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Batman im Kirchturm

Kirche Sulz
Kirche Sulz ©Dietmar Stiplovsek
Die Kirche hat ein Herz für Tiere. In der Pfarrkirche Ludesch genießen Fledermäuse seit mindestens 140 Jahren Asyl und in Sulz entdeckten Forscher eine seltene Fledertierart.

Die Fledermaus

Die Fledermäuse (Microchiroptera) sind eine Säugetiergruppe, die zusammen mit den Flughunden (Megachiroptera) die Gattung der Fledertiere (Chiroptera) bilden. Weltweit gibt es rund 900 Fledermausarten.

Fledermäuse sind nahezu weltweit verbreitet, sie kommen auf allen Kontinenten der Erde mit Ausnahme der Antarktis vor. Die meisten Fledermausarten ernähren sich von Insekten, die sie teilweise im Flug erbeuten. Größere Arten fressen auch kleinere Säugetiere wie Nagetiere, kleinere Zugvögelarten und andere Fledermäuse, Frösche und Fische. Mit ihrem Echoortungssystem (oder auch Ultraschallortung) ist es Fledermäusen möglich, sich im Dunkeln zurechtzufinden und Insekten zu jagen, ohne ihre Augen einzusetzen. Dabei stoßen sie Ultraschallwellen aus, die von Objekten als Reflexionen zurückgeworfen werden. In China gilt die Fledermaus als Symbol für Glück und Gewinn. Dies spiegelt sich in dem chinesischen Wort ‚fu‘ wider, welches zugleich ‚Glück‘ und ‚Fledermaus‘ bedeutet. In Europa ist die Fledermaus seit der Antike überwiegend negativ besetzt. Die Bibel schreibt Fledermäusen negative Eigenschaften zu, zählt sie zu den unreinen Tieren und bringt sie in Verbindung mit heidnischen Götzenbildern.

Sie sind eifrige Kirchgänger. Sie schätzen die himmlische Ruhe. Sie lieben die großen, unausgebauten und nicht isolierten Dachstühle, die relativ dunkel sind. Kein Wunder, dass Fledermäuse mit Vorliebe in Kirchtürmen ihr Sommerquartier aufschlagen und dort ihren Nachwuchs aufziehen.

Und damit diese Idylle auch künftig erhalten bleibt, kümmert sich der Klauser Manfred Vith (49), Umweltbeauftragter der Diözese Feldkirch, liebevoll um die menschenscheuen Flattermänner.

Vetreibung verhindern

„Mir ist es wichtig, dass sich die Kirche ihrer Schöpfungsverantwortung gegenüber den Tieren bewusst wird“, erklärt Vith, im Zivilberuf Personalchef bei der Firma Omicron, gegenüber der Neue am Sonntag, sein tierisches Engagement. Eine engere Schindelung oder eine veränderte Belüftung können zu einer schwerwiegenden Änderung des Kleinklimas in einem Kirchturm führen, weiß der studierte Biologe. „Das ist sehr heikel und könnte das Aus für eine Fledermaus-Kolonie bedeuten. Eine solche Vertreibungspolitik gilt es zu verhindern“, betont der studierte Bio­loge. Die Kirche habe aber in diesem Bereich viel dazugelernt. Jüngstes Beispiel ist die Sanierung des Kirchturmes in der Pfarrkirche Ludesch.

Dort konnte der leidenschaftliche Fleder­mausschützer Hans Walser aus Düns eine Kolonie von Großen Mausohren retten. Ursprünglich hätte im Zuge der Turmsanierung das Fledermausquartier geschlossen werden sollen. Das Bundesdenkmalamt hatte bereits seinen Segen dazugegeben. Der Turm wurde aber schließlich in Abwesenheit der Tiere, während ihres Winterschlafs in Höhlen, fleder­mausgerecht saniert. Die Kolonie der Großen Mausohren, sie gilt mit über 300 Tieren als größte in Vorarlberg, genießt damit weiterhin das Wohnrecht in den kirchlichen Gemäuern. Und das nicht seit gestern.

Das Große Mausohr in der Ludescher Kirche hat Pater Th. A. Bruhin von der Propstei St. Gerold bereits 1868 im Turm der Pfarrkirche St. Sebastian beschrieben. In seiner Aufzählung der „Wirbelthiere Vorarlbergs“ ist zu lesen: „Häufig in der Pfarrkirche zu Ludesch, wo der Koth dieser Thiere den Estrich stellenweise über die Hälfte bedeckt. Diese Arth verräth ihr Dasein überdies durch ein beständiges Gekreische, welches sie aufgejagt ausstösst.“ Kolonien des Großen Mausohrs gilt es übrigens heute sonst nur noch in Sulz und in Thüringen.

Sensationelle Entdeckung

Apropos Sulz: Dort machten Fledermausforscher erst kürzlich eine sensationelle Entdeckung. Das seltene und in ganz Europa geschützte Kleine Mausohr hat sein Sommerquartier in der dortigen Pfarrkirche aufgeschlagen.

Flüchtling aus der Schweiz

Aufmerksam wurde man auf den kleinen Flattermann aber eher zufällig, wie Vith betont. Ein mit einem Sender ausgestattetes Kleines Mausohr – es stammt aus einer 650-köpfigen Kolonie in der evangelischen Kirche in Eichberg in St. Gallen – hatte sich über die Grenze abgesetzt. Fledermausforscher orteten den Flüchtling in der Nähe der Sulzer Kirche. Bei einer Nachschau im Kirchturm gab es dann eine noch größere Überraschung. „Wir entdeckten eine Kolonie von weiteren 80 Kleinen Mausohren. Vorher wussten wir nur, dass dort das Große Mausohr haust“, erzählt der Biologe.

Sensible Säugetiere

Fledermäuse sind überaus sensible Säugetiere. „Sie stellen sehr große Ansprüche“, weiß Vith. Die Fledertiere mögen nur extensiv bewirtschaftete Wiesen und fliegen bis zu zwölf Kilometer, um nach Laufkäfern und Alpenheuschrecken zu jagen. „Wenn dieser Lebensraum verschwindet, dann erlöscht auch die Fledermaus-Kolonie“, warnt der Tierschützer aus Leidenschaft. Und dann ist der „Batman im Kirchturm“ in Vorarlberg ernsthaft vom Aussterben bedroht.

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