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Autor Köhlmeier: "Ein Leben als Leopard könnte mich reizen"

Autor veröffentlicht 960-Seiten-Roman "Matou"
Autor veröffentlicht 960-Seiten-Roman "Matou" ©APA/GEORG HOCHMUTH

Kater Xavi ("Nach dem Fußballer") lässt sich gerade nicht blicken, und auch die dreifärbige Katze, die "von jedem, der sie anspricht, einen anderen Namen hat", ist anderswo unterwegs. "Für uns sind Katzen keine Schmusetiere. Sie haben freien Zugang und können kommen und gehen, wie sie wollen. Manchmal wollen sie gestreichelt werden und manchmal nicht - und das soll auch so sein", erklärt Michael Köhlmeier. Die Titelfigur seines neuen Romans ist ein Kater: "Matou".

3 Wochen lang gelesen

Der Autor wirkt beim APA-Besuch an diesem herrlichen Sommertag auf der Gartenterrasse seines Hauses in Hohenems ganz entspannt. Das Schreiben an seinem Buch, aus dem er morgen, Donnerstag, im Rahmen der O-Töne im Wiener Museumsquartier das erste Mal lesen wird, und das wenige Tage später in den Handel kommen wird, hat er bereits im späten Frühjahr 2020 abgeschlossen. "Man musste dem Lektorat eine gewisse Zeit geben, weil es so dick war", sagt er. 960 Seiten dick, um genau zu sein. Für das Hörbuch hat Köhlmeier drei Wochen lang "jeden Tag gelesen": "Das größte Hindernis dabei war das Bauchknurren. Die Mikrofone sind dermaßen fein. Das geht einfach nicht!", erzählt er schmunzelnd und berichtet von seinem Geheimrezept dagegen: "Haferflockenmus - nicht zu flüssig, nicht zu fest, nicht zu süß."

Sein Matou hat sieben Leben. Angelsächsische Katzen, denen sein mitteleuropäischer Kater begegnet, haben gemäß der dortigen Überlieferung sogar neun Leben. "Ich war dann doch froh, dass es nur sieben sind", lacht der 71-Jährige. "So gesehen ist der Roman ja gar nicht dick. Das sind ja nur knapp 150 Seiten pro Leben. Da braucht ja sogar meine Frau Monika Helfer mehr pro Buch." Köhlmeier ist dagegen ein Erzähler, der erst in der epischen Breite zur wahren Form aufläuft. 780 Seiten umfasste sein bisherigen Opus Magnum, das 2007 erschienene "Abendland".

"Ausnahme-Langsam-Leser"

Sich selbst charakterisiert er als "Ausnahme-Langsam-Leser. Ich bin ein bisschen Legastheniker, und das Romanlesen zelebriere ich richtig. Ich hätte mir immer gewünscht, dass ich schneller lesen könnte." Sein Kater Matou dagegen ist ein Phänomen. 20 Minuten braucht er für die Lektüre von "Anna Karenina", ein Mittagsessen reicht aus für die gesammelten Werke von Immanuel Kant. Richtig: Matou kann lesen. Und schreiben. Und sprechen. Der erste, zu dem er spricht, ist sein Herrchen Camille Desmoulins im Paris des Jahres 1794. Der wäre darüber möglicherweise zu Tode erschrocken, hätte ihm nicht Sekunden später ohnedies das Fallbeil den Kopf vom Leib getrennt.

Genau dort sei auch die Ausgangsidee seines Romans gelegen, berichtet Köhlmeier: "Ich habe einen Stahlstich von der Guillotine während der Französischen Revolution gesehen und mich gewundert, dass sich lauter Katzen und Hunde unter ihr herumgetrieben haben. Dann habe ich mich kundig gemacht, und es kam raus, dass sie dort das Blut lecken. Daraufhin dachte ich, es wäre interessant, die Französische Revolution aus einer ganz anderen Sicht zu beschreiben. So etwas ist natürlich ein satirischer Entwurf. Gleich war auch die Idee da, dass Katzen ja sieben Leben haben - und dass das zweite unweigerlich bei E.T.A. Hoffmann sein muss, weil er ja die 'Lebensansichten des Katers Murr' geschrieben hat. Bei einem Spaziergang in Döbling hab ich dann ein Häuschen am Rand der Weinberge gesehen, mit einer netten alten Frau davor. Das kam mir so wie eine Idylle vor, dass ich mir gedacht habe: Das gönne ich ihm, dort soll er in seinem siebenten Leben in aller Ruhe seine Memoiren schreiben."

