Autoren inszenieren ihre Arbeit im Literaturmuseum

Woher kommt ein Text? Wie entsteht Literatur? Diesen Fragen will das Wiener Literaturmuseum in seiner ersten Sonderausstellung auf den Grund gehen. Dafür hat das Haus zehn zeitgenössische heimische Autoren - von Kathrin Röggla bis Clemens J. Setz - eingeladen, ihr eigenes Schreiben zu inszenieren. Die vielschichtigen Zugänge sind ab Samstag zu begutachten.


Die ausgewählten Schriftsteller – fünf Frauen und fünf Männer – stünden mit ihrem Werk in einer guter österreichischen Tradition, indem sie sich durch “Lust und Hang zur interdisziplinären Arbeit” auszeichneten, sagte Museumsdirektor Bernhard Fetz am Freitag anlässlich einer Presseführung. Multimedialität wird auch in der im dritten Stock des Ausstellungshauses präsentierte Auseinandersetzung der Schreiber mit ihrem eigenen Arbeitsprozess großgeschrieben.

Lyriker Ferdinand Schmatz hat etwa Ausrisse seines Tagesbuchs zu einzelnen selbstständigen Buchstaben verklebt und das Geschriebene somit gewissermaßen auf seinen Ursprung, das Alphabet, zurückgeführt. Clemens J. Setz hat sich die Malerin Katharina Weiß an seine Seite geholt. Sie hat versucht, die Setz’schen Metaphern in seinen Romanen als Sprach-Bilder – vom Schnurrbart im Goldfischglas bis zum denkenden Ei – auf Leinwand zu übersetzen. Brigitta Falkner wiederum stellt Storyboards, Zeichnungen, Diagramme und Comics für ihre literarisch-grafischen Arbeiten aus.

Auffallend ist, dass die Autoren ihre Person fast ausnahmslos hinter dem Werk verborgen halten. Einzig die Autorin und Zeichnerin Teresa Präauer ist mit einem Foto von sich präsent – wenn auch als Bleistift verkleidet und somit die Rolle der Textschöpferin ironisierend.

Recherchematerial wird in der “Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens” benannten ersten Sonderschau des Literaturmuseums ebenfalls zugänglich gemacht. Thomas Stangl zeigt Notizen, Landkarten und Öffi-Pläne, begleitende Lektüre oder Filmausschnitte. Anna Weidenholzer wiederum hat u.a. Info-Broschüren und -Blätter zum Thema Arbeitslosigkeit – ihr Roman “Der Winter tut den Fischen gut” hat eine joblose Textilfachverkäuferin zur Hauptfigur – und andere Notizen und Zeitungsausschnitte an eine Korkwand gepinnt. Kathrin Röggla wiederum hat ein exemplarisches Büro der von ihr beschriebenen Management- und Beratungswelt in die Ausstellungsräume verfrachtet – sprechendes Telefon und Wandkomposition aus Aktenordnern inklusive.

Die Kuratoren Wolfgang Straub und Angelika Reitzer betonten heute, dass man in Sachen Auswahl an Autoren herangetreten sei, die auch in ihrem Werk oder in einer bereits ausformulierten Poetik über ihr Schreiben bzw. ihre Sprache reflektieren. Dass Szenegrößen wie Thomas Glavinic oder Robert Seethaler nicht Teil des Projekts sind, verteidigte Museumschef Fetz mit dem Hinweis, dass man nicht nur auf Prominenz setze.

Die Schau ist die erste Sonderausstellung des ziemlich genau vor einem Jahr eröffneten Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek im ehemaligen k. k. Hofkammerarchiv. Sie läuft bis 12. Februar 2017, ein textreicher Begleitkatalog ist erhältlich.

Nationalbiblitothek-Direktorin Johanna Rachinger teilte mit, dass man seit der Eröffnung bis einschließlich Februar – für März gibt es noch keine Zahlen – etwas mehr als 20.000 Besucher gezählt habe, wobei sich die Touristenströme wegen oft nicht vorhandener Kenntnis der deutschen Sprache in Grenzen hielten. Allerdings habe man das Haus in der Johannesgasse inzwischen in einigen Reiseführern positioniert, ergänzte sie. Laut Fetz arbeitet man derzeit auch an eigenen neuen Themenführungen wie z. B. zu Migration und Literatur.

INFO: “Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens” im Literaturmuseum Wien, 1., Johannesgasse 6, 16. April bis 12. Februar 2017;

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