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Bevölkerung traut Abzug nicht

Der Abzug der israelischen Armee aus Bethlehem hat die Einwohner aufatmen lassen. Endlich wurde die Ausgangssperre aufgehoben. Trotzdem herrscht Mißtrauen.

„Die israelischen Soldaten haben Bethlehem verlassen, aber sie können zurückkommen“, sagt der Händler Abed Rahuf. Eine Rückkehr zur Normalität werde Jahre brauchen. Die monatelange Ausgangssperre habe die Menschen zermürbt. Viele seien getötet worden, andere erlitten Verletzungen oder kamen ins Gefängnis. Und die meisten seien arbeitslos und verarmt.

In Rahufs kleinem Supermarkt herrscht gähnende Leere. Die früher überquellenden Regale wurden seit Monaten nicht gefüllt, nur wenig Kunden kommen noch vorbei. „Die Leute haben kein Geld zum Ausgeben“, sagt der Kaufmann. „Die Zukunft sieht düster aus für uns Palästinenser.“ Genauso sieht es ein Kunde. Als Ibrahim die Titelseite einer palästinensischen Tageszeitung sieht, auf der von dem Truppenabzug berichtet wird, steigt Zorn in ihm auf. „Was für ein Rückzug!“, schimpft er. „Die Panzer stehen immer noch am Eingang zur Stadt!“

Schwarz gekleidete palästinensische Polizisten haben die Kontrolle in Bethlehem übernommen. Ihre roten Binden an den linken Ärmeln verweisen auf ihren Sicherheitsauftrag. Aber optimistisch sind auch sie nicht. „Wir hoffen, dass alles gut geht, aber wir trauen den Israelis nicht“, gibt ein Polizeibeamter zu. „Ich habe Angst, kein Vertrauen. Morgen können sie zurückkommen“, sagt ein Kollege. Dass palästinenische Selbstmordattentate die Ursache für die israelische Besetzung sind, interessiert ihn nicht. „Das ist nicht mein Problem“, sagt er.

Rund 150.000 Menschen leben in Bethlehem und Umgebung. Viele stehen auch nach dem Truppenabzug Schlange an den israelischen Straßensperren, um die Stadt verlassen zu können. Während in der Stadt die Wiederaufbauarbeiten langsam beginnen, sammeln sich vor den Toren Dreck und Abfälle, die während der Ausgangssperre niemand weggeräumt hat. Die Straßen wurden durch Panzerketten teilweise zerstört.

Aber in der Stadt beginnt allmählich wieder der Alltag. Bauern kommen mit bepackten Eseln und bieten ihre Ernte an. Die Lastentiere ersetzen Autos, denn die Israelis hatten während der Ausgangssperre ein generelles Fahrverbot verhängt. Seitdem seien die Preise für Esel gewaltig gestiegen, sagt die Journalistin Zouheir Ismail. Trotzdem besitze allein ihre Familie vier Stück.

Die Besatzung hat Ismail schwer zu schaffen gemacht. Erst vor ein paar Tagen sei die Ausgangssperre gelockert worden, sagt die Journalistin. Zuvor durften die Menschen nur für ein paar Stunden in der Woche ihre Häuser verlassen. Dabei reise sie doch so gerne, sagt Ismail. „Ich hatte das Gefühl, ich ersticke. Ich bin zu Hause fast verrückt geworden, mit meinen drei Kindern festzusitzen“, sagt sie. Ismail lebt im Flüchtlingslager Deheishe bei Bethlehem. Ihre Töchter Lamissa und Ruba springen mit bemalten Gesichtern um ihre Beine herum. Seit zwei Wochen besuchen die Mädchen die Kindertagesstätte des Lagers.

74 Kinder zwischen fünf und zehn Jahren können dort täglich für ein paar Stunden Panzer und Soldaten vergessen. „Selbst als die Ausgangssperre nur für ein paar Stunden aufgehoben wurde, haben wir die Möglichkeit genutzt, die Tagesstätte zu öffnen“, sagt die Erzieherin Hiam Farradj. „Wenigstens die Kinder sollen ein bisschen Spaß haben.“ Die Erwachsenen hingegen sehen noch keinen Anlass zur Freude. Ein neuer Einmarsch der israelischen Armee in Bethlehem ist für sie nur eine Frage der Zeit.

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