Geschichte aus Sicht eines Katers

Um was es in den Katzen-Memoiren geht? "Matou sagt einmal selber alles, was über den Roman zu sagen ist: Es ist die Geschichte der Aufklärung von der Französischen Revolution bis heute aus der Sicht eines Katers." In dieser "an sich einfachen Konstruktion", in die er auch wieder sein Alter Ego, den Schriftsteller Sebastian Lukasser, eingebaut hat ("Ein Alter Ego ist ja keine autobiografische Figur, da muss man nicht in allem die Wahrheit sagen."), gelangt Matou auch auf die Katzeninsel Hydra: "Ich habe mir gedacht, da mache ich ein Kapitel, in dem Menschen keine Rolle spielen, und lasse ihn eine Katzenrepublik gründen - oder besser eine Katzendiktatur, denn er hat ja seinen Machiavelli gründlich studiert." Im Kongo wird Matou später als Leopard wiedergeboren und die blutige Kolonialgeschichte mit afrikanischer Erzähltradition verbunden. "Es gibt dort eine unzählige Menge von Märchen und Mythen über Leoparden, mehr als über Löwen. Ich glaube der Löwe gibt nicht viel her als Handlungsträger. Der Leopard ist viel aktiver und eigentlich auch schöner."

Dass die Katze Matou zur afrikanischen Raubkatze werden kann, liegt an Köhlmeiers spezieller Konstruktion des Katzen-Jenseits, das er "das Weggemachte" nennt. Dort werden nach Möglichkeit Wünsche erfüllt, dort darf man sich im "großen Katalog" wie auf einem modernen Computerbildschirm Trailer möglicher nächster Leben ansehen und dann seine persönliche Wiedergeburts-Wahl treffen. "Ich wollte das so sachlich wie möglich und mit so wenig religiösem Schwarm, wie es nur geht. Es ist eine nüchterne Angelegenheit, wie ein Umsteigebahnhof. Wenn auch wir derartige Entscheidungshilfen im Jenseits hätten, fände ich das gut. Einmal ein Leben als Leopard zu führen, könnte mich schon reizen", lacht der Autor.

Wie Köhlmeier leben wollen würde

Hätte auch der Mensch sieben Leben und Auswahlmöglichkeiten in der Vergangenheit - was wären weitere Optionen, die sich Köhlmeier am liebsten erfüllen würde? Keine leichte Frage, gibt er zu. "Ein Leben würde ich ohne Zweifel gerne im Athen des Perikles verbringen, natürlich nicht als Sklave, sondern als Peripatetiker bei den Philosophen in der Akademie. Aber man muss sich ja auch den damaligen Alltag nach heutigen Ansprüchen vorstellen - ob das so erstrebenswert wäre? Deswegen würde ich das Mittelalter wohl am liebsten auslassen. Wenn es sein müsste, dann würde ich mich am ehesten in ein Kloster wünschen, wie Adson von Melk in 'Der Name der Rose'. Das 19. Jahrhundert wäre natürlich sehr schön, etwa Weimar, nicht nur in der Goethezeit, auch später. Im 19. Jahrhundert würde ich gerne dem Bildungsstand angehören oder ein Fabrikant sein - aber dann ist man ein Schwein, das wäre auch nicht gut. Wenn man nicht zu den Privilegierten gehört, ist es eigentlich nur in der Jetztzeit erträglich."

