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Über Struwwelpeter und Co.

Kindliche und jugendliche Verhaltensstörungen beim Mini-Med-Abend in Wolfurt.
Der Vortrag als Video

Bei der letzten Mini- Med-Veranstaltung des Frühjahrssemesters referierten mit Oberärztin Maria Vermaar von der Kinder- und Jugendstation des LKH Rankweil und Wolfgang Menz, dem Leiter der Carina in Feldkirch und Bregenz, zwei Kinder- und Jugendpsychiater über Verhaltungsstörungen.

„Vor 150 Jahren hat Heinrich Hoffmann in seinen Struwwelpeter-Geschichten bereits die wichtigsten und heute noch aktuellen Störungen in der Jugendpsychiatrie beschrieben“, so Dr. Veraar, die mit einem Sokrates-Zitat über die Jugend vor 2500 Jahren belegte, dass die Erwachsenen immer schon ihre liebe Not mit der Entwicklung hatten. Dr. Menz erwähnte mit der Kinderrechtsbewegung oder der antiautoritären Erziehung Strömungen gegen die Erziehung der Kinder: „Diese etwas weiche, unklare Erziehung führt teilweise zu ziemlichen Schwierigkeiten – sogar Gewalt von Kindern gegen Eltern ist inzwischen nicht mehr so selten.“

Zauberwort Entwicklung

Das Zauberwort der Kinder- und Jugendpsychiater heißt Entwicklung. Die Frage dabei: Ist diese ein Programm, das auf verschiedene Ebenen (körperlich, psychologisch und auf sozialer Ebene) von selber abläuft? „Psychopathologische Phänomene sind Krankheitszeichen im Kindheits- und Jugendalter und oft nur im Entwicklungskontext zu verstehen“, so Dr. Menz. Psychische Störungen im Säuglingsalter (Schreien, Schlaf- oder Fütterstörungen), beim Kleinkind oder in der mittleren Kindheit werden oft durch multiple Einflüsse aus Elternhaus, Schule, der Gleichaltrigen-Gruppe und Medien erzeugt. Das Jugendalter sieht Dr. Veraar als „Stromschnelle der Entwicklung. Da geht vieles sehr schnell.“ Die Themen Autonomie, Selbstständigkeit, Identität, Sexualität und Autorität werden aktuell, da ist auch Kompromissbildung notwendig.

Auffälligkeiten sind laut Dr. Menz nicht so einfach zu erkennen: „Dieses Alter ist sehr turbulent. Was ist normal, was passt noch gut hinein?“ Erkrankungen treten oft nur phasenweise auf – andere, echte Erkrankungen, bleiben. Nach außen gerichtete Symptome (Hyperaktivität, Aggressionen etc.) sind leicht zu bemerken, nach innen gerichtete (wie Ängste, Depressionen, sozialer Rückzug etc.) finden aber oft im Verborgenen statt. Ursachen von Verhaltungsstörungen sind neben biologischen (Gene, Konstitution, organische Erkrankungen) auch psychische und Umweltfaktoren. Das können individuelle „Stressoren“ wie Verletzlichkeit, schwieriges Temperament oder unterdurchschnittliche Intelligenz sein, aber auch Umwelt-Stressoren wie materielle Notlagen, chronische Disharmonie in der Familie oder Misshandlungen. Es gibt aber auch Schutzfaktoren, wie ein positives Temperament, überdurchschnittliche Intelligenz, hohe Resilienz (Widerstandsfähigkeit) oder  stabile emotionale Beziehungen.

Der „Zappelphilipp“

In der Folge widmeten sich die Experten Erkrankungen wie dem sprichwörtlichen „Zappelphilipp“. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sind in keiner Weise spezifisch. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit) ist eine seit langem bekannte Störung mit gut definierten Verhaltens­auffälligkeiten. Kennzeichen sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Betroffene Kinder hören scheinbar nicht zu, werden häufig von äußeren Reizen abgelenkt, können Arbeiten schlecht organisieren. Die Erkankung kann mit depressiven Stimmungen einhergehen, auch ein gestörtes Sozialverhalten, Tics und Angstzustände sind möglich. Der Psychiater erklärte die Möglichkeiten einer medikamentösen Behandlung.

