Beslan: Vorwürfe gegen Moskau

Genau ein Jahr nach dem Beginn des blutigen Geiseldramas von Beslan haben Angehörige der Opfer zum Auftakt der Trauerfeiern schwere Vorwürfe gegen den russischen Staat gerichtet.

In einem offenen Brief erklärten Familienmitglieder der Getöteten, sie hätten keinerlei Hoffnung mehr auf eine ernsthafte Aufklärung der verheerenden Tat. In der nordossetischen Stadt leiteten vier Glockenschläge das Gedenken an die mindestens 331 Menschen, darunter 186 Kinder, ein, die vor einem Jahr in einer Schule der Stadt getötet wurden, nachdem sie von Terroristen drei Tage lang festgehalten worden waren. Der russische Präsident Wladimir Putin legte eine Schweigeminute ein.

Nach dem morgendlichen Glockengeläut um 09.15 Uhr Ortszeit erklang das Requiem von Mozart. In der Kleinstadt galten vor allem rund um die Schule Nummer 1 strenge Sicherheitsvorkehrungen. Trauergäste mussten wie an Flughäfen Metalldetektoren passieren.

Die Wände der Schule waren mit rotem Stoff mit aufgedruckten weißen Tauben verdeckt. Am Eingang der Turnhalle, wo die meisten Opfer starben, rann Wasser über zwei schwarze Marmorplatten, die die Tür in einer „Mauer der Tränen“ darstellen. Einwohner von Beslan warteten in einer langen Schlange auf Einlass. Viele Frauen waren in Schwarz gekleidet. Die Trauernden zogen in kleinen Gruppen durch das Gebäude, legten Blumen ab oder entzündeten Kerzen dort, wo Bilder ihrer getöteten Familienmitglieder angebracht waren.

„Warum? Warum ist er tot? Gebt ihn mir zurück“, rief eine Mutter, während sie versuchte, ihre Tränen mit ihrem Kopftuch zu trocknen. Andere weinten leise oder beteten, manche Trauernde erlitten Zusammenbrüche und wurden von Sanitätern versorgt.

In dem offenen Brief der Angehörigen unter dem Titel „Wir wollen nicht in diesem Land leben“ richten sich die Verfasser an die „Staatschefs von demokratischen Ländern“. „Jene von uns, die alle Hoffnung verloren haben, die Wahrheit über die Hauptschuldigen der Ermordung unserer Liebsten zu erfahren, rufen euch auf, uns in euren Ländern willkommen zu heißen, wo das Gesetz respektiert wird“, hieß es in dem Text, der bei der Zeremonie in Beslan von Ella Tetajewa verlesen wurde, eine der „Mütter von Beslan“.

Unter Bezug auf Putin hieß es in dem Brief weiter: „Wir wissen, wer sich im Interesse seines politischen Rufs weigerte, mit den Terroristen zu verhandeln“. Der russische Präsident habe „unsere Kinder und unsere Liebsten für eine schmutzige Politik geopfert“. Der offene Brief war von zahlreichen Beslanern mit unterschrieben worden.

Zu einem Zwischenfall kam es, als die Schuldirektorin Lidia Zaliewa bei der Zeremonie erschien. Wütende Eltern brüllten sie nieder und beschimpften sie, woraufhin sie in Sicherheit gebracht wurde. Viele Angehörige machen Zaliewa für das Drama mitverantwortlich.

Putin forderte in der südrussischen Stadt Krasnodar seine Landsleute auf: „Lasst uns in dieser Situation keine sinnlosen Worte sprechen, sondern mehrere Sekunden des Schweigens einlegen. Gedenkt unserer Kinder: derer, die tot sind, die Opfer von Terroristen wurden“.

Der Höhepunkt der Trauerfeiern soll am Samstag stattfinden. An jenem Tag vor einem Jahr wurde die Schule in Beslan gestürmt. Es kam zu wilden Gefechten rund um das Gebäude, eine große Explosion legte die Turnhalle in Schutt und Asche und begrub viele der Opfer unter sich. Auf dem Friedhof von Beslan soll ein Denkmal mit dem Namen „Baum des Lebens“ enthüllt werden. Es zeigt die toten Kinder von Beslan, wie sie zum Himmel aufsteigen.

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