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Baukulturelles Destillat

©Petra Rainer
In St. Anton im Montafon errichtete eine Bauherrin 2009 einen Zubau zu einem Altbestand. Sowohl funktional wie ästhetisch treffen hier zwei Welten aufeinander – und harmonieren doch bestens.
Baukulturelle Destillat

Etwas oberhalb der Silvretta- bzw. Montafoner Straße, versteckt in einem Wohngebiet, ist die Brennerei Stocker situiert. Von der Zufahrtsstraße aus ist das Gebäude als traditionelles Montafoner Wohn- und Wirtschaftsgebäude erkennbar. Hier stellt Ulrike Stocker Edelbrände und Liköre her – und das in halbprivatem, pittoreskem Ambiente. Wenn feine Obstbrände destilliert werden sollen, braucht es dafür auch optimale Produktionsbedingungen und da das kleine Unternehmen auch Vertrieb und Marketing samt Verkostungsveranstaltungen bewältigen muss, war das Platzangebot im Altbestand bald zu klein. Ein moderner Betrieb, wie ihn Ulrike Stocker führt, braucht auch ein zeitgemäßes Umfeld. Tradition war ihr dennoch wichtig. So war die Entscheidung für einen Zubau schnell getroffen. Das Thema „Weiterbauen am Land“ – Architekturhistoriker Christoph Hölz und Denkmalpfleger Walter Hauser haben diesem Phänomen ein lesenswertes Buch und eine wohlkonzipierte Ausstellung gewidmet – ist ein sensibles Feld. Historische Strukturen zu erhalten und wertige Bausubstanz zu pflegen ist schwer genug. Wenn dazu der Wunsch nach Entwicklung und Erweiterung kommt, passieren nicht selten ästhetische und strukturelle Unglücksfälle – aber das ist eine andere Geschichte.

Manchmal braucht es den Kontrast, um zu einem harmonischen Ganzen zu finden. So entschied sich die Bauherrin auf Zuraten ihrer Architekten auch zu einem zeitgenössischen Anbau in neuer Materialität und neuer Formensprache. Der Anbau sollte ein eigenständiger Baukörper werden, der respektvoll das Alte erhalten und ergänzen sollte. Ulrike Stocker hat als Bauherrin eine klare Bauaufgabe formuliert und Offenheit signalisiert für die Entwürfe der Architekten. Hans-Peter Lang und Christian Vonier haben der Aufgabe geantwortet, indem sie eine Skulptur entworfen haben, die sich als völlig eigenständiger Baukörper neben das bestehende Haus stellt. Der Maßstab blieb, die äußere Form wurde erhalten und durch ein neues Gebäude ergänzt, das mit einem verglasten Stiegenhaustrakt an den Bestand andockt.

Besucher/innen der Brennerei betreten diese über einen ländlich gestalteten Vorplatz, der durch die raumhohen Verglasungen die Blicke sofort ins Innere und zum Thema des Gebäudes führt. Gleich im Erdgeschoß thront dort eine faszinierende Apparatur. In dieser Werkstatt wird die Maische hergestellt, nebenan gliedert sich ein kleines Labor an. Die Räume im ersten Geschoß werden über eine Stahltreppe erschlossen. Die Außenwände der Baukörper werden in diesem Raumteil zueinandergeführt. Im Degustationsraum mit kleiner Küche und Verkaufs- bzw. Präsentationsraum verbinden sich edle Getränke mit edlem Stil. Hier ist viel Platz für die Gruppen. Für gepflegte Verkostungen empfiehlt die Hausdame eine Anzahl von maximal 12 Personen. Privat geht es im Dachgeschoß weiter. Dort hat Ulrike Stocker ihren Wohnraum um ein Wohnzimmer und eine kleine Terrasse mit herrlichem Ausblick auf die imposante Bergwelt des Montafon erweitert. Betreten werden kann dieses Geschoß nur vom Altbau her – „ich habe viele Gäste im Haus. So kann ich meine Privatssphäre unkompliziert wahren und bin doch immer verfügbar.“ In der Unterkellerung sind Lager- und Haustechnikräume untergebracht.

Unterschiedliche Funktionen wurden im Gebäude durch verschiedene Materialisierungen thematisiert. Die Räume für die Produktion sind mit Gipskartonplatten und keramischen Belägen ausgestattet, die privaten Räume wurden mit Birkensperrholzplatten ausgebaut.

Im Innenausbau fanden einige Details wie integrierte Schaukästen oder ein Glas-Screen, der auch als Leinwand nutzbar ist, Platz. Stimmungen werden durch ein fein durchdachtes Lichtkonzept zum atmosphärischen Träger. Die Brennerei Stocker ist in vielem ein Vorbild: als kleiner Herstellerbetrieb und als wertige Ergänzung im ländlichen Wohnumfeld. Für die Baukultur im Montafon steht sie für die mutige Haltung der Bauherrin, in einem traditionellen Umfeld Zeitgenössisches zu wagen und damit die kulturelle Entwicklung einer Region weiter zu tragen.

Daten & Fakten

Objekt Brennerei Stocker, St. Anton i. Montafon
Bauherrin Ulrike Stocker
Architektur lang vonier architekten ZT GmbH; MA Nina Reith, www.lang-vonier.com
Statik Frich & Schöch ZT GmbH; DI Dietmar Schöch
Fachplaner Bauphysik: BDT | IB Ing. Karlheinz Wille, Frastanz; Elektro: Josef Egele, Vandans
Bauleitung Maier Bauconsult, Schruns
Baufirma Jäger Bau , Schruns
Planung 2006–2008
Ausführung 2008
Nutzfläche 175 m²
Überbaute Fläche 85 m²
Bauweise: Komplettes Gebäude mit Außenwänden und Decken aus Stahlbeton. Dämmlage innen angebracht, verkleidet mit Fliesen im Erdgeschoß, sonst mit Sperrholz. Stahlbeton: Zu den von der Norm vorgesehenen 25 cm Stärke wurden 5 cm dazu gegossen, davon wurden mit einem Rechen 2 cm wieder abgekratzt. Die Fassade ist daher konglomeratartig mit Rundkorn grau-braun. Fenster aus geölter Eiche. Dachmaterial Kupferblech und beschiefertes Bitumen. Blecheinfassungen aus Kupfer, Balkonverkleidung aus Stahlplatten.
Besonderheiten: Innenliegende Dachterrasse für Privatnutzung (Erweiterung der Wohnung im Dachgeschoß)
Ausführung: Baumeister: Jäger Bau Schruns, Elektro: Josef Egele, Vandans; Heizung: Franz Egele, Vandans; Spengler: Heiner Stemer, Schruns; Fenster, Verglasungen: Josef Feuerstein, Bludenz; Metallbau: Thomas Zudrell, Schruns; Estrich: Ebner, Lustenau; Ofenbau: Seewald, Götzis; Kamin: Baurenhas, Alberschwende; Maler: Liepert, Bludenz; Fliesenlegerin: Angelika Hepperger, Schruns

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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