Dr. Veraar widmete sich dem Thema Depressionen: eine Erkrankung, die schon bei Säuglingen auftreten kann und sich in allerlei Symptomen äußert. Bei den Jugendlichen wird sogar zwischen männlicher und weiblicher Form, die sich mit anderen Merkmalen äußert, unterschieden. Die Behandlung erfolgt über die Änderung der Lebensumstände, eine Psychotherapie oder auch Medikamente (bei schweren Fällen). Dr. Menz zeigte am Ende die Kinder- und Jugendpsychiatriestrukturen in Vorarlberg, die es erst seit 2007 in dieser Form gibt, auf.  

Fragen aus dem Publikum

Es gibt nicht so viele Problemkinder, wie man glaubt. Die AKS-Sprechtage sind aber voll, diverse Stationen überfüllt, bei den Jugendpsychiatern gibt es kaum Termine.

Dr. Menz: Es gibt uns zuwenig, das ist das Problem. Wir haben fünf- bis siebentausend Kinder in Vorarlberg, die in diesen Raster fallen. Da sind wir viel zu wenige, um das zu betreuen. Zum anderen ist die Gesamtproblematik aber nicht so dramatisch, wie man diversen Berichten nach annehmen könnte. Im Gefühl der Menschen nehmen diese Störungen des Sozialverhaltens von Jugendlichen zwar zu – dafür nimmt anderes aber ab, wie man aus Studien erkennen kann.

Ich habe als Volksschullehrerin auch Fälle, die in der Carina abgeklärt wurden – für uns ist die lange Wartezeit aber schon ein Problem. Ist da für die Zukunft ein Ausbau vorgesehen?

dr. Menz: Diese Frage begleitet mich schon seit 30 Jahren – ich behaupte immer, wenn ich noch zwei Carinas hinstelle, sind die genauso voll wie die zwei bisher. Für Vorarlberg wurden 40 Bettenplätze errechnet, da könnte man schon noch etwas dazu tun. Die andere Seite ist, dass wir in den Vorfeldern mehr tun müssten. Gerade wenn man die schwierigen Kinder über den Tag betreuen würde, gäbe es weniger, die zu uns auf die Station kommen würden.

Wo liegt denn der Unterschied zwischen ADHS und ADS?

Dr. Menz: Ersteres heißt Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, beim zweiten wird die Hyperaktivität herausgenommen.

Wie groß ist die Gefahr, das aus depressiven Kindern oder Jugendlichen depressive Erwachsene werden?

Dr. Veraar: Wenn man davon ausgeht, dass es sich um eine echte Depression handelt – dann muss man sagen, dass ein Drittel dieser Kinder auch im Erwachsenenalter mit Depressionen zu tun hat.

Wie kann man vorgehen, wenn man ein Verhaltenstraining möchte? Bisher machen wir das mit unserer Tochter in Innsbruck.

Dr. Veraar: Es kommt auf die Verhaltensproblematik an. Bei ADHS haben sich an den AKS-Stellen spezifische Stellen entwickelt, gerade bei ADHS-Kindern. Das wird an verschiedenen AKS-Stellen angeboten, zum Teil sogar beim IfS.

Dr. Menz: Es gibt auch das Marberger Konzentrationstraining, das an verschiedenen AKS-Stellen angeboten wird.

Haben Sie irgendwelche Tipps im Umgang mit so Zappelphilipps, und wie man sie am besten fördern kann in der Schule?

