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Ausgewünscht

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Das Wünschen wär schon recht. Wär wohl persönlich gedacht. Du gibst die Hand und sagst: „Ein Gutes Neues Jahr“. Am Telefon wünscht das eine körperlose, entfernte obertongefilterte Stimme. Viber liefert ein Bild dazu mit Kindern vor ein paar Christbaumkugeln. Verwandte geistern als Grinsgesichter durch die Feuerwerksnacht. Alle Welt lächelt jetzt ins Leere. Es ist das große Wörterwünschen. Man schickt Phrasen rundum. Whatsapp quillt über, ein Ikonsturm, lustige Bildchen, vor allem kitschige, Haha-Comics, Hahaha-Clips, tausendfach kopiert, weitergeleitet. „Wollt ihr den totalen Kitsch?“ brüllt König Apple. Jaaaaaaaa! Die Grafiksauce der ganzen Welt zieht in die ungeschützten Hirnablagen. Millionen Medienkanäle spülen ausgepresste Glücksbotschaften in die Kloake der eseltherischen Neujahrsbrühe. Es ist ein Shitstorm geworden, das Wünschen.

Früher? Da sind wir Kinder noch zur Tante Irma wünschen gegangen, die hat so gute Keks gehabt. Wir haben 5 Schilling gekriegt und andere Kekse als zuhause und Himbeersaft. Als wir 16 waren gingen wir noch immer hin, da hat es dann mit dem Schnäpsle begonnen, mit dem Bier. Nicht selten sind wir stockbesoffen nach Hause gekommen.

Es ist ein fürchterliches Dichten, so a Neujahrskolum und drum suche ich, sperre Augen und Ohren auf. Ich lese das Buch „Kritik der Migration“ von Hannes Hofbauer. Das Buch empfehle ich denen, die noch nicht linksrechts schubladisiert sind. Da kritisiert einer auch die Linken, nicht nur die Rechten. Während ich lese, läuft der Fernseher, das schmutzige Aquarium. Es kommt mir eine Idee. Grad will ich sie festmachen, da tapst das Staatsbellen mit hängenden Schultern in die ORF-Röhre. „Europa“ hör ich, „Europa, Europa“, flehend, bittend, winselnd. Uropa wirbt Jugend für Europa. „Europawahlen“ seien 2019. Und es gehe (wieder einmal) um alles, großvattert er, es gehe um – Achtung jetzt kommen die Klonwörter – „Frieden, Gemeinsamkeit, Menschenrechte, Zukunft …“ er zwingt sich ein verknittertes Lächeln ab. Worthülsengesäusel. Der alte König als Europa-Bettler? Wenn einer so redet, hat er längst verloren. „Lieber Matthias“ sagt er jetzt, schwenkt um auf Märchenopa, erzählt einem virtuellen „kleinen Matthias“, was EurOpa ist. Europa schmecke “so süß und bunt” wie das Eis bei einem Urlaub am Meer, sei aber auch “ein bisschen so wie dein Kindergarten”, erklärt der Präsident, der treuherzige. Ganz lieb. Europa sei wie Welan: „Wehe es fällt aus, dann ist die Hölle los!“ Die Rede ist tatsächlich abdrehenswert. Fällt sie aus, fehlt nichts. Ping. SMS. Mein lokaler Informant, der Bahnhofskönig, blinkt herein: „Deutscher dirigiert … Neujahrskonzert … War das notwendig?“ Ausgewünscht. Dreikönig ist.

©Ulrich Gabriel
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