark Elder mit Begeisterung und Präzision gespielte – Musik den Haupteindruck des Abends. Szymanowskis spätromantische, impressionistische Klänge, die an Richard Strauss ebenso erinnern wie an Franz Schreker, sind in wuchtigen Chorpassagen höchst effektvoll, bieten bei aller Eingängigkeit aber wenig eigenständige Motiventwicklung. Letztlich ist “König Roger” eine Programm-Oper, der sich alles unterzuordnen hat – auch die Protagonisten, die zwar sängerisches Können, aber kaum darstellerisches Profil zeigen können.

US-Bariton Scott Hendricks, für 2011 von den Bregenzer Festspielen bereits als Carlo Gerard in “Andrea Chenier” gebucht, ist trotz aller Muskeln ein schwächlicher, wankelmütiger König, der von dem an seinen Hof kommenden und die Sinnlichkeit predigenden Hirten spielend in die Tasche gesteckt wird. Will Hartmann gibt diesem in allen Gold- und Silbertönen schillernden Strahlemann ein aufdringliches, nie versiegendes Selbstbewusstsein, dem Olga Pasichnyk als Königin Roxane nahezu widerstandslos verfällt. Da ist auch John Graham-Hall als mahnender arabischer Gelehrter Edrisi auf verlorenem Posten.

In Erinnerung bleiben dürfte aber vor allem der aus Katowice und Krakau stammende, hervorragend geführte Chor (gesungen wird in polnischer Sprache mit deutschen Übertiteln), mit dem Regisseur Pountney sehr gut die geballte Macht des katholischen Fundamentalismus und dessen anschließende Auflösungserscheinungen durch die Verlockungen der Sinnlichkeit symbolisiert, sowie das Bühnenbild. Raimund Bauer hat eine die ganze Bühnenbreite einnehmende Treppe gebaut, in die Versenkungen und verschiebbare Elemente integriert sind. Zum Leben erweckt wird diese Stufen-Landschaft aber vor allem durch die Kunst des Light-Designers Fabrice Kebour, der alle Register seines Könnens gezogen hat.

Im dritten Akt versucht Pountney mit Tierschädeln, Blutbädern und einem Opfer-Feuer die verwirrende Fremdartigkeit dionysischer Kulthandlungen heraufzubeschwören. Doch Roger und Edrisis geht es dabei ähnlich wie manchen Besuchern des Orgien-Mysterien-Theaters von Hermann Nitsch – sie versuchen mitzumachen und bleiben dennoch draußen. Der Funke der Ekstase springt nicht über, die Skepsis behält Oberhand. Ob tatsächlich die Kraft der Vernunft oder vielleicht doch nur zu geringe Fallhöhe im Promillebereich daran schuld ist, dass es den König am Ende doch zur Sonne, zur Freiheit hinzieht, muss jeder für sich entscheiden. Gewonnen ist mit dieser Entsagung allerdings nur wenig. Denn auch an der Sonne kann man sich ganz schön verbrennen.

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