Ein Trick, dessen Köhlmeier sich in "Matou" bedient, ist die Möglichkeit, große philosophische Fragen durch eine andere Perspektive zu diskutieren. "Wenn der Kater große Fragen der Menschheit neu stellt, ist das nie peinlich. Er geht es ganz anders an als ein Mensch und hat obendrein alles parat, was er gelesen hat." Die Literaturlisten, die der belesene Kater seinem siebenten Herrchen, dem Studenten Daniel, regelmäßig mitgibt, sind tatsächlich gewaltig. Wie viel davon hat der Autor beim Schreiben selbst in Anspruch genommen? "Ich habe mir bei allen diesen Büchern was rausgeholt. Vor allem habe ich aber Sprachwissenschaft nachgeholt. Ich hab das zwar damals in Marburg studiert, doch damals lag das Gewicht ausschließlich auf der generativen Transformationsgrammatik von Noam Chomsky."

Andy Warhol als Herrchen

Chomsky lässt Köhlmeier nun in einer seiner Lieblingsszenen auf Matou treffen - in einer prominenten Runde, die Andy Warhol zu sich eingeladen hat - vorgeblich um die Frage "Ist Gott eine Metapher?" zu besprechen und eine neue Droge zu testen, in Wirklichkeit, um ihre Reaktion auf einen sprechenden Kater zu testen. "Es war mir sehr früh klar, dass ich Andy Warhol als eines seiner Herrchen nehme, denn ich wusste, er hatte 18 Katzen. Zu allen hat er Sam gesagt bis auf eine, die er auch dann noch behalten hat, als er zwei Hunde bekommen und die Katzen weggetan hat. Warhol hat ja buchstäblich alle gekannt, sein Tagebuch ist Namedropping auf allerhöchster Ebene."

Auch einen weiteren Prominenten trifft Matou 1912 in Prag: den Affen Rotpeter aus Kafkas Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie". "Das ganze Prager Kapitel steht für mich unter der Schutzherrschaft von Franz Kafka", sagt der Autor. Als Gegenfigur zu Rotpeter, der ein Mensch werden möchte, hat er die Gattin von Matous Prager Herrchen gesetzt, die ein Tier werden möchte - und als solches im Wald von einem Jäger erschossen wird. "In diesem ganzen Kapitel geht es um Selbstmord - ein kollektiver Selbstmord als Bild für den Ersten Weltkrieg."

Vollgepackter Roman

Viel hat Michael Köhlmeier in seinen Roman gepackt: Menschliches und Tierisches, Historisches, Philosophisches und Literarisches. Viele Gedichte sind über die einzelnen Kapitel des Buches verstreut. "Viele Gedichte sind von mir und viele sind nicht von mir. Und es gibt auch Gedichte, bei denen der Anfang von jemandem anderen ist und dann von mir weitergeführt wird. Die von mir hoch verehrten Herren Eichendorff und Chamisso sind da natürlich vertreten. Aber ich habe auf exakte Quellenangaben verzichtet. Es ist ja kein Sachbuch."

Das, könnte man meinen, liefert er aber außerdem noch dazu: Gleichzeitig mit "Matou" erscheint ein Bändchen Köhlmeiers in der "Gedankenspiele"-Reihe des Droschl Verlags: "Über das Gelingen". Hat man so einen Mammutroman erfolgreich abgeschlossen, fällt es einem leicht, über das Gelingen zu schreiben, möchte man meinen. "Ich hatte zwar schon das Gefühl, dass mir mit dem Roman etwas gelungen ist, aber zwischen diesem Gefühl und dem über das Gelingen Schreiben zu können, ist ein großer Unterschied. Tatsache ist: Ich hab es nicht geschafft. Ich wollte einen Essay schreiben, bin aber auf nichts gekommen, was nicht vier Andere genauso schreiben könnten. Also bin ich auf eine altehrwürdige literarische Form gekommen, die jedoch in keinem guten Ruf steht, nämlich die Anekdote. Ich habe also Anekdoten geschrieben, die um das Thema Gelingen kreisen."

Sprechende Katzen kommen in dieser Anekdotensammlung übrigens nicht vor, aber - jedenfalls nach Plutarchs Beobachtung - mit Schwalben sprechende Schafe. Worüber, so sann der Philosoph nach, würden die wohl miteinander reden? "Wahrscheinlich über die Kinder."

(APA)

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