Dr. Menz: Jede Menge. Etwas, was den Zappelphilipps gut tut, sind klare Regeln – also eher die kurze Leine, wenn man das mal sagen darf. Klare Aufforderungen, klare Grenzen. Wenn man glaubt, man müsste ihnen nur den Raum geben, und sie würden sich abreagieren und dann ruhig werden, dann ist das ein Irrtum, das funktioniert nicht. Die Kinder haben auch ein Geschick, die Eltern in verschiedenen Bereichen gegeneinander auszuspielen – man sollte sich da absprechen und sich vielleicht auch mit externer Hilfe untereinander abstimmen.

Wie kann man den Kindern Aufmerksamkeit geben?

Dr. MEnz: Wenn es die Kinder interessiert, sind sie unglaublich aufmerksam. Das Problem ist, dass dies auch eine Rolle spielt, wenn es etwas langweiliger wird – und in der Schule ist nicht immer alles für alle interessant. Darum sind diese Aufmerksamkeittrainings auch schwierig. Jassen wäre ein sehr gutes Training. Ob das auf die Schule übertragen werden kann, da bin ich aber sehr skeptisch. Das ist eine schwierige Thematik.

Im Dickdarm geht´s langsam voran

. Im zweiten Teil des Vortrages erläuterte OA Dr. Thomas Flatz, ebenfalls Internist im LKH Feldkirch, die Rolle des Dickdarms bei der Verdauung. Die ist zwar eher klein, kann aber trotzdem gehörig Ärger machen. „Der Dickdarm dient lediglich der Rückgewinnung von Wasser und Elektrolyten aus der Nahrung“, so Flatz. Zwischen 10 bis 90 Stunden kann es dauern, bis die unverdauten Nahrungsreste den Dickdarm passiert haben. Erfolgt die Passage zu langsam, kommt es zu Verstopfung. Geht es zu schnell, ist Durchfall die Folge.

Abgrenzungen vornehmen

  Von Verstopfung spricht die Medizin, wenn die Stuhlentleerung über mehrere Tage nicht funktioniert und dazu Bauchschmerzen auftreten. Ursache ist meist keine zu finden und eine ärztliche Abklärung selten nötig. Anders beim akuten Darmverschluss. „Da handelt es sich um eine schwerwiegende Erkrankung“, warnte Thomas Flatz. Bei hartnäckiger Verstopfung kann eine Druckmessung im Bereich des Schließmuskels, die Bestimmung der Transitzeit sowie die Prüfung der Beckenbodenfunktion Aufschluss über mögliche Ursachen bringen. Durchfälle wiederum sind Abwehrmechanismen des Körpers gegen Erreger. „Allerdings gibt es auch eine Reihe von ernsthaften Darmerkrankungen, die zu chronischen Durchfällen führen“, machte der Oberarzt deutlich. Der Morbus Crohn ist eine davon. Unangenehm, aber nicht gefährlich sind Blähungen. Sie entstehen, wenn beim bakteriellen Abbau von Ballaststoffen zu viel Gas entsteht, das nicht entweichen kann.

Blut im Stuhl beachten

Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit dem Darm ist Blut im Stuhl. „Sogenanntes Teerblut stammt aus dem Magen, frisches Blut aus dem Dickdarm“, erläuterte Flatz den Unterschied. Die harmlosere Ursache können kleine Risse sein. Im Ernstfall kann es Dickdarmkrebs bedeuten. „Deshalb sollte immer eine Dickdarmspiegelung vorgenommen werden“, lautete der ärztliche Ratschlag. Auch gutartige Polypen im Darm haben die Eigenschaft, in Krebszellen auszuarten. Deshalb werden sie im Zuge einer Koloskopie meist gleich mit einer Schlinge entfernt. Das ist wichtig, weil Tumore oft erst in fortgeschrittenem Stadium Beschwerden machen. Flatz verwies auf die kostenlose Darm-Vorsorgespiegelung, die ab dem 50. Lebensjahr in Anspruch genommen werden kann.

Fragen Aus Dem Publikum

Ist eine Zöliakie angeboren?

Malin: Die Zöliakie muss man sich quasi erwerben, also Gluten zuführen. Deshalb kann diese Allergie auch noch in höherem Alter auftreten. Den Grund kennt man noch nicht.

Wer ist im medizinischen Bereich für Darmprobleme zuständig?

Flatz: Bei Operationen ist der Chirurg zuständig, für alles andere der Internist.

Was halten Sie von Flohsamenschalen?

Flatz: Wenn Sie eine ballaststoffreiche Ernährung brauchen, können Sie Flohsamen nehmen.

Wie läuft eine Darm-Vorsorgeuntersuchung ab?

Flatz: Man kommt zum Vorgespräch, erhält ein Abführmittel, das man nach Plan trinken muss, dann erfolgt die Untersuchung entweder unter Betäubung oder ohne. Sie dauert ca. dreiviertel Stunden und ist auch beim niedergelassenen Arzt möglich

Wie kann man die Darmdurchblutung fördern?

Flatz: Das ist ein schwieriges Kapitel, weil die Ursache der Störung häufig unklar ist. Oft sind Gefäßschäden an anderen Organen vorhanden. Man kann jedoch nur die Blutplättchen hemmen, um die Durchblutung in den Engstrecken im Darm zu fördern. Beim Dickdarm stirbt in aller Regel nur die Schleimhaut ab. Die erholt sich aber wieder sehr gut.

Wie wirkt sich die Einnahme von Morphinpräparaten auf Magen und Darm aus?

Malin: Morphinpräparate setzen die Transportfunktion von Magen und Darm herab. Das führt sehr oft zu Verstopfung. Bei Dauerbehandlung ist deshalb die regelmäßige Einnahme von Abführmitteln nötig. Sie verursachen jedoch keine relevanten Veränderungen an den Organen selbst.

Wenn ich in der Früh einen halben Liter Kaffee trinke, ist die Milch oder der Kaffee an einem dünnen Stuhlgang schuld? Bei einem Viertelliter passiert das nicht.

Flatz: Das ist wie vieles in der Medizin eine Frage der Dosierung. Der halbe Liter ist zu viel, der Viertelliter wird in diesem Fall wohl gerade richtig sein.

Wie schnell metastasiert ein Darmtumor?

Flatz: Er metastasiert erst ab einer bestimmten Eindringtiefe und dann in aller Regel zuerst in die Leber.

Kommen die Metallklammern, die im Darm gesetzt werden, wieder heraus und wie funktioniert das Darmtraining?

Flatz: Wenn man Stuhldrang hat, sollte man dem nachgeben, sich 15 Minuten Zeit nehmen und so lange auf der Toilette sitzen. Die Metallklemmen bleiben im Darm. Sie gehen mit dem Stuhlgang ab. Die Schleimhaut heilt problemlos unter den Klemmen ab.

Was heißt kraftvoll in Schwung bleiben?

Flatz: Wenn man gesund ist . . . Malin: . . . und vital lebt.

Soll man bei Reflux die Säureblocker prophylaktisch einnehmen?

Malin: Das kann man machen, wenn man nie beschwerdefrei wird, gehört das Sodbrennen aber abgeklärt.

Wie viele der gesunden Joghurt-Bakterien erreichen den Dünndarm?

Flatz: Man muss schon eine große Menge zu sich nehmen, weil sehr wenige Bakterien das saure Magenmilieu überleben.

Ab wann und wie lange darf man Abführmittel nehmen?

Flatz: Wenn nichts mehr hilft, soll man Abführmittel nehmen, aber solche, die keine Gewöhnungseffekte machen, sondern das Volumen im Darm vermehren. Dazu zählen beispielsweise Faserpräparate. Vorrangig sollte man jedoch versuchen, die Verdauung durch Bewegung und ballaststoffreiche Ernährung zu regeln.

 

Der Vortrag als